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Kolumne „Von oben betrachtet“

Der Klimawandel trifft die Kinder, doch der Klimaschutz darf nicht allein ihre Aufgabe sein

Schülerinnen und Schüler einer Berliner Grundschule sammeln Müll ein. Es gibt zahlreiche Aktionen für Kinder, sich für Umwelt und Klima zu engagieren. Dabei sollte es die Aufgabe der Erwachsenen sein.

Jedes Jahr im Frühling schnappen sich in meiner Kommune motivierte Bürgerinnen und Bürger Müllzange und Arbeitshandschuhe, um Grünstreifen, Büsche und Rheinufer von Glasflaschen, Joghurtbechern und kaputten Felgen zu befreien. Der überwiegende Teil der angemeldeten Gruppen besteht meist aus Kindern, teilweise sogar im Kindergartenalter. Der überwiegende Teil der gesammelten Tonnen Müll war dagegen mit Sicherheit nicht ihrer.

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Die immensen gesellschaftlichen Auswirkungen der Klimakrise werden die Realität meiner Tochter sein – egal, wie wenig Fleisch sie isst oder wie viel Fahrrad sie fährt.

Die Angebote für Kinder, sich für das Klima und ihre Umwelt zu engagieren, sind zahlreich: Grundschulkinder können in vielen Städten einen Klimaführerschein machen, pflanzen als Klimabotschafter und -botschafterinnen Bäume und kleben zu Hause traurig dreinblickende Eisbärsticker auf Lichtschalter als mahnenden Appell, beim Verlassen des Raumes auch ja das Licht auszumachen. Bildungsangebote zum Thema Umwelt und Klima begrüße ich immer – aber ist es fair, die Verantwortung für den Klimaschutz an die Kinder von heute zu übertragen?

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Klimaschutz ist die Aufgabe von Erwachsenen

Denn eines muss klar sein: Als ich 1983 geboren wurde, war der Klimawandel schon längst im Gange. Die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre war damals bereits auf 342 ppm gestiegen. Als meine jüngste Tochter im Jahr 2021 geboren wurde, lag der Wert schon über 400 ppm, so hoch wie noch nie in den vergangenen 800.000 Jahren. Selbst wenn meine Tochter also mit keinem einzigen CO₂-Molekül am bereits herrschenden Klimawandel beteiligt ist, wird sie trotzdem die volle Breitseite der Folgen des Klimawandels aushalten müssen. Die immensen gesellschaftlichen Auswirkungen der Klimakrise werden ihre Realität sein – egal, wie wenig Fleisch sie isst oder wie viel Fahrrad sie fährt.

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Das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten und für Klima- und Umweltschutz zu sorgen ist ganz klar eine Aufgabe für die Erwachsenen von heute, und nichts für kleine Kinder mit Müllzange. Ich halte es auch für sehr gefährlich, wenn Kindern – und damit auch ihren Eltern – suggeriert wird, etwa durch das Ausschalten von Licht einen substanziellen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Energiesparen im eigenen Haushalt ist gut für die CO₂-Bilanz und für den Geldbeutel. Aber es ist nicht die Verantwortung der Kinder, mit Stoppuhr zu duschen, während Verkehrsminister das Tempolimit ausbremsen und ohne mit der Wimper zu zucken weiter fossile Brennstoffanlagen in Betrieb genommen werden. Klimaschutz geht ohne die Politik nicht – und genau hier liegt die Macht und Gestaltungsmöglichkeit bei den Erwachsenen.

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Generationsübergreifend viel bewegen

Wieso aber wird bei der Klimakommunikation trotzdem so gern der Umweg über die Kinder gewählt? Vielleicht schwingt ein bisschen die Hoffnung mit, dass man über die Kinder doch noch den ein oder anderen klimaapathischen Erwachsenen erreicht. Das stimmt womöglich sogar: Zusammen mit Fridays for Future gehen inzwischen auch viele Erwachsene als Parents for Future, Scientists for Future, Entrepeneurs for Future oder Doctors for Future auf die Straße.

Sicher auch aus einem schlechten Gewissen heraus – denn wie Harald Lesch kürzlich so treffend formulierte: „Ich muss mich entschuldigen, meine Generation hat’s verkackt. Als das ökologische Know-how kam, war ich schon 18. Ich hätte es wissen müssen.“ Wo er recht hat, hat er recht. Das Schöne: Generationsübergreifend wurde so in den letzten Jahren viel bewegt. Also: Überlassen wir die Verantwortung für unsere Zukunft auf diesem Planeten nicht den Kindern alleine – sondern handeln wir gemeinsam!

Insa Thiele-Eich ist Meteorologin und forscht an der Universität Bonn an den Zusammenhängen zwischen Klimawandel und Gesundheit. Seit 2017 trainiert sie im Rahmen der Initiative „Die Astronautin“ als Wissenschaftsastronautin für eine zweiwöchige Mission auf der Internationalen Raumstation – und wäre damit die erste deutsche Frau im All. Hier schreibt sie alle zwei Wochen über Raumfahrt, den Klimawandel und die faszinierende Welt der Wissenschaft.

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