Japan: das Land der Geruchlosen

Waschmaschinentrommel (Symbolbild).

Waschmaschinentrommel (Symbolbild).

Einer unserer User hat gefragt, was er tun solle, wenn vom Sitznachbarn im Büro ein strenger Geruch ausgeht. Auf dem japanischen Businessportal Partners, wo sich das Land über Wünsche, Sorgen und Probleme aus der Arbeitswelt austauscht, sorgte diese Angelegenheit vor Kurzem für große Aufmerksamkeit. „In jüngster Zeit ist dies ein übliches Thema geworden“, kommentierten die Moderatoren auf der Website, weshalb sie gleich eine ausführliche Beratung dazu gaben. Titel: „Was ist ‚sumehara‘?“

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In Klammern wurde dieser Begriff gleich erläutert: Es handle sich um die Kurzform von „sumeru harasumento“, also die japanisierte Form des Anglizismus „smell harassment“, was auf Deutsch so viel wie Geruchsbelästigung bedeutet. „Es kommt häufig vor, dass es den Personen, von denen es ausgeht, nicht bewusst ist“, erklärten die Plattformmanager. „Aber die Person darauf hinzuweisen wäre schwierig. Der bessere Weg für alle wäre wohl, wenn man im ganzen Betrieb allgemein auf dieses Problem hinweist. Bitte erwägen Sie doch diese Lösung.“

Geruchsbelästigung ist eine der größten Sorgen

Wie viele Arbeitsplätze seither angenehmer geworden sind, wurde auf der Seite von Partners nicht weiter diskutiert. Was aber von anderen Umfragen bekannt ist: „sumehara“ zählt in dem ostasiatischen Land tatsächlich zu den verbreiteten Sorgen. Das Marktforschungsinstitut Planet fand vor drei Jahren heraus, dass „sumehara“ zu den fünf typischsten Belästigungsarten in Japan gehört. Noch häufiger sind nur die Ausnutzung von Macht, sexuelle Belästigung, die Diskriminierung von Müttern am Arbeitsplatz sowie Mobbing. Außerdem gaben in der Befragung 63 Prozent der Männer und 78 Prozent der Frauen an, sich auch jenseits des Geschäftslebens gelegentlich durch die Ausdünstungen anderer unwohl zu fühlen.

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Reinlichkeit hat Tradition: Bild eines Bade- und  Waschhauses aus dem frühen 19. Jahrhundert von Kitao Shigemasa.

Reinlichkeit hat Tradition: Bild eines Bade- und Waschhauses aus dem frühen 19. Jahrhundert von Kitao Shigemasa.

Shota Ishida kennt das Problem von der anderen Seite. „Das Gefühl, dass ich streng riechen könnte, hat mich immer wieder beschäftigt“, sagt der 30-jährige Unternehmer aus dem Norden von Tokio in einem Videogespräch. Aus seiner Sorge hat Ishida ein Geschäft gemacht. Als er vor fünf Jahren seine Masterarbeit in Volkswirtschaft schrieb und von der ausufernden Datenanalyse überwältigt die tägliche Körperpflege vernachlässigte, hielten seine Studienkollegen im Computerlabor allmählich Abstand von ihm. „Mir hätte natürlich niemand offen gesagt, dass ich stinke“, sagt er.

Ein Test verrät, ob man stinkt

Seit 2018 verrät dies aber Shota Ishidas Start-up Odorate. Der Betrieb hat sich darauf spezialisiert, Körpergerüche herauszufiltern und zu bewerten. Der Name setzt sich zusammen aus „odor“, lateinisch für Geruch, und „rate“, englisch für bewerten. Und es scheint, als habe der im Gespräch eher schüchtern, fast verzagt wirkende Ishida damit offene Türen eingerannt. Nach nur einigen Interviews zur Marktanalyse und einer konkreten Vorstellung für die nötige Analysetechnologie sammelte Ishida 10 Millionen Yen an Risikokapital ein, also etwa 750.000 Euro.

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Das Geschäft läuft. Um die 1400 Tests für je 15.000 Yen (rund 115 Eu­ro) hat Odorate seit der Gründung vor drei Jahren bis jetzt durchgeführt. Seinen Kunden schickt Ishida ein luftdicht verpacktes, geruchsneutrales T-Shirt, dazu ein Fläschchen mit Aktivkohle im Deckel. Die Kohle kleben die Kunden unter das Hemd, tragen es 24 Stunden lang und schicken es zurück an Odorate. In einem Ein-Raum-Labor im Tokioter Vorort Wako erhitzt Ishida das Shirt, um zu erkennen, an welchen Stellen sich Gerüche befinden. Dann gibt er eine Flüssigkeit namens Dichlormethan drauf und legt es in einen Ultraschallbehälter.

Anschließend lösen sich die Geruchsstoffe auf, können mit einer Spritze herausgelöst und in einen 30 Zentimeter hohen, würfelförmigen Analyseapparat gegeben werden. Der untersucht das Shirt auf 25 chemische Stoffe, die etwa in miefenden Achseln vorkommen. Eine Stunde später zeigt ein Bildschirm einen Wert zwischen null und fünf an. „Null bedeutet völlig geruchsneutral, ab drei dürften Personen im Umkreis etwas wahrnehmen“, erklärt Ishida. „Bei eins und zwei bemerkt man den Geruch erst aus unmittelbarer Nähe.“

Reinlichkeit hat in Japan lange Tradition

Es ist kein Zufall, dass ein Unternehmen wie Odorate in Japan entstanden ist. Wohl kaum auf der Welt ist die Kultur der Reinlichkeit so ausgeprägt wie hier. Wer einen Schrein des Shinto besucht, der japanischen Urreligion, stößt am Eingang auf ein traditionelles Waschbecken mit Bambuskellen und fließendem Wasser. Für den Besuch bei den Göttern wäscht man sich Hände und Gesicht. Im Sumo, der traditionellsten aller Sportarten Japans, streuen die Ringer vor jedem Kampf Salz in den Ring – eine Geste der Säuberung. Man geht in der Regel auch nicht ins Bett, ehe man nicht geduscht hat. Beispiele für solche Reinigungsrituale gibt es viele.

Zugleich ist eine andere Eigenschaft in Japan besonders ausgeprägt: die der Rücksicht. Vor allem im dicht bevölkerten Tokio, wo sich die Einwohnerinnen und Einwohner täglich eng an eng in U-Bahnen und auf Gehwegen drängeln, gehört es zum guten Ton, gegenüber den Mitmenschen möglichst nicht negativ aufzufallen. So schickt es sich nicht nur, Körperkontakt oder Lärm zu vermeiden – sondern auch aufdringliche Gerüche. „Zersetzen Sie Gerüche an Ihrem Jackett, indem Sie es aufhängen und einsprühen“, rät etwa der Multikonzern Panasonic zum Problem „sumehara“ – und bietet dazu gleich ein geruchsneutralisierendes Bügeleisen an.

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Diverse Unternehmen haben ähnliche Produkte auf dem Markt. Wobei es hierbei oft nicht darum geht, einen besonders frischen Duft anzulegen. „Die Menschen in Japan wollen möglichst gar keinen Geruch haben“, sagt Shota Ishida. So kommt es, dass Kosmetikprodukte in Japan eher mild riechen – und dass man als Ausländer mit dem Spruch „Du riechst ja gar nicht“ gelobt werden kann: Gerade Menschen aus dem Westen eilt nämlich der Ruf voraus, dass sie entweder miefen oder allzu starkes Parfüm tragen – und dass ihnen Gerüche tendenziell nicht so wichtig seien. Sonst gäbe es einen Begriff wie „sumehara“ ja nicht nur in Japan.

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