Depressionen bei Kindern? „50 Prozent erhalten keine adäquate Therapie“

Professor Marcel Romanos ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. Er sitzt zudem im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Professor Marcel Romanos ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. Er sitzt zudem im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Herr Professor Romanos, werden unsere Kinder psychisch immer kränker?

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Das kann man so glücklicherweise nicht sagen.

Die aktuellen Zahlen der Krankenkasse DAK zeigen, dass die Zahl der Diagnosen binnen eines Jahres um 5 Prozent gestiegen ist. 2 Prozent der Jungen und Mädchen leiden demnach unter einer Depression.

Diese Zahlen sind insgesamt aus meiner Sicht noch erstaunlich niedrig. Sie stammen ja von den Krankenkassen und zeigen lediglich, wie viele Kinder und Jugendliche wegen einer Depression behandelt worden sind. Dass sie steigen, zeigt, dass wir ein besseres Verständnis dafür haben, wenn es Kindern und Jugendlichen nicht gut geht – und dass die Versorgung besser geworden ist. Die Zahl der tatsächlich an Depressionen erkrankten Kinder und Jugendlichen ist epidemologischen Studien zufolge weit höher: Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind bis zu 5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen betroffen.

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Das heißt aber, dass der Großteil unbehandelt bleibt?

Das ist leider ganz richtig. Wir gehen davon aus, dass 50 Prozent der unter Depressionen leidenden Kinder und Jugendlichen keine adäquate Therapie erhalten.

Woran liegt das?

Wenn wir über Depression sprechen, haben wir meist ein klares Bild vor Augen: das eines Erwachsenen, der grüblerisch, schwermütig ist, wenig Antrieb hat und möglicherweise suizidale Gedanken äußert. Bei Kindern kann das ganz anders aussehen. Sie geben vielleicht körperliche Schmerzen an, Bauchschmerzen zum Beispiel. Sie somatisieren also oder sind aggressiv und widersprechen häufig. Die Symptome und die Diagnostik sind einfach anders.

Welche Rollen spielen Wartezeiten und der Mangel an Kinder- und Jugendlichentherapeuten?

Wir haben in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme der Zulassungen sowohl bei den Kinder- und Jugendlichenpsychiatern als auch bei den -psychotherapeuten gesehen. Inzwischen sind wir deutlich näher an einer flächendeckenden Versorgung dran. In einigen ländlichen Regionen ist es allerdings nach wie vor schwieriger, da sehen wir in Teilen eine Mangelversorgung. Es gibt regionale Defizite, aber keinen generellen Therapeutenmangel.

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Wo liegt dann das Problem?

Das Hauptproblem ist, dass wir aus Familien, aus Schulen und Vereinen immer noch zu wenig Hinweise bekommen – sei es aus Unkenntnis oder wegen nach wie vor bestehender Vorurteile. Wir müssen immer noch viel mehr gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen tun – und außerdem in einigen ländlichen Regionen auch die Versorgung verbessern.

Welche Rolle spielen denn gesellschaftliche Entwicklungen für die Entstehung von Depressionen und Ängsten bei Kindern und Jugendlichen – etwa ein steigender Leistungsdruck?

Das kommt sicher als verschärfender Faktor dazu. Kindern wird in den Schulen viel abverlangt. Gleichzeitig haben sie heute vielfältige Möglichkeiten, sich zu verwirklichen und ihre Wünsche zu realisieren. Dahinter stehen aber auch hohe Erwartungen der Eltern oder auch eigene hohe Ansprüche an sich selbst. Der Auftrag an die Kinder lautet heute häufig: Du kannst machen, was du willst – aber sei erfolgreich! Die Rate der Abiturienten steigt beständig, ohne eine möglichst gute Note sehen manche da schon alle Chancen schwinden. Kinder und Jugendliche verinnerlichen diesen steigenden Druck und quälen sich damit selbst.

Insofern müsste diese Entwicklung sogar zu steigenden Erkrankungsraten, zu mehr kranken Kindern und Jugendlichen führen?

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Wir können schwer sagen, ob die Zahl der psychisch kranken Kinder und Jugendlichen gerade wirklich steigt. Wir wissen aus Studien, dass ungefähr 20 Prozent aller Kinder Symptome psychischer Erkrankungen aufweisen. Die Zahlen scheinen relativ konstant. Aber man muss es im Grunde andersherum sehen: Trotz deutlich verbesserter Behandlungsmöglichkeiten sehen wir nicht, wie bei vielen körperlichen Erkrankungen, einen Rückgang der Erkrankungen. 5 Prozent depressive Kinder und Jugendliche, das ist sehr viel. Wir kompensieren unsere bessere Versorgungssituation mit überhöhten Erwartungen an unsere Kinder. Das ist eine sehr ungünstige Entwicklung.

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