Fragen und Antworten

Asexualität: Die missverstandene sexuelle Orientierung

Asexuell heißt nicht automatisch aromantisch: Manche asexuelle Menschen führen Beziehungen.

Asexuell heißt nicht automatisch aromantisch: Manche asexuelle Menschen führen Beziehungen.

Hannover. Dr. House bezeichnete Sex als „fundamentalen Antrieb unserer Spezies“ – und alle, die kein Verlangen danach empfinden, seien entweder „krank, tot oder am Lügen.“ In dieser Folge der gleichnamigen US-Serie ging es ausgerechnet um Asexualität. Der Arzt verbrachte Tage damit, die Existenz Asexualität zu widerlegen – und das mangelnde Verlangen nach Sex bei einem asexuellen Patienten auf medizinische Gründe zu schieben.

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Die Art und Weise, wie House mit Asexualität umgeht, steht sinnbildlich für die Missverständnisse, die darüber kursieren. Vor allem die sexuelle Revolution des 20. Jahrhunderts hat dazu beigetragen, dass es heute als „normal“ angesehen wird, Sex haben zu wollen. Aber dass manche Menschen gar keine oder kaum sexuelle Anziehung zu anderen Menschen empfinden, wird oft nicht für möglich gehalten – oder eben auf Krankheiten geschoben. „Teilweise wird uns sogar die Menschlichkeit oder Asexualität abgesprochen“, berichtete Pancake*, ein asexueller Mensch, im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die Farben in der asexuellen Flagge haben eine individuelle Bedeutung: Schwarz steht für Asexualität, Grau für das asexuelle Spektrum, Weiß für Sexualität und Lila für Gemeinschaft.

„Teilweise wird uns sogar die Menschlichkeit oder Asexualität abgesprochen“

Pancake ist nichtbinär und drückt das mit den Pronomen x/xs aus. Als asexueller Mensch hat Pancake oft erlebt, wie diskriminierend der Umgang mit Asexualität in der Gesellschaft ist. Die sexuelle Orientierung vieler asexueller Menschen wird oft infrage gestellt, sagt Pancake im Interview

Was ist Asexualität?

Dabei identifizieren sich nach Angaben des Asexuality Visibility and Education Network (Aven), das sich selbst als „weltweit größte asexuelle Gemeinschaft“ bezeichnet, bis zu ein Prozent der Menschen weltweit als asexuell. Asexualität ist eine sexuelle Orientierung, die als Nicht-Empfinden sexueller Anziehung gegenüber Menschen definiert wird. Gleichzeitig gilt Asexualität als Überbegriff für das asexuelle Spektrum, in dem sich auch andere sexuelle Orientierungen wiederfinden.

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„Zum Beispiel gibt es auch die Demisexualität: Sie bedeutet, dass sexuelle Anziehung nach Etablierung einer tiefgehenden emotionalen Verbindung zu einem Menschen empfunden wird“, sagte Pancake. Bei der Grausexualität wird sexuelle Anziehung kaum oder sehr selten empfunden.

Führen asexuelle Menschen Beziehungen?

Das asexuelle Spektrum ist sehr facettenreich. Es gibt asexuelle Menschen, die masturbieren – und es gibt welche, die jede Art von Sex oder Selbstbefriedigung abstoßend finden. Auch wenn es um romantische Beziehungen geht, gibt es viele verschiedene Tiefen. Einige Teile des Spektrums identifizieren sich als aromantisch, das heißt, dass sie kein Verlangen nach romantischen Beziehungen haben. Andere streben dagegen nach einer romantischen Partnerschaft oder führen bereits eine glückliche Beziehung.

Wieso wird Asexualität so häufig missverstanden?

Für viele asexuelle Menschen ist vor allem der Weg zur Erkenntnis „ich bin asexuell“ steinig. Laut Pancake liegt das maßgeblich an der mangelnden Sichtbarkeit von Asexualität: In unserer Gesellschaft sei das Empfinden sexueller Anziehung vorausgesetzt – vielen Menschen sei daher gar nicht bewusst, dass es auch andere Optionen gibt. Und selbst innerhalb der Queer-Community werde dem asexuellen Spektrum nicht der nötige Raum gegeben, um sichtbarer zu werden. Daher wüßten auch viele asexuelle Menschen nicht, dass sie asexuell sind. „Denn wenn eine Sexualität unsichtbar ist, heißt das, dass gewisse Menschen ihre sexuelle Positionierung gar nicht einordnen können“, sagte Pancake.

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Auch die Art und Weise, wie sich die westliche Sexualmedizin mit Asexualität beschäftigt habe, trage nach Ansicht von Pancake zur mangelnden Sichtbarkeit von Asexualität bei. Tatsächlich untersuchen noch immer viele Forschende mit einen vermeintlichen Zusammenhang von Asexualität und medizinischen Ursachen. Unter anderem wird Asexualität oft in Verbindung mit Autismus gebracht, obwohl noch keine Studien einen solchen Zusammenhang belegen konnten. Pancake stellte klar: „Asexualität ist aber keine Krankheit, sondern eine sexuelle Orientierung.“

Woher weiß ich, ob ich asexuell bin?

Niemand außer der Person selbst kann wissen, ob sie asexuell ist oder sich mit anderen Teilen des asexuellen Spektrums identifiziert, betont Aven. Wer etwa Sex und sexuelle Darstellungen nicht anziehend findet, könnte asexuell sein. Aber das heißt nicht zwingend, dass das Label „asexuell“ ihre sexuelle Orientierung am besten beschreibt. Wer sich mehr über Asexualität informieren und dieser Frage auf den Grund gehen möchte, kann sich im Forum von Aven mit asexuellen Menschen über die eigenen Erfahrungen austauschen.

*heißt eigentlich anders

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