Autolobbyistin Müller im Interview

„Die EU setzt den Erfolg der E-Mobilität aufs Spiel“

Hildegard Müller ist seit 2020 Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA).

Hildegard Müller ist seit 2020 Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA).

Die wirtschaftliche Lage war selten so schwierig, aber die Autoindustrie fährt Rekordgewinne ein. Wie passt das zusammen, Frau Müller?

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Da muss man differenzieren. Die Gewinne der Hersteller kommen zum großen Teil aus dem Ausland, vor allem aus China und aus dem schwachen Euro-Kurs. Mittelständische Zulieferer haben dagegen oft erhebliche Probleme. Sie müssen die Transformation zum Elektroantrieb schaffen, die Lieferketten sind gestört, und die andauernden Probleme der Corona-Pandemie setzen auch der Liquidität zu. Wir hoffen alle, dass Deutschland jetzt nicht in eine Rezession gerät. Die Kostensteigerungen spürt jeder von uns im eigenen Geldbeutel. Ich betrachte die Entwicklung für unser Land daher mit großer Sorge.

Gleichzeitig verkaufen die Hersteller ihre Autos sehr teuer, weil sie knapp sind.

Jeder versucht, das Beste aus der Lage zu machen, das ist doch klar. Die Industrie muss eine gigantische Transformation finanzieren. Dafür braucht sie entsprechende Gewinne. Allein bis 2026 werden 220 Milliarden Euro in neue Antriebe und Technologien investiert, bis 2030 mehr als 100 Milliarden Euro in den Umbau von Werken. Diese gewaltige Kraftanstrengung braucht eine entsprechende Basis.

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Das Verbot von Neuwagen mit Verbrennungsmotor ist in der EU für 2035 faktisch beschlossen. Das ist eine herbe Niederlage für die Autoindustrie, oder?

Das ist in erster Linie eine Niederlage für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Solche Ziele müssten mit den entsprechenden politischen Rahmenbedingungen flankiert werden. Fakt ist: Die Autoindustrie stellt die Autos her, im nächsten Jahr gibt es schon mehr als 150 Modelle. Das Angebot ist also da – gefordert ist jetzt vor allem die Politik. Sie muss dafür sorgen, dass die Kunden dieses Angebot auch annehmen können und wollen.

Das Ladenetz ist in Deutschland immer noch weit davon entfernt, dass Menschen an jedem Ort und zu jeder Zeit laden können. In den meisten anderen EU-Ländern beginnt gerade erst der Aufbau. Es braucht Auf- und Ausbauverpflichtungen sowie ein entsprechendes Monitoring – für alle Mitgliedsländer. Die EU hat das bisher versäumt und setzt damit Verbraucher­vertrauen – und letztlich den Erfolg der E-Mobilität – aufs Spiel.

Es wird auch eine Lösung für den Fahrzeugbestand gebraucht, um die CO₂-Reduktionsziele im Verkehr zu erreichen.

Hildegard Müller,

VDA-Präsidentin

Der Europäische Rat hat außerdem eine Hintertür für synthetische Kraftstoffe offen gehalten, richtig?

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Die Klausel im Beschluss des Ministerrats ist noch nicht konkret genug. Fakt ist: Das EU-Konzept hat den gleichen erheblichen Schwachpunkt wie die deutschen Klimaprogramme: Es kümmert sich nicht um den heutigen Fahrzeugbestand. In Europa sind aktuell mehr als 280 Millionen, weltweit 1,5 Milliarden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor unterwegs. Wenn wir etwas für das Klima erreichen wollen, müssen wir auch hier unideologisch neue Wege gehen. Das geht nicht ohne synthetische Kraftstoffe, gerade auch bei den Lkw. Die EU ist hier nicht ambitioniert genug und verspielt eine gewaltige Chance. Die Erreichung der Klimaziele wird dadurch gefährdet.

Kritiker halten synthetische Kraftstoffe für ineffizient und warnen vor Konkurrenz zwischen Tank und Teller. Ist das wirklich ein sinnvoller Weg?

Für fortschrittliche Biokraftstoffe werden Abfälle verarbeitet, womit es keine Konkurrenz zu Lebensmitteln gibt. Und bei mit Ökostrom hergestelltem rein synthetischen Sprit besteht noch gewaltiges Entwicklungs­potenzial. Die Verfahren mögen heute noch ineffizient sein, aber wir haben den Fortschritt schon so oft unterschätzt. Fakt ist: Es wird auch eine Lösung für den Fahrzeugbestand gebraucht, um die CO₂-Reduktionsziele im Verkehr zu erreichen. Deshalb müssen wir jetzt groß denken. Wer klein denkt, hat später keine Optionen mehr. Wer auf Innovation setzt, dem gehört die Zukunft.

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Sie fordern regelmäßig den Ausbau des Ladenetzes für E-Autos. Jetzt steht er im Klimaschutz­sofort­programm ganz oben, und ein neuer Masterplan ist in Arbeit. Zufrieden?

Es ist völlig richtig, das Ladenetz in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist immer noch das größte Hindernis beim Hochlauf der Elektromobilität. Wenn wir die geplante eine Million Ladepunkte bis 2030 erreichen wollen, muss sich das Ausbautempo versechsfachen. Hier bleibt also noch viel zu tun.

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Was muss dafür passieren?

