Fachärzte erklären

Antibabypille: Warum eine Einnahmepause gar nicht nötig ist

Die Antibabypille ist eine der beliebtesten Verhütungsmethoden in Deutschland.

Auch wenn es immer weniger werden: Etwa jede dritte Frau in Deutschland nimmt die Antibabypille. Das zeigte eine Auswertung der Techniker Krankenkasse Ende vergangenen Jahres. Ein möglicher Grund dafür, dass die Zahl rückläufig ist, könnte die Aufklärung über die nicht wenigen Nebenwirkungen der Pille sein. Immer mehr Frauen wissen über die Risiken Bescheid. Dennoch gibt es weiteren Aufklärungsbedarf. So wissen noch immer viele Anwenderinnen nicht, dass ihre regelmäßige Pillenpause medizinisch gar nicht nötig ist. Und doch wird sie seit Jahrzehnten von den meisten Herstellern empfohlen. Warum?

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Warum braucht es die Einnahmepause nicht?

Bei der Pille handelt es sich um eine meist aus den Hormonen Östrogen und Gestagen bestehende Tablette, die normalerweise zur Verhütung eingesetzt wird. Frauen nehmen sie 21 Tage lang täglich und zur möglichst gleichen Zeit ein. Anschließend pausieren sie die Einnahme sieben Tage lang und die gewöhnte Blutung setzt ein – so zumindest die Empfehlung der meisten Packungsbeilagen oder einiger Frauenärztinnen sowie Frauenärzte. Rein wissenschaftlich betrachtet hat die siebentägige Pause allerdings gar keinen Nutzen, wie Fachleute wissen.

Denn bei der Blutung, die in der Pillenpause erzeugt wird, handelt es sich nicht um die natürliche Periode, sondern lediglich um eine sogenannte Hormonentzugsblutung. Dabei reagiert der Körper auf das Entziehen der Hormone. Der natürliche Zyklus der Frau soll dadurch künstlich imitiert werden. Ob die Anwenderin also beispielsweise schwanger ist oder nicht, darüber gibt die Blutung keine sicheren Hinweise. Auch über den Gesundheitszustand oder die Fruchtbarkeit – wie es bei der natürlichen Periode der Fall ist – sagt die Abbruchblutung meist wenig aus. „Dementsprechend gibt es keinen Grund für regelmäßige menstruationsähnliche Blutungen bei Frauen, welche nicht schwanger werden wollen“, schrieben die Gynäkologen Herbert Kuhl und Inka Wiegratz bereits 2010.

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Warum wurde die Pillenpause dann ursprünglich empfohlen?

Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die Menschen an, dass der Körper einer Frau durch ihre Periode gereinigt und entgiftet wird. Ihr wurde also eine wichtige Rolle zugesprochen. Als dann die Pille 1960 auf dem Markt kam, versuchten ihre Erfinder und Hersteller, darunter Gregory Pincus, mit ihr den weiblichen Zyklus künstlich zu imitieren, um diese so natürlicher wirken zu lassen und die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen. Gerade Skeptikerinnen und Skeptiker wie die Kirche sollten von dem Verhütungsmittel überzeugt werden. Somit folgte das Pillenschema mit Einnahmepause „eher soziologischen und kulturellen Erwägungen als biologischen Überlegungen“, wie Forschende schreiben.

Erst seit 2018 sind Pillen für den sogenannten Langzyklus durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen. Seitdem sind auch einige Präparate auf dem Markt, die im 84/7-Schema eingenommen werden. Das bedeutet: Knapp drei Monate wird die Pille durchgehend genommen und dann für eine Woche ausgesetzt. Dass die Pillen für den Langzyklus also noch recht neu sind, kann viele Gründe haben. Beispielsweise müssen Hersteller dafür auch erst einmal das nötige Geld und die Zeit in die Tests solcher Präparate stecken.

Steigt bei dem Langzyklus das Risiko für Nebenwirkung?

Bislang gebe es keine „Hinweise auf unterschiedliche Gesundheitsrisiken“ bei den verschiedenen Einnahmeschemas, heißt es in den Leitlinien der Deutschen, Österreichischen sowie Schweizerischen Gesellschaften für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) informiert ebenfalls in einem Statement, dass auch das Endometrium, also die Gebärmutterschleimhaut, durch den Langzyklus nicht mehr gefährdet ist, sich krankhaft zu verändern, wie es beispielsweise bei Endometriose oder Gebärmutterkörperkrebs der Fall ist. Denn bleibt die Periode aus oder kommt nur sehr selten geht das oftmals – wenn es nicht durch die Pille absichtlich hervorgerufen wird – mit solchen Erkrankungen einher.

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Auch „weitere gesundheitliche Risiken (Thrombose, Embolie, Herzinfarkt, Schlaganfall) waren bei beiden Anwendungsschemata gleich“, heißt es weiter. So wurde zwar vermutet, dass im Langzyklus das Risiko einer Venenthrombose steige. Eine Analyse zwölf verschiedener Studien zeigte jedoch: Im Vergleich zum herkömmlichen Einnahmeschema stieg das Risiko nicht.

