Die Uefa hatte keine andere Wahl

Zum Christopher Street Day 2016 leuchtete die Hülle der Allianz-Arena in Regenbogenfarben.

Zum Christopher Street Day 2016 leuchtete die Hülle der Allianz-Arena in Regenbogenfarben.

Berlin. Rassismus und Homophobie sind keine Meinungen. Wer die freie und offene Gesellschaft verteidigen will, darf nicht neutral und schon gar nicht tolerant sein, wenn Menschen wegen Hautfarbe, Herkunft, sexueller Orientierung oder ihres Geschlechts diskriminiert werden.

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Und natürlich wäre die Regenbogen-Illumination der Münchner Arena beim Länderspiel Deutschland gegen Ungarn ein starkes Signal gewesen. Für Toleranz, für Menschlichkeit, für europäische Werte. Die Enttäuschung und der Zorn vieler Menschen, dass dieses Signal nun ausbleibt, ist verständlich.

Trotzdem ist die nun heftig kritisierte Entscheidung der Uefa, die Beleuchtung des Stadions in den Regenbogenfarben am Mittwochabend zu untersagen, richtig.

Das liegt zuallererst am Münchner Stadtrat. In einem fraktionsübergreifenden Schreiben hatten die Ratsherren und -frauen die Regenbogen-Illumination gefordert und das mit der Absicht begründet, ein Zeichen der Solidarität mit der LGBTQI-Community in Ungarn setzen zu wollen.

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Dort hatte vor wenigen Tagen das Parlament ein neues Gesetz erlassen, das unter anderem verbietet, in Schulen über Homosexualität oder Transsexualität aufzuklären. Bücher und Filme, in denen Homosexualität vorkommt, sollen vor Kindern und Jugendlichen ferngehalten werden. Auch in der Werbung sollen Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit nicht mehr vorkommen. Das Gesetz ist menschenverachtend und der Impuls, sich dagegen positionieren zu wollen, ist so nachvollziehbar wie richtig.

Mit dieser Begründung aber haben die Lokalpolitiker der Uefa im Grunde gar keine andere Möglichkeit gelassen, als die Beleuchtung zu verbieten. Politische und religiöse Neutralität sehen deren Statuten vor. Das hätte man wissen können. Dennoch haben die Münchner die beabsichtigte Farbaktion ausdrücklich mit einer politischen Auseinandersetzung in Ungarn verknüpft – und damit sehenden Auges die Ablehnung provoziert.

Womöglich hätte die Uefa anders entschieden, wenn die Münchner auf den politischen Kontext verzichtet und einfach nur ein Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz beantragt hätten – Werte, die sich auch der europäische Fußball auf die Fahnen geschrieben hat.

Dass die Verbandsfunktionäre ihre Ermessensspielräume in dieser Frage zu nutzen wissen, haben sie gerade erst unter Beweis gestellt, als sie dem deutschen Mannschaftskapitän Manuel Neuer das Tragen einer Regenbogenarmbinde erlaubten – der guten Sache wegen.

Nun könnte man fragen, was kümmern uns eigentlich die Statuten eines Verbandes, der in der Vergangenheit für vieles gestanden hat, nur nicht für moralische Integrität? Die Frage ist berechtigt, allerdings geht es bei der Illumination nicht allein um die Uefa, sondern auch um sportliche Fairness sowie deutsche Gastfreundschaft.

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So schön das Zeichen für Toleranz und Mitmenschlichkeit gewesen wäre, es hätte gleichzeitig auch eine hässliche Seite gehabt. Es wäre gegen ein Land und gegen eine Mannschaft gerichtet gewesen, die immerhin bei uns zu Gast ist. Die Regenbogen-Arena hätte unweigerlich auch das Signal einer deutschen Überheblichkeit in Fragen von Weltoffenheit und Moral ausgesendet, nach dem Motto: Wir sind tolerant – und ihr nicht.

Wie würden wir Deutschen es finden, wenn bei einem Auswärtsspiel in Lateinamerika das Stadion mit Rüstungsgütern verziert würde, die deutsche Waffenschmieden so gerne in alle Welt exportieren? Oder wenn bei einem Spiel in Osteuropa Rohrstränge auf die Arena projiziert würden – als Protest gegen den von unseren östlichen Nachbarn als bedrohlich empfundenen Bau der Pipeline Nord Stream 2?

Wir fänden das unsportlich und würden Gastfreundschaft für uns einfordern. Diese schulden wird jetzt auch den Ungarn – zumindest im Stadion.

Damit ist nicht gesagt, dass es jetzt keine Proteste gegen die menschenverachtende Politik des ungarischen Premierministers Viktor Orban geben darf. Im Gegenteil. Spieler, Funktionäre und auch Fans sind ausdrücklich aufgerufen, ihren Mund aufzumachen, wenn Menschen diskriminiert werden – in Ungarn und anderswo.

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Das gilt übrigens nicht nur beim Länderspiel am Mittwochabend. Die eigentliche Verteidigung unserer Werte findet im Alltag statt. Wie wir dort agieren und reagieren, ist um einiges wichtiger als die Farbe eines Fußballstadions.

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