Verbindung über die Pyrenäen

Eine Gaspipeline, die niemand wollte: Plötzlich wird Midcat wieder interessant

Aktivistinnen und Aktivisten demonstrieren im Jahr 2017 in Barcelona gegen die geplante Gaspipeline Midcat. Der Bau wurde vor zehn Jahren eingestellt – und wird nun wieder interessant.

Madrid. Die Franzosen sind schuld. „Einer unserer Nachbarn fand, dass die Verbindung nicht so wichtig sei“, sagte die spanische Umweltministerin Teresa Ribera am 1. März in einem Fernsehinterview, „und jetzt wissen wir, dass diese Verbindung eine Schlüsselrolle spielt.“ Sie sprach über die Verbindung des spanischen und des französischen Gasnetzes über die Pyrenäen hinweg: eine neue Gaspipeline, die seit Langem gebaut werden soll, aber nicht gebaut wird. Sie käme jetzt sehr gelegen, auch den Deutschen, um eine zusätzliche Alternative fürs russische Gas zu haben.

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Aber fast niemand wollte die Pipeline. Auch Teresa Ribera nicht. Die Ministerin war kaum ins Amt gekommen, als sie im Juli 2018 vor dem „Größenwahn“ warnte, eine Infrastruktur bauen zu wollen, „die a priori kein langes Leben vor sich hat“. Das hat sie aber vergessen. Die Deutschen haben sich selten vor „Größenwahn“ gefürchtet. Im November 2011 drehten sie im vorpommerschen Lubmin den Hahn des ersten Nord Stream auf, der seitdem russisches Gas über die Ostsee nach Deutschland bringt.

Kurz vorher hatten im spanischen Katalonien die Bauarbeiten für eine Pipeline namens Midcat begonnen, die sich gut auch Süd Stream nennen ließe: eine Pipeline von Spanien über die Pyrenäen nach Frankreich für algerisches und sonstiges Gas – um von dort in jede Richtung weiterzuströmen, in der es gebraucht würde, nach Deutschland zum Beispiel.

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Aber nach den ersten 88 Kilometern war in einem katalanischen Dorf namens Hostalric, 80 Kilometer vor der französischen Grenze, Schluss mit Midcat. Seit etwa zehn Jahren liegt das Projekt still.

Damals waren wirklich die Franzosen schuld. Sie sahen keinen Nutzen in der Pipeline und kündigten an, ihr Ende der Midcat nicht bauen zu wollen. Im Januar 2019 beschloss dann aber auch die spanische Wettbewerbsbehörde, gemeinsam mit der französischen, die Verbindung endgültig auf Eis zu legen, weil es weder „Notwendigkeiten des Marktes“ noch „genügende Reife“ für das Projekt gebe.

Die spanische Umweltministerin hat umgedacht

Im selben Jahr strich die EU-Kommission Midcat von ihrer Liste der Vorhaben von gemeinsamem Interesse im Energiebereich. Spaniens Umweltschützer jubelten. Ebenso wie Ministerin Ribera hielten und halten sie Erdgas für einen Energieträger ohne Zukunft. Das Geld – gut 3 Milliarden Euro, ein Drittel der Kosten von Nord Stream 2 – sei besser für erneuerbare Energien angelegt.

Die spanische Umweltministerin hat in den vergangenen Tagen umgedacht. Der Bau der Pipeline müsse „beschleunigt“ werden, sagte sie am 14. März – sie meinte wohl: wiederaufgenommen. Um Einfluss auf den Krieg gegen die Ukraine zu nehmen, kommt diese Entscheidung zu spät. Zu rechnen ist mit mindestens drei Jahren Bauzeit.

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„Die Energiepolitik der Europäischen Union ist ein Desaster“, schimpfte kürzlich der Geologe Mariano Marzo von der Universität Barcelona im Gespräch mit „El País“. „Dieser Kurzsichtigkeit ist nicht zu begreifen. Wir haben aus reiner Nachlässigkeit ein gewaltiges Problem geschaffen.“

Spanien bezieht Erdgas über eine Pipeline aus Algerien

Die nachlässigen Entscheider haben wahrscheinlich zu weit in die Zukunft geschaut: in eine Zukunft ohne Kohle, Öl und Gas. Noch aber setzt die Politik auf Gas. Während die Atomkraftwerke in Deutschland wie in Spanien eines nach dem anderen abgeschaltet werden sollen, ist an einen Rückbau der Gaskraftwerke in diesem Jahrzehnt noch nicht gedacht. In diesem selbst gesetzten Rahmen ist es fahrlässig, mögliche Lieferquellen verstopft zu halten.

Spanien bezieht Erdgas über eine Pipeline aus Algerien, verfügt aber auch über rund 40 Prozent der Regasifizierungskapazitäten der Europäischen Union: In sechs Anlagen – drei am Mittelmeer, drei am Atlantik – wird mit Tankern angeliefertes Flüssiggas wieder zu Gas gemacht. Die Anlagen sind nicht ausgelastet.

Wäre der Süd Stream nicht vor zehn Jahren eingemottet worden, könnte Deutschland über Spanien Gas aus aller Welt beziehen. Das wäre nicht genug, um das russische Gas zu ersetzen, aber eine Erleichterung.

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Und einen Nutzen für die Zukunft könnte die Pipeline auch haben: zum Transport von Ammoniak oder Wasserstoff, der in Spanien – mit viel Sonne und viel Platz – zu besonders günstigen Bedingungen hergestellt werden kann.

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