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„Man filtert die Wirklichkeit“

Studie: Deutsche verdrängen Krieg in der Ukraine - mit mäßigem Erfolg

Die Deutschen versuchen einer Studie zufolge, den Krieg in der Ukraine weitgehend zu verdrängen. Bild: Luftaufnahme eines durch russischen Beschuss zerstörten Wohngebiets in Irpin in der Nähe von Kiew (Ukraine).

Köln. Die Deutschen versuchen einer Studie zufolge, den Krieg in der Ukraine weitgehend zu verdrängen. Nach einer kollektiven Schockstarre zu Kriegsbeginn Ende Februar werde zurzeit mit allen Kräften versucht, Normalität zu beschwören, sagte der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold-Instituts, am Dienstag in Köln. „Das gelingt aber nur zum Teil. Der Krieg bleibt im Hintergrund immer präsent, vergleichbar mit einem Tinnitus, einem irritierenden Ohrgeräusch.“

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Der Studie liegen 130 tiefenpsychologische Interviews zugrunde. Zwölf Probanden wurden aktuell noch in der vergangenen Woche in Gruppeninterviews befragt.

„Man filtert die Wirklichkeit“

Die Schockstarre vom Anfang sei auf Dauer nicht durchzuhalten, sagte Grünewald. Deshalb werde nach dieser ersten Phase nun versucht, die Kriegswirklichkeit aus dem Alltag auszublenden. Viele Menschen hätten zum Beispiel Eilmeldungen auf dem Handy deaktiviert oder hörten gezielt nur noch jenen Fachleuten zu, die die Kriegsgefahr relativierten.

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„Man filtert die Wirklichkeit“, folgerte Grünewald. „Quer durch die Milieus haben die Menschen ihr Medienverhalten geändert. Viele boykottieren Nachrichten komplett, andere schauen nur noch Videotext, weil sie da nicht mit Bildern konfrontiert werden.“

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Pandemie ist vertrautes Terrain

In den tiefenpsychologischen Gruppendiskussionen und Interviews hätten die Teilnehmenden immer wieder versucht, das Thema Ukraine-Krieg zu umschiffen. Sie hätten lieber über etwas anderes gesprochen, etwa über Corona. Die Pandemie sei nach mehr als zwei Jahren vertrautes Terrain. Man habe zudem das Gefühl, das Risiko durch das eigene Verhalten beeinflussen zu können. Beim Krieg sei das nicht der Fall. „Da ist es eben so, dass auf Knopfdruck die ganze zivilisierte Welt vernichtet werden könnte. Dieser Gedanke ist schwer auszuhalten.“

Konkret auf den Krieg angesprochen, hätten die Interviewten zum Beispiel gesagt, Kriege habe es ja immer schon gegeben, und die Ukraine sei weit weg. „Man versucht, das wegzuschieben.“ Doch die Kriegsrealität verfolge die Menschen bis in ihre Träume und finde Eingang in ihre Sprache. Bezeichnenderweise werde jetzt nicht mehr wie in der Corona-Pandemie von „hamstern“ gesprochen, wenn es um das Anlegen von Vorräten gehe, sondern von „bunkern“. Das früher als nerdig und extrem belächelte Bemühen um Selbstversorgung und Autarkie sei mittlerweile im Mainstream angekommen.

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Unterschwellige Angespanntheit

Mit unterschiedlichen „Strategien der Selbstbeschwichtigung“ versuchten die Menschen, die Kriegsangst in den Griff zu bekommen. Die einen gehen demnach ins Fitness-Studio, um sich für die harten Zeiten zu stählen. Die anderen suchen die Geborgenheit der Familie oder des Freundeskreises. Wieder andere geben sich dem Genuss hin, wollen noch besonders viele schöne Momente mitnehmen, bevor vielleicht bald alles vorbei ist. „Das ist vergleichbar mit den hedonistischen 1920er Jahren, dem Tanz auf dem Vulkan“, sagte Grünewald. „All diese Formen bringen eine Stabilität, zollen aber unterschwellig auch der Kriegsrealität ihren Tribut.“

Der Preis dafür sei eine unterschwellige Angespanntheit. „Natürlich kann man Ängste und Sorgen irgendwo wegfeiern, aber die Unbeschwertheit fehlt. Wir beobachten in unseren Studien eine latente Gereiztheit und Aggressivität“, sagte der Psychologe. „Auf Dauer führt das zu einem Gefühl der Erschöpfung.“

RND/dpa

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