Die individuelle Revolution: Wie sich die Arbeitswelt verändert

Ein Mann hält die Hand eines bionischen Roboters. Experten vermuten, dass künstliche Intelligenz nicht alle unsere Jobs ersetzen wird. Vielmehr arbeiteten wir zunehmend "Hand in Hand“ mit den Maschinen.

Bankfilialen verschwinden, Videokonferenzen nehmen zu, Algorithmen bestimmen über Kreditvergaben und Lieferdienste bestimmen das Straßenbild: Änderungen in der Arbeitswelt sind auch im Alltag unübersehbar. Der Berufsmarkt ist seit jeher im Wandel, doch das Tempo der Veränderungen sei seit einigen Jahren enorm hoch, sagt Inga Rottländer von der Jobplattform Step-Stone: „Das hat es so zum letzten Mal während der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert gegeben.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Treiber ist in erster Linie die zunehmende Digitalisierung: Künstliche Intelligenz hält immer stärker Einzug in die Arbeitswelt, Maschinen und Roboter übernehmen mehr und mehr Aufgaben. Betroffen seien vor allem standardisierte Tätigkeiten etwa im Büro oder in der Fertigung, sagt Alexandra Fedorets vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Algorithmen können einfache Fälle besser bearbeiten als Menschen.“ Computer seien bei repetitiven Arbeiten weniger fehleranfällig, ergänzt Rottländer. Und für Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), steht fest: „Handarbeit wird weniger, Kopfarbeit mehr.“

Ist mein Job durch Computer oder Maschinen ersetzbar?

Betroffen sein kann grundsätzlich fast jeder Arbeitsbereich. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat insgesamt rund 8000 Tätigkeiten von 4000 Berufen dahingehend untersucht, inwiefern diese automatisiert werden können. Heraus kamen sogenannte Substituierbarkeitspotenziale. Liegen diese bei über 70 Prozent, ist der Job in hohem Maße durch Computer oder computergestützte Maschinen ersetzbar. Im Job-Futuromat könne jeder seinen eigenen Job unter die Lupe nehmen, erklärt Katharina Dengler vom (IAB). Sie geht davon aus, dass vor allem kreative und soziale Berufe am wenigsten betroffen sind. Das gelte auch für Jobs mit hohem Anforderungsprofil.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Doch auch in der Pflege experimentieren Forschende mit künstlicher Intelligenz. Wie Benjamin Stähle (l), stellvertretender Leiter des Instituts für künstliche Intelligenz, an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, und Julian Krüger, Leiter des Hauses der Pflege Magdalena in Ehningen: Sie testen den Pflegeroboter Pepper.

Doch auch in der Pflege experimentieren Forschende mit künstlicher Intelligenz. Wie Benjamin Stähle (l), stellvertretender Leiter des Instituts für künstliche Intelligenz, an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, und Julian Krüger, Leiter des Hauses der Pflege Magdalena in Ehningen: Sie testen den Pflegeroboter Pepper.

Dass Tätigkeiten von Maschinen und Computern übernommen werden können, heißt aber noch lange nicht, dass dies auch geschieht. Denn oft sei es eine Frage der Wirtschaftlichkeit, ob die Technik angeschafft werde, erklärt Fedorets. Mitunter sei es günstiger, Menschen zu beschäftigen. In vielen Arbeitsbereichen, etwa in der Pflege oder in der Gastronomie, sei die Technik zudem noch nicht ausgereift. Manchmal spielen auch Vorlieben eine Rolle: Backwaren zum Beispiel könnten komplett von Maschinen produziert werden, aber die Kundinnen und Kunden wünschten oft Handarbeit, sagt Dengler.

„Mensch und Maschine arbeiten zunehmend Hand in Hand“

Ein weiterer Faktor, der die Berufswelt stark beeinflusst, ist die Globalisierung: So können viele Güter inzwischen überall auf der Welt produziert werden. Lieferketten und Logistik werden immer bedeutsamer, der Ort des Arbeitsplatzes zunehmend beliebig. Auch politische Themen wie der Klimaschutz wirken sich auf den Arbeitsmarkt aus: In den Bereichen erneuerbare Energien, klimaneutrale Gebäude und nachhaltige Mobilität entstehen neue Arbeitsplätze und ändern sich Anforderungsprofile. Elektromotoren zum Beispiel funktionieren ganz anders als Verbrenner.

Fedorets geht deshalb nicht davon aus, dass es künftig weniger Berufe geben wird: „Berufsbilder werden sich eher weiter ändern. Mensch und Maschine arbeiten zunehmend Hand in Hand.“ Lehrerinnen und Lehrer lernen, online zu unterrichten, Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter bedienen Roboter, Ärztinnen und Ärzte nutzen digitale Diagnosetools und Gas-Wasser-Installateurinnen sowie -Installateure installieren hochkomplexe Anlagen. Damit steigen die Anforderungen – insbesondere an technische Kompetenzen. „Vor allem im Handwerk hat das oft nichts mehr mit den Berufen von früher zu tun“, sagt Esser.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Lebenslanges Lernen

Fort- und Weiterbildungen gewinnen in diesem Transformationsprozess stark an Bedeutung – sowohl inner- als auch außerbetrieblich. „Die Menschen müssen sich an die Veränderungen anpassen. Dabei ist Eigeninitiative wichtig“, sagt Fedorets. Die Vorstellung, einmal einen Beruf zu erlernen und diesen bis zur Rente auszuüben, sei inzwischen weitgehend überholt. Vielmehr sei lebenslanges Lernen gefordert. Einerseits seien Allrounder und immer stärker allgemeine Schlüsselqualifikationen und Softskills wie soziale und kreative Kompetenzen, Empathie, Anpassungsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft gefragt, zählt Dengler auf. Andererseits werden häufig Spezialistinnen und Spezialisten gesucht.

Die „individuelle Revolution“ auf dem Arbeitsmarkt verlangt Arbeitskräften nicht nur viel ab, sie bietet auch große Chancen – zum Beispiel für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. „Der Begriff ist inzwischen unter den Top 20 der Suchbegriffe – Tendenz stark steigend“, berichtet Rottländer. Denn nicht für alle Jobs gibt es die passende Ausbildung oder ausreichend Bewerberinnen und Bewerber. Deshalb entstanden in den vergangenen Jahren viele neue Studiengänge: Rund 2500 waren es in den vergangenen fünf Jahren: Allein im Bereich der Medizin- und Gesundheitswissenschaften betrug der Anstieg 26 Prozent. Doch auf für Ungelernte bieten sich neue Jobmöglichkeiten – etwa bei Lieferdiensten. „Es wird grundsätzlich genug Jobs für alle geben“, ist Rottländer deshalb überzeugt.

Mehr aus Beruf & Bildung

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.