Seit mehr als 100 Tagen im Amt

Der neue VW-Chef stutzt die Visionen zusammen

VW-Chef Oliver Blume.

VW-Chef Oliver Blume.

Berlin. Der Chef darf zum Hauptthema nicht sprechen. Nur einen Tagesordnungspunkt hat die außerordentliche VW-Hauptversammlung in Berlin, nämlich die Verteilung des Geldes aus dem Porsche-Börsengang in Form einer Sonderdividende. Oliver Blume aber führt beide Unternehmen – Interessenkonflikt. Also übernimmt Finanzchef Arno Antlitz den offiziellen Teil, und Blume darf die Begrüßung zur Präsentation seiner Pläne nutzen – 107 Tage nachdem er neben der Führung bei Porsche auch die des Gesamtkonzerns übernommen hat.

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Der Mann, der überall für seine Freundlichkeit gelobt wird, gibt seit Wochen demonstrativ den Aufräumer. Zwei Vorstandsmitglieder hat er gleich zum Start ins zweite Glied verabschiedet, später das Prestigeprojekt Trinity verschoben, das dazugehörige Werk infrage gestellt, die komplette Planung aufgeschnürt und die Großbaustellen des Konzerns benannt, die ihm Vorgänger Herbert Diess hinterlassen habe.

Blume vergleicht den Konzern gern mit einem Haus: „Es gibt ein gutes Fundament, aber der Keller muss aufgeräumt und manche Wand versetzt werden.“ Intern ist wahlweise die Rede von Renovierung und von Sanierung. Nach gut drei Monaten sei die Ausrichtung geklärt, „jetzt geht es an die Umsetzung“, sagt der 54-Jährige in der dünn besetzten Hauptversammlung.

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Es geht viel um Modellpolitik und Qualität, die in den Diess-Jahren aus dem Blick geraten sind. Dafür stutzt Blume Visionen seines Vorgängers zusammen, verabschiedet sich aber nicht grundsätzlich davon. So wollte Diess noch die Konzerntochter Cariad zum zweitgrößten europäischen Softwarekonzern machen, während Blume mehr Leistungen zukaufen will. Auch für das autonome Fahren wird ein neuer Partner gesucht. Die angekündigten eigenen Batteriefabriken sollen gebaut werden, allerdings könnte es in Nordamerika schneller und in Europa langsamer gehen.

Gemeinsam in der Landesregierung, gemeinsam im VW-Aufsichtsrat: Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) und Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

Mehr als 100.000 Euro für einen Sitz im VW-Aufsichtsrat: Wer profitiert von dem Posten?

Mandate in Aufsichtsräten sind gut dotiert. Beim Autobauer VW sitzen allerdings auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sowie neuerdings Kultusministerin Julia Willie Hamburg in dem Gremium.

All das muss sich einer neuen Modellplanung anpassen, denn VW hat im Kerngeschäft Boden verloren. Der elektrische ID.3 fällt mit mickriger Qualität auf, der Golf startete mit Rückrufen, in China fahren die E-Autos hinterher, das Design der ID-Modelle gilt selbst konzernintern als beliebig. Gerade hat Blume die Topjobs für Qualität und Design neu besetzt.

Neue Modelle sind in Arbeit, der Name Golf soll nun auch im E-Zeitalter weiterleben. Entsprechend wurde die Konzernplanung vom November auf Februar verschoben – dann dürften Details folgen. Im nächsten Jahr sollen auch die Geschäftsfelder des Konzerns ihre sogenannten Equity-Storys abliefern: Sie sollen zeigen, wie sie sich bei einem eigenen Börsengang präsentieren würden – ohne deshalb einen solchen Schritt konkret zu planen.

Die Endmontage des VW-Elektroautos ID.3 in Zwickau.

Die Endmontage des VW-Elektroautos ID.3 in Zwickau.

Fragen zur Strategie werden in der Hauptversammlung allerdings eher aus Kulanz beantwortet – denn offizielles Thema ist ja allein der Porsche-Börsengang. Und mit dessen Konstruktion können sich zumindest die Profis unter den Aktionärinnen und Aktionären nach wie vor nicht anfreunden.

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Wir wollen uns keinen Teilzeit-CEO leisten.

Hendrik Schmidt,

Fondsgesellschaft DWS

Kritik an Blumes Doppelrolle und anderen „Skurrilitäten“ des VW-Konzerns, wie es ein Aktionärsvertreter nennt, zieht sich durch die Redebeiträge. „Beenden Sie das so schnell wie möglich“, sagt Marc Liebscher vom Aktionärsverein SdK und verweist auf Interessenkonflikte. „Wir wollen uns keinen Teilzeit-CEO leisten“, sagt Hendrik Schmidt von der Fondsgesellschaft DWS mit Blick auf Blumes Entlohnung: Er bekommt je 50 Prozent seiner Vergütung als Porsche- und als VW-Chef.

Kritik an Details des Porsche-Börsengangs

Ende September verkaufte VW einen Teil seiner Porsche-Aktien über die Börse und ein anderes Paket direkt an die eigenen Großaktionäre, die Familien Porsche und Piëch. Die Hälfte des Milliardenerlöses wird nun in Form einer Sonderdividende von 19,06 Euro je Aktie unter den VW-Aktionärinnen und VW-Aktionären verteilt.

Die Konstruktion laufe auf eine „eklatante Begünstigung“ der Aktionärsfamilien Porsche und Piëch hinaus, sagt Aktionär Christian Sprenger. VW habe die Porsche-Aktien auf Druck der Familien im September „zu billig abgegeben“. Denn die Porsches und Piëchs gehören selbst zu den Käufern, bekommen aber Porsche-Stammaktien mit Stimmrecht, während der Rest der Welt nur Vorzugsaktien ohne Stimmrecht kaufen konnte. Der Aufpreis für das Stimmrecht war mit 7,5 Prozent ungewöhnlich niedrig.

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Kritisiert wird auch, dass die Sonderdividende erst im nächsten Jahr ausgezahlt wird. Das mindert die Möglichkeiten der Verlustverrechnung aus diesem Jahr und ist nach Überzeugung von Aktionärsvertreterinnen und -vertretern eine Gefälligkeit für das Land Niedersachsen als zweitgrößtem VW-Aktionär. Weil die Familien, das Land und das Emirat Katar rund 90 Prozent der VW-Stimmrechte kontrollieren, ist allerdings von vornherein klar, dass alles wie vorgeschlagen beschlossen wird.

Die Berufung der neuen niedersächsischen Kultusministerin Julia Willie Hamburg in den VW-Aufsichtsrat kritisiert Ulrich Hocker von der Deutschen Vereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) heftig. Hamburg sei nicht qualifiziert und stecke als Grünen-Politikerin tief in Interessenkonflikten. „Es kann nicht sein, dass Inkompetenz hier das Sagen bekommt“, sagt Hocker. SdK-Vertreter Liebscher sieht das anders: Der alte VW-Aufsichtsrat habe Skandale nicht verhindert. „Leute, die von außerhalb draufschauen, tun gut.“

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