Wir brauchen endlich eine konzertierte Aktion mit allen Beteiligten. Bund, Länder und Kommunen müssen Flächen für Ladestationen bereitstellen. Die Kommunen haben da eine Schlüsselrolle. Leider hat die Hälfte der Kommunen bis heute noch keinen öffentlichen Ladepunkt. Und die Energiewirtschaft muss für ausreichende Netzanschlüsse sorgen – das kann sie nicht abwälzen. Mir berichten Wohnungs­gesellschaften, dass sie von 20 beantragten Anschlüssen von ihrem Versorger nur fünf bekommen. Das ist ein inakzeptabler Zustand!

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Woran liegt das?

Die Versorger haben bisher gar nicht den Auftrag, anzuschließen. Die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde muss deshalb den politischen Auftrag bekommen, den Netzanschluss sicherzustellen. So schnell wie möglich. Wir verspielen hier Zeit, die wir nicht haben.

Das heißt, die Netzagentur soll Versorger zwingen können, ihr Netz für neue Ladestationen aufzurüsten?

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Wie es früher den Anschlusszwang für die regenerativen Energien gab, muss jetzt klar sein: Ladestationen müssen zeitnah ans Netz angeschlossen werden. Das muss regulatorisch als klarer Auftrag definiert werden. Dazu gehört dann allerdings auch eine geregelte Vergütung für die Versorger, jedenfalls solange noch kein entsprechendes Geschäftsmodell entwickelt ist.

Die Energiewirtschaft hält eine Million Ladepunkte für übertrieben. Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Fragen Sie mal, warum Leute zögern, sich ein E-Auto zu kaufen. Die Unsicherheit, das Fahrzeug immer und überall laden zu können, wird am häufigsten genannt. Es steht also fest, dass wir das Netz sehr viel schneller ausbauen müssen als bisher. Das ist entscheidend für das Verbraucher­vertrauen.

Die Bundesregierung will für Hybride, also die Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor, kein Geld mehr geben. Ist das beim Umstieg auf E-Mobilität nicht logisch?

Deutschland ist noch weit von einer ausreichenden Ladeinfrastruktur entfernt – und jetzt soll der Verbraucher für die Versäumnisse bestraft werden. Die Lebensrealität der Menschen wird immer weniger berücksichtigt. Im Moment wissen die Leute nicht einmal, ob der Plug-in-Hybrid, den sie heute bestellen, später bei der Lieferung noch förderfähig sein wird. Es muss Vertrauensschutz und Planungssicherheit beim Umweltbonus geben, das ist im Klimaschutz­sofort­programm leider offen geblieben. Wir wollen die Auszahlung bei Kaufabschluss, nicht bei Auslieferung. Die Politik weigert sich.

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Am Ende geht es immer um Strom – nicht nur für Autos. Wo soll all der Ökostrom herkommen?

Bei allen Anstrengungen wird die in Deutschland erzeugte Ökoenergie für den Verbrauch hier wohl nicht ausreichen. Wir brauchen dringend Energie­partnerschaften mit Ländern, die uns beliefern können. Das geht nur über eine aktive Interessenspolitik und Handelsabkommen. Die EU muss ihre Klimastrategie zwingend durch eine Rohstoffstrategie absichern – ausreichend erneuerbare Energie gehört dazu. Das geht viel zu langsam: Unsere internationalen Wettbewerber sind hier viel agiler. Das kostet uns zunehmend Wettbewerbs­fähigkeit.

Mit Energielieferungen aus dem Ausland machen wir gerade denkbar schlechte Erfahrungen.

Umso wichtiger ist es, viele Lieferanten zu haben. Natürlich bedeutet das eine gewisse Abhängigkeit, aber wir brauchen auch eine stabile Energieerzeugung. Die Wirtschaft hat sich aus guten Gründen von der Selbstversorgung zur Arbeitsteilung entwickelt. Resilienz und Diversifikation stehen richtigerweise dabei auf der Agenda ganz oben.

Wir alle müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln und uns – ohne Denkverbote – klarmachen: Es geht jetzt um unsere Zukunft – wir stehen an einem Kipppunkt.

Hildegard Müller,

VDA-Präsidentin

Ganz akut: Wie geht die Autoindustrie mit dem drohenden russischen Gasstopp um?

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Sie spart, wo sie kann. Teilweise werden Anlagen dafür umgebaut, schnellere Genehmigungen wären hier eine große Hilfe. Letztlich gilt: Unsere Industrie ist Teil einer Kette: Wir sind auf Vorprodukte angewiesen, wenn zum Beispiel die Chemieindustrie steht, wird es auch für uns schwierig.

Transformation der Autoindustrie, Energiewende, Krieg – ballen sich da gerade mehr Herausforderungen, als man bewältigen kann?

Wir müssen gleichzeitig die großen Weichen stellen und akut handeln. Das ist eine riesige Herausforderung, noch gewaltiger in Zeiten einer Polykrise. Grundsätzlich gibt es eine problematische Entwicklung: Die Politik setzt zunehmend nur noch neue Ziele, ohne die Bedingungen zu schaffen, um sie zu erreichen. Im Klartext: ohne die eigenen Hausaufgaben zu machen.

Ich mache mir ernsthafte Sorgen um das europäische Wirtschaftsmodell. Berlin und Brüssel verweigern sich dringend notwendigen Reformen, die unsere Wettbewerbs­fähigkeit stärken. Eines dürfen wir nicht vergessen: Wenn wir mit unserem Ansatz beim Klimaschutz scheitern, werden uns andere Regionen auch nicht folgen. Eine lahmgelegte Industrie ist für niemanden ein nachahmenswertes Beispiel. Deswegen muss unsere Klimapolitik auch Wirtschafts- und Wohlstandsmotor sein. Wir alle müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln und uns – ohne Denkverbote – klarmachen: Es geht jetzt um unsere Zukunft – wir stehen an einem Kipppunkt.

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