Was tun Sie gegen die Inflation, Frau Lagarde?

Christine Lagarde ist seit dem 1. November 2019 Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).

Berlin. Sie zählt zu den mächtigsten Frauen unserer Zeit. Schon wenige Worte von ihr reichen, um Börsenkurse zu beflügeln oder zum Absturz zu bringen, die Wirtschaft anzukurbeln oder abzuwürgen, die Finanzierung von Staaten zu erleichtern oder zu erschweren. Aktienhändler, Investoren und sogar Finanzminister kleben an ihren Lippen, wenn Christine Lagarde erklärt, wie es mit der Geldpolitik im Euro-Raum weitergeht.

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Auch Tim Szent-Ivanyi und Andreas Niesmann haben aufmerksam zugehört, als sie Lagarde zum virtuellen Interview trafen. Eine gute Stunde hat sich die Französin den Fragen der RND-Redakteure gestellt.

Frau Lagarde, gehen Sie noch selbst einkaufen?

Natürlich kaufe ich meine Lebensmittel selbst. Und ich bezahle auch meine Strom- und Gasrechnung.

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Dann kennen Sie das Gefühl, wenn alles teuer wird.

Selbstverständlich. Ich sehe, dass die Preise steigen, und es ist mir keineswegs gleichgültig. Ich habe Familienmitglieder, deren Geschäfte angesichts der steigenden Energiepreise schwierig werden. Das geht mir sehr nahe.

Sie sind die Hüterin des Euro. Warum tun Sie nichts dagegen?

Die EZB wacht über den Euro – da haben Sie Recht. Unser Auftrag ist Preisstabilität. Ist die in Gefahr, werden wir handeln. Die Frage ist allerdings, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Wir müssen bedenken, dass jede Entscheidung, die wir treffen, in der Regel erst neun bis 18 Monate später ihre volle Wirkung entfaltet.

Umso schneller müssten Sie doch jetzt eigentlich handeln. Die Inflation in der Euro-Zone ist so hoch wie nie

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Moment! Zunächst einmal müssen wir verstehen, woher die Preissteigerung kommt. Gut die Hälfte geht auf den starken Anstieg der Energiepreise zurück. Öl, Gas, Elektrizität sind teurer geworden. Und da wir eine Menge davon importieren, liegen diese Preise gewissermaßen außerhalb der Einflusssphäre unserer Volkswirtschaft. Der zweite große Preistreiber waren Versorgungsengpässe: zu wenig Mikrochips, Containerstaus, unterbrochene Lieferketten. Jetzt frage ich Sie: Was kann die EZB dagegen tun? Können wir Versorgungsengpässe beheben? Können wir Container transportieren, den Ölpreis senken oder geostrategische Konflikte befrieden? Nein, das können wir alles nicht.

Sie könnten die Inflation bekämpfen, indem sie die Zinsen erhöhen.

Dadurch würde keines der aktuellen Probleme gelöst. Im Gegenteil: Wenn wir jetzt überstürzt handeln, könnte die Erholung unserer Volkswirtschaften deutlich schlechter ausfallen, und Arbeitsplätze wären gefährdet. Damit wäre niemandem geholfen.

Sie sagen also auch weiterhin: Abwarten und Tee trinken?

Nein. Wir haben bereits begonnen, Maßnahmen zu ergreifen. Im März werden wir das Pandemienotprogramm zum Ankauf von Anleihen beenden. Die EZB wird das Gesamtvolumen ihrer Nettokäufe von Vermögenswerten reduzieren. Das Ende der Nettoanleihekäufe ist Voraussetzung für Zinserhöhungen zu einem späteren Zeitpunkt.

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Wann ist dieser Zeitpunkt gekommen?

Derzeit beobachten wir die steigenden Inflationszahlen, die wir in unsere Prognose einbeziehen. Es kann sein, dass die Inflation höher ausfallen wird, als wir im Dezember prognostiziert haben. Das werden wir im März analysieren und dann weitersehen.

Warum hat die EZB das Problem der hohen Energiepreise nicht kommen sehen?

Da waren wir nicht die einzigen. Vor nicht einmal zwei Jahren gab es so viel Öl, dass sich die Tankschiffe stauten. Und Käufer bekamen sogar Geld dazu, damit sie das Öl abnehmen. Dieser Nachfrageeinbruch war beispiellos – genauso wie wenig später das Anziehen der Nachfrage und die geopolitischen Verwerfungen, die die Preise nach oben getrieben haben. Beide Bewegungen waren ehrlich gesagt nicht rational vorhersehbar.

Wer sagt uns, dass Sie dieses Mal mit Ihrer Prognose richtig liegen, wonach die Inflation ein vorübergehendes Phänomen ist?

Bitte nicht missverstehen: Die hohen Energiepreise sind kein vorübergehendes Phänomen, die werden uns noch eine Weile erhalten bleiben. Das Preisniveau ist aber jetzt schon sehr hoch. Der Ölpreis ist von unter 20 Euro im April 2020 auf 90 Euro pro Fass gestiegen, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass er in der gleichen Dynamik weitersteigt. Die Inflation wird sich allein schon deshalb verlangsamen.

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Mit Verlaub, die Teuerung lag im Januar bei 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Im Dezember war sie mit 5,3 Prozent nur unwesentlich höher – vor allem, wenn man bedenkt, dass die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung die Statistik nicht mehr verzerrt.

Die Inflation wird in den nächsten Monaten relativ hoch bleiben. Ich bin aber zuversichtlich, dass sie im Laufe des Jahres sinkt.

Das bedeutet, dass kein Handlungsbedarf besteht?

Es besteht der Bedarf, sehr sorgfältig zu analysieren, wie sich die hohen Energiepreise auf andere Preise auswirken. Teure Energie verteuert Düngemittel, teure Düngemittel verteuern Lebensmittel und so weiter. Wir werden uns das im März sehr genau ansehen und bei allen weiteren Treffen in den nächsten Monaten. Falls nötig, werden wir handeln. Aber das geht nur Schritt für Schritt.

Noch im Dezember haben sie eine Zinserhöhung in diesem Jahr als „sehr unwahrscheinlich“ bezeichnet. Haben Sie das „sehr“ inzwischen gestrichen?

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Wir sind noch nicht am Ziel, die Inflationsrate auch auf mittlere Sicht und dauerhaft bei unserem Ziel von 2 Prozent zu stabilisieren. Aber wir machen Fortschritte und kommen dem näher. Das würde uns erlauben, einige unserer Interventionen zurückzunehmen. Das geht aber nur stufenweise. Ich vergleiche das mit einem Auto, das abbiegen will. Niemand macht das im fünften Gang in voller Fahrt, sondern man geht vom Gas und schaltet schrittweise zurück. Genau das tun wir gerade. Und sobald das Tempo richtig ist und die Situation es zulässt, nehmen wir die Kurve.

Andere Notenbanken wie die Fed in den USA und die Bank of England haben die Kurve – also Zinserhöhungen – längst genommen oder angekündigt. Warum agieren Sie so zögerlich?

Die Situation in den USA oder Großbritannien ist mit der Euro-Zone nicht vergleichbar. In den USA ist die Wirtschaft überhitzt, bei uns ist sie davon weit entfernt. Deshalb können und müssen wir behutsamer vorgehen. Wir wollen die Konjunktur nicht abwürgen.

Die Märkte sind infolge Ihrer Geldpolitik von Rekordhoch zu Rekordhoch geeilt. Gleichzeitig haben Menschen, die mit Lebensversicherungen für das Alter vorsorgen wollten, Zehntausende verloren. Warum sind die Empfindlichkeiten der Anleger für Sie wichtiger als die der Kleinsparer?

Ich bin seit zwei Jahren EZB-Präsidentin, und bereits drei Monate nach meinem Amtsantritt begann die Corona-Pandemie – mit massiven Auswirkungen auf die Wirtschaft. Wir haben in dieser enormen Krise Geld zur Verfügung gestellt, damit Kredite weiterhin für Familien und Firmen verfügbar waren. Dadurch wurden Tausende Insolvenzen vermieden und Millionen Jobs gerettet. Wir haben der Wirtschaft Krücken verpasst, damit sie weiterlaufen konnte. Jetzt nehmen wir die Krücken bald weg, weil die Unternehmen wieder auf eigenen Beinen stehen können.

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Die Niedrigzinspolitik war alternativlos?

Wir hatten schon negative Zinsen, als die Corona-Krise kam. Durch eine Anhebung der Zinsen hätten wir die Wirtschaft direkt gegen die Wand gefahren. Im Ergebnis hätten wir auf Pandemie und Wirtschaftskrise noch eine Finanzkrise obendrauf gesetzt. Das haben wir vermieden. Und nun, da wir das geschafft haben, können wir ohne Eile und Schritt für Schritt unsere geldpolitischen Instrumente anpassen. Und wenn die wirtschaftlichen Daten es zulassen, werden wir es auch tun.

EZB-Chefin Christine Lagarde im Gespräch mit den RND-Korrespondenten Tim Szent-Ivanyi und Andreas Niesmann (v.l.).

EZB-Chefin Christine Lagarde im Gespräch mit den RND-Korrespondenten Tim Szent-Ivanyi und Andreas Niesmann (v.l.).

Ein aktuelles Schlagwort ist „Greenflation“, also die Befürchtung, dass die Energiewende die Inflation anheizt. Teilen Sie diese Sorge?

Nein. Die aktuellen Auswirkungen der Dekarbonisierung auf die Preise sind minimal, und zwar egal, ob wir über Emissionshandel oder Sondersteuern reden. Wir müssen den grünen Umbau der Wirtschaft hinbekommen, wenn die Welt nicht zu einer Bratpfanne werden soll.

Den Warnern vor „Greenflation“ geht es ja nicht nur um CO₂-Preise, sondern auch um immer teurer werdende Rohstoffe der Energiewende wie Silizium, Nickel oder Kupfer.

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Die Auswirkung dieser speziellen Rohstoffpreise auf die allgemeine Preisentwicklung ist klein, jedenfalls zur Zeit. Die ganze Debatte über „Greenflation“ halte ich für übertrieben.

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Was ist mit der Sorge vor Zweitrundeneffekten, also höheren Tarifabschlüssen in Folge gestiegener Preise? Der Chef der Chemiegewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, hat den Schutz seiner Leute vor der Inflation bereits zum wichtigsten Ziel der nächsten Tarifrunde erklärt.

Zunächst einmal halte ich es für verständlich und legitim, wenn Gewerkschaftsführer in dieser Situation höhere Lohnforderungen stellen, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu erhalten. Lohnentwicklungen orientieren sich grundsätzlich am Produktivitätsfortschritt und an den mittelfristigen Inflationserwartungen, die aktuell etwa bei unserem Inflationsziel von 2 Prozent liegen.

Erst, wenn die Abschlüsse deutlich und anhaltend darüber hinausgehen, könnten sie den Inflationsprozess beschleunigen. Das sehen wir im Moment aber überhaupt nicht. In den meisten Euro-Ländern, auch in Deutschland, sind die Lohnforderungen ausgesprochen moderat.

Lassen Sie uns zu einem anderen Thema kommen. Die EZB möchte bis 2024 die Euro-Scheine neugestalten. Sie zeigen bisher europäische Architektur. Warum ist das nicht mehr zeitgemäß?

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Zunächst einmal: Der Euro ist populär, und zwar nicht nur dort, wo er schon eingeführt ist. Die Menschen vertrauen dieser Währung. Das zeigen auch neue Beitrittskandidaten: Kroatien will 2023 die Gemeinschaftswährung einführen, Bulgarien 2024. Aber auch international ist der Euro beliebt: Die zweitwichtigste Währung nach dem Dollar ist nicht etwa der japanische Yen oder der chinesische Yuan, sondern der Euro. Auch deshalb sollten wir uns genau überlegen, was wir von Europa zeigen wollen.

Und was ist an Architektur auszusetzen?

Nichts. Aber haben Sie schon einmal genau auf die Scheine geschaut? Die Bauwerke, die Sie dort sehen, gibt es in Wirklichkeit gar nicht. 20 Jahre nach der Einführung des Euro ist es an der Zeit, uns zu fragen, ob es etwas gibt, mit dem sich Europäerinnen und Europäer noch besser identifizieren können. Etwas, was wir alle als typisch europäisch wahrnehmen und uns verbindet.

Woran denken Sie?

Ich persönlich kann mir sehr gut vorstellen, auf den Banknoten Gesichter berühmter Europäer zu zeigen: Leonardo da Vinci, Ludwig van Beethoven oder James Joyce. Ich selbst erinnere mich gern an den Fünf-Franc-Schein mit Victor Hugo, den es vor 50 Jahren in Frankreich gab. Aber sicherlich gibt es auch andere Möglichkeiten, die europäische Identität zu zeigen, etwa ein berühmtes Bild oder ein Baudenkmal.

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Ist es vorstellbar, dass auf den Banknoten wie bei den Münzen je Ausgabeland unterschiedliche Motive gezeigt werden?

Ich spreche hier für mich, weil wir das in der EZB noch nicht diskutiert haben: Die Neugestaltung der Banknoten ist eine gute Gelegenheit, Geschlossenheit zu zeigen. Denn das ist ja gerade das europäische Projekt: Die nationalen Grenzen zu überwinden, um zusammen wirtschaftlich stark zu sein und Kriege zu verhindern. Es wäre ein Fehler, wenn wir jetzt wieder anfangen würden, nach Ländern zu unterscheiden. Wir sollten herausfinden, was uns eint und verbindet – nicht, was uns trennt.

Die EZB treibt noch ein neues Projekt voran: die Einführung eines digitalen Euros. Welchen Nutzen hätte das für die Menschen?

Tatsache ist, dass in einigen Ländern inzwischen die meisten Transaktionen ohne Bargeld abgewickelt werden und die Europäer sehr gern ihre Geldgeschäfte per Computer oder Smartphone erledigen. Zweitens gibt es private Anbieter, die versuchen, Kryptowährungen zu etablieren. Dem müssen wir etwas entgegensetzen. Es kann nicht sein, dass mit persönlichen Daten der Nutzerinnen und Nutzer Geld verdient wird. Außerdem bietet die Technologie für private digitale Währungen auch neue bedenkliche Möglichkeiten, zum Beispiel für die Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche. Deshalb sollte die Schaffung eines digitalen Euro ein öffentliches Projekt sein. Das dient auch Europas Unabhängigkeit.

Wie meinen Sie das?

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Viele digitale Zahlungen laufen derzeit über außereuropäische Systeme, denken Sie an Visa, Mastercard oder American Express. Wir erleben gerade bei Öl, Gas oder Mikrochips, wie teuer es sein kann, von externen Lieferanten abhängig zu sein, dort fehlt uns Souveränität. Ich denke, dass wir im Bereich der