Weitere Investitionen angekündigt

VW, Siemens, Deutsche Bank: Warum sich Katar in Deutschland einkauft

Doha in Katar: Die Skyline der Hauptstadt.

Doha in Katar: Die Skyline der Hauptstadt.

Das Golf-Emirat Katar ist kleiner als Hessen, aber wegen seiner riesigen Öl- und Gasvorkommen eines der reichsten Länder der Welt. Längst hat es sich in zahlreiche Großkonzerne in Deutschland eingekauft und belegt dort wichtige Posten. Scheich Khalifa bin Jassim bin Mohammed Al-Thani, Präsident der katarischen Industrie- und Handelskammer und Mitglied der Königsfamilie, erklärte vor wenigen Monaten, dass heute rund 300 deutsche Unternehmen in Katar ansässig seien. Einige von ihnen hätten Aufträge für die Fußball-WM erhalten. Unter den 300 Konzernen sind vor allem solche, an denen Katar selbst Anteile hält.

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Das Münchner Unternehmen Siemens ist einer von mindestens sechs Dax-Konzernen, an dem Katar Anteile hält. Für das Unternehmen haben sich in dem Emirat immer wieder äußerst lukrative Aufträge ergeben. 2012 sollte Siemens ein neues Straßenbahnsystem in Doha bauen, eine Vorbereitung für die Fußball-WM. 2014 vergab Katar einen Auftrag im dreistelligen Millionenbereich an Siemens für den Bau von sechs Umspannwerken. Weitere Aufträge für Arbeiten am Flughafen gab es ebenfalls.

Katar ist einer der größten Investoren in Deutschland

Katar investiert über die Qatar Investment Authority (QIA) in Deutschland, einen der größten Staatsfonds der Welt. Er steht unter der Aufsicht der katarischen Regierung und legt die Gewinne aus dem endlichen Öl- und Gasgeschäft in zukunftsträchtige Branchen an, vor allem in die Bereiche Transport, Finanzdienstleistungen und Energiewende. „Anders als bei China erkennen wir bei Katar derzeit keinen Fokus auf Beteiligungen an der kritischen Infrastruktur in Deutschland“, sagt Rolf Langhammer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. „Bisher tritt Katar primär als Finanzinvestor auf, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass es eines Tages seinen Einfluss für eigene Interessen ausnutzt“, so der Experte im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Nach Angaben des Auswärtigen Amts ist Katar „ein wichtiger Partner“, mit dem Deutschland „ausgeprägte Handelsbeziehungen“ unterhält. Bisher fielen diese Beziehungen vor allem zugunsten Deutschlands aus: Die deutschen Unternehmen haben 2021 mehr als dreimal so viel nach Katar exportiert (1,33 Mrd. Euro), wie katarische Unternehmen nach Deutschland verkauft haben (0,43 Mrd. Euro). Katar ist auch einer der größten ausländischen Investoren in Deutschland und hat für die kommenden Jahre weitere umfangreiche Investitionen angekündigt. Deutsche Unternehmen investieren dagegen in Katar nur in sehr geringem Umfang.

Kataris haben sich in vielen deutschen Firmen eingekauft

Über seinen Staatsfonds hat sich Katar längst in die renommiertesten deutschen Firmen eingekauft. Siemens ist mit seinen verschiedenen Tochterunternehmen nur eines von vielen Beispielen. Die Kataris zählen auch zu den wichtigsten Investoren des Wolfsburger Volkswagen-Konzerns. Mit 17 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien ist die Qatar Holding LLC der drittgrößte Einzelaktionär. Im Aufsichtsrat von VW spiegelt sich dies ebenfalls wider. Dort sitzen mit der früheren Ministerin Hessa Sultan Al Jaber und dem CEO des katarischen Staatsfonds Mansoor Bin Ebrahim Al-Mahmoud zwei Vertreter Katars.

An der Deutschen Bank ist Katar mit 6,1 Prozent beteiligt und hält auch Anteile am Tübinger Impfstoffhersteller Curevac. Bei Deutschlands größtem Baukonzern Hochtief war Katar in der Vergangenheit auch schon eingestiegen. An der Hamburger Hapag-Lloyd, der fünftgrößten Containerreederei der Welt, hält Katar heute 12,3 Prozent. Anfang Oktober wurde Katar zudem größter Aktionär des Essener Energiekonzerns RWE.

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Katar ist ein Partner der Notwendigkeit für Deutschland

Wirtschaftsexperte Langhammer beobachtet, dass Katar eine Doppelstrategie verfolgt: „Es versucht die ökologische Transformation im Westen zeitlich zu strecken, um so lange wie möglich fossile Energieträger verkaufen zu können.“ Die gesamte Klimapolitik des Westens richte sich zwangsläufig gegen die Golfstaaten, die reich an klimaschädlichen, fossilen Brennstoffen sind. „Jeder Versuch des Westens, die Klimaerwärmung zu begrenzen, ist eine schlechte Nachricht für Katar“, sagt Langhammer. Gleichzeitig investiere Katar jedoch in den Umstieg auf erneuerbare Energien, um auch langfristig am zukünftigen Wohlstand teilzuhaben. Dass Deutschland durch die Abkehr von russischem Gas jetzt große Mengen LNG-Gas aus Katar kauft, passt daher gut in die Strategie des Emirats. „Würde Katar Deutschland kein Flüssiggas anbieten, würden wir wohl die ökologische Transformation viel schneller vorantreiben müssen.“

Im Mai hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck eine deutsch-katarische Energiepartnerschaft unterzeichnet, die LNG-Lieferungen aus einer katarischen Flüssiggasanlage in Texas ab 2024 vorsieht. Dadurch soll die Abhängigkeit von russischem Gas verringert werden und Katar künftig eine zentrale Rolle in der deutschen LNG-Versorgung spielen. „Wir können uns von autoritär regierten Ländern wie Katar nicht trennen, solange wir von ihren Rohstoffen abhängig sind“, sagt Langhammer.

Katar ist kein Partner der Wahl, sondern ein Partner der Notwendigkeit. Homosexualität steht unter Strafe, Frauen werden unterdrückt, gravierende Menschenrechtsverletzungen immer wieder angeprangert. Meinungs- und Pressefreiheit existieren nicht, wer Kritik an den Herrschern übt, wird oftmals verhaftet. Die Frage, wie Deutschland mit autoritär regierten Regimen in Zukunft umgehen will, ist für die deutsche Wirtschaftsstrategie immer noch nicht beantwortet worden, bestätigt Experte Langhammer. Alle Unternehmen hätten jetzt den Schuss gehört, der aus Russland kam, und könnten einen weiteren aus Richtung China nicht ausschließen. „Katar ist weder Russland noch China, aber trotzdem ist es ein Land, das aus vielen Gründen einer werteorientierten Handelspolitik entgegensteht.“

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Seit Beginn des brutalen Angriffskriegs haben deutsche Unternehmen damit begonnen, ihre Lieferketten resilienter zu machen und sie zu diversifizieren. Die Wirtschaft will sich aus gefährlich anmutenden Abhängigkeiten lösen, geht dabei jedoch laut dem Wirtschaftsexperten neue Abhängigkeiten ein. Statt Gas aus Russland kauft Deutschland nun Gas aus Katar. „Wir handeln entgegen des Anspruches einer wertebasierten Außen- und Wirtschaftspolitik, um die Energieengpässe des kommenden Winters zu überstehen.“

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