Welche Vorteile hat der Langzyklus?

1. Keine Periode, also auch keine Schmerzen

Einige Frauen lassen die Einnahmepause teils zwischenzeitlich auch bereits aus. Beispielsweise um im Strandurlaub sich nicht mit der Periode rumschlagen zu müssen oder als Sportlerin während eines Wettkampfes nicht beeinträchtigt zu werden. Generell würde eine Mehrheit der Frauen gerne auf zumindest einige Male ihrer Periode verzichten, wie eine Umfrage 2016 zeigte. Denn zahlreiche Nebenwirkungen erschweren vielen Menstruierenden regelmäßig den Alltag und können sogar „ein Ausmaß annehmen, das eine normale Lebensführung vorübergehend unmöglich macht“, wie Kuhl und Wiegratz schreiben. Daher kann der Langzyklus sogar hilfreich sein. Laut dem Infoportal des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) ist er in folgenden Fällen empfehlenswert:

  • Beschwerden während der Periode, wie Stimmungsschwankungen, schmerzhafte Blutungen oder Migräneattacken,
  • Endometriose,
  • PCO-Syndrom,
  • Myome,
  • Eisenmangelanämie,
  • wiederkehrende Eierstockzysten,
  • therapieresistente Akne,
  • bei chronischen Krankheiten, deren Ausprägung von hormonellen Zyklusschwankungen mitbestimmt wird, zum Beispiel Multiple Sklerose, Diabetes mellitus Typ I, Asthma, Depressionen, Epilepsie sowie die Parkinson-Krankheit.
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2. Sichere Verhütung

Wird auf das sogenannte hormonfreie Intervall verzichtet, ist die Verhütung sicherer. Denn: Wer die Pille täglich nimmt, vergisst sie womöglich dennoch das ein oder andere Mal. Beim Langzyklus ist das laut Expertinnen und Experten weniger problematisch als mit einer Einnahmepause. „Wenn es kein hormonfreies Intervall gibt, findet auch keine Follikelreifung statt. In diesem Fall führt ein Vergessen der ‚Pille‘ nicht zu einer Durchbruchs-Ovulation, selbst wenn die ‚Pille‘ mehrere Tage vergessen wurde, sondern höchstens zu einer Entzugsblutung“, schreiben die zwei Gynäkologen Christian Fiala und Günther Häusler. Die Grundlagen für jede Schwangerschaft, also das Heranreifen der Eizelle sowie der Eisprung, finden also erst gar nicht statt. Und wer die Pille dann mal vergisst, kann immer noch eine siebentätige Pause einlegen.

3. Möglicherweise weniger Kosten

Die Pille ohne Pause oder mit weniger Pausen zu nehmen, kann sogar günstiger sein. Hierbei sparen sich Menstruierende einige Kosten für Periodenartikel, wie Binden und Tampons, oder auch Schmerzmittel. Hier ist es jedoch stark von dem Preis der Pille abhängig. Auch wer generell ohnehin schwache Blutungen und wenig Schmerzen hat, könnte mit dem Langzyklus möglicherweise gleich viel oder sogar mehr bezahlen. Das sollte letztendlich individuell abgewogen werden.

Welche Nachteile kann ein Langzyklus haben?

Wer die Pille im Langzyklus nimmt, kann in der Anfangszeit Blutungsstörungen bei sich bemerken. Diese sollten sich jedoch mit der Zeit einstellen, schreiben Fachärztinnen und Fachärzte.

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Was sollte ich bei einem Langzyklus beachten?

Wichtig ist: Jede Frau sollte individuell entscheiden. „Das Wohlbefindlichkeit der Frau ist der wichtigste Parameter bei der Entscheidung für oder gegen eine Anwendung im Langzyklus“, schreiben Gynäkologen in einer Ausgabe der Fachzeitschrift „Frauenarzt“ des Berufsverbandes. Die Entscheidung liege bei der betroffenen Frau, „sofern auf Basis einer individuellen Risikoabwägung keine medizinischen Gründe dagegensprechen“.

Aber nicht jede Pille ist für einen Langzyklus auch zugelassen. So gibt es nur ausgewählte Präparate, die beispielsweise drei Monate am Stück eingenommen werden können. Daher sprechen Sie – bevor Sie die Pille länger einnehmen – unbedingt mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt.

Was ist, wenn ich dann doch schwanger werden möchte?

In dem Fall wird die Pille einfach wieder abgesetzt – ähnlich wie im konventionellen Einnahmeschema, sagt Christian Fiala in einem Interview mit der digitalen Gesundheitsplattform „gesund.at“. Wie schnell eine Frau dann wieder schwanger werden kann, hängt ganz vom Individuum selbst ab. Manche werden schnell schwanger, andere brauchen etwas länger. Die Art und Weise der vorherigen Verhütung spielt hier jedoch im Normalfall keine Rolle.

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