Katastrophen durch Klimawandel: Folgen auch in Deutschland spürbar

Hochwasserkatastrophen, die durch die globale Erwärmung begünstigt werden, sind bereits in Deutschland angekommen – wie hier in der Eifel im Sommer 2021.

Hochwasserkatastrophen, die durch die globale Erwärmung begünstigt werden, sind bereits in Deutschland angekommen – wie hier in der Eifel im Sommer 2021.

Glasgow. Die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels sind schon da: Nicht nur am Nordpol, wo das Eis schmilzt, oder in Ostafrika, wo Menschen auch wegen zunehmender Dürren hungern. Auch die Hochwasserkatastrophe in Westdeutschland mit etwa 190 Toten im Juli ist nach Expertenansicht eine Folge der menschengemachten globalen Erwärmung. Auf dem am 31. Oktober beginnenden Klimagipfel im schottischen Glasgow sollen die Weichen gestellt werden, um die globale Krise einzudämmen.

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Die Staaten wollen die Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau deutlich unter zwei Grad halten, sie streben 1,5 Grad an. Bislang liegt die Erwärmung bei rund 1,1 Grad, mit regionalen Unterschieden. In Deutschland sind es bereits 1,6 Grad. Die fatalen Folgen: Je nach Region gibt es mehr Hitzewellen und Dürren sowie Starkregen, Stürme und Überschwemmungen. Wie ist die aktuelle Situation zwischen Nordsee und Alpen?

Hitzewellen dauern immer länger

Die Hitze-Sommer 2018 und 2019 in Deutschland ordnen Wissenschaftler nicht als zufällige Ereignisse ein. Die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen erhöhe sich um den Faktor zehn, wenn die Emissionen von Treibhausgasen eingerechnet werden, sagt Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Dies hätten Studien mit mehr als 1000 Simulationen ergeben. Eine weitere Erkenntnis: „Die Hitzewellen dauern immer länger.“ So gab es etwa in Leipzig, Dresden und Potsdam 2018 mehr als 30 heiße Tage mit mehr als 30 Grad Celsius – viermal mehr, als statistisch zu erwarten waren. Ähnliche Werte wurden 2019 registriert.

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Forschende ermittelten allein für 2018 in Deutschland rund 20.200 Todesfälle bei über 65-Jährigen im Zusammenhang mit Hitze. Das Jahr 2020 wurde durch die Pandemie geprägt. Mitte Juni 2020 fiel laut Statistischem Bundesamt eine auffällige Erhöhung der Sterbefallzahlen um 17 Prozent aber genau mit einer Hitzewelle und nicht mit dem Infektionsgeschehen zusammen. Es sei wichtig, dass Senioren, die oft zu wenig trinken, an heißen Tagen gut betreut werden, sagt Marx. Gesundheitsschäden könnten auch etwa Fabrikarbeiter in nicht-klimatisierten Hallen oder Bauarbeiter draußen erleiden. „Wir steuern auf eine medizinische Katastrophe zu, wenn wir den Klimawandel nicht begrenzen“, sagt Klimaforscher Mojib Latif vom Geomar in Kiel. Auch Tropenkrankheiten haben Deutschland erreicht.

Dürre ist ein Stressfaktor für den Wald

Die Hitze ist ein maßgeblicher Faktor für die Entstehung von Dürrewellen, da bei Hitze ein Großteil des Regens gar nicht erst in den Boden dringt, sondern sofort wieder über die Verdunstung verloren geht. Nach den Hitze-Sommern 2018 und 2019 hielt die Dürre in Deutschland laut Helmholtz-Forscher Marx bis Ende 2020 an, in manchen Regionen sogar bis zum Frühjahr 2021. Allein für 2018 werden die Schäden in der Landwirtschaft bundesweit auf 700 Millionen Euro bis 3 Milliarden Euro geschätzt.

„Dürre ist ein permanenter Stressfaktor für den Wald“, sagt Experte Marx. Infolge von Trockenheit in den vergangenen drei Jahren ging in Deutschland eine Waldfläche von rund 280.000 Hektar verloren – das ist mehr als die Fläche des Saarlands. Zwar waren das nur rund 2,5 Prozent der Waldfläche bundesweit, allerdings sind etwa im Harz und anderen Regionen riesige Flächen abgestorben. Getroffen wurden vor allem Monokulturen von Fichten, die vor 60 bis 80 Jahren angepflanzt wurden. Für die Holzwirtschaft bedeutet dies einen Schaden von mehreren Milliarden Euro. Allerdings bestehe nun auch die Chance, stabilere und gemischte Wälder aufzubauen, sagt Forstwissenschaftler Christian Ammer von der Universität Göttingen.

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Borkenkäfer vermehren sich schneller

Wegen der Hitzewellen und Trockenjahre gerät nicht nur die eigentlich in Skandinavien beheimatete Fichte unter Druck. Auch die heimische Rotbuche sei in vielen Gegenden Deutschlands bereits ziemlich gestresst, berichtet Ammer. Sowohl bei der Buche als auch bei der Fichte ist es selten die Trockenheit selbst, die zum Absterben der Bäume führt, sondern der Befall durch andere Organismen wie Borkenkäfer oder Pilze. Sie nutzen das aufgrund des Trockenstresses verminderte Abwehrvermögen der Bäume aus. Zudem vermehren sich Borkenkäfer wegen der ganzjährig milderen Temperaturen viel schneller als früher. Mit dem Klimawandel steigt zudem die Waldbrandgefahr.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein extremes Hochwasser auftritt, ist in vielen Regionen Deutschlands größer geworden. „Früher hatten wir klassische Fluss-Hochwässer an der Elbe oder am Rhein bei der Schneeschmelze“, sagt Ralf Merz, Hydrologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle (Saale). Aufgrund der Klimaveränderung bilden sich neue Wetterlagen, dies führt zu extremen Ereignissen wie lokal begrenztem Starkregen.

Hintergrund ist unter anderem, dass Wetterlagen sich langsamer von West nach Ost über Europa bewegen, weil der Golfstrom aufgrund des Klimawandels an Kraft verliert. Wegen des veränderten Windsystems bleibt zum Beispiel Regenwetter lange in derselben Region, was im Juli zu den katastrophalen Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und NRW führte.

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Klimaforscher: Brauchen systematische Veränderungen

Zu starken Regenfällen mit lokal heftigen Überschwemmungen kam es in der Vergangenheit vor allem in der Mittelmeerregion. Aufgrund des Klimawandels änderten sich in Deutschland die Hochwasserprozesse, sagt Merz: „Wir werden zum Beispiel auch in einigen bisher weniger betroffenen Mittelgebirgsregionen mit extremeren Hochwasserereignissen rechnen müssen.“ Notwendig seien funktionierende Warnsysteme sowie eine Anpassung der Instrumente zum Hochwasserschutz und der Landschaftsplanung, sagt der Hydrologe: „Wir sollten bei der Planung mehr von Extremen ausgehen.“

Klimaforscher Mojib Latif appelliert an die künftige Bundesregierung, das Thema ganz oben auf die Agenda zu setzen. „Alles, was klimaschädlich ist, darf nicht subventioniert werden.“ Aus Latifs Sicht sollte etwa die Dienstwagen-Besteuerung dringend reformiert werden. „Wir brauchen systemische Veränderungen: eine Energiewende, eine Mobilitätswende und eine Agrarwende“, betont er.

„Klimaschutz ist ein Innovationsmotor und sichert Wohlstand. Das Wort ist so negativ besetzt, ich spreche deshalb lieber von Zukunftsfähigkeit.“ Deutschland müsse sich an die Spitze der Bewegung setzen, fordert Latif: „Das ist auf lange Sicht deutlich günstiger als die Schäden zu beseitigen.“

RND/dpa

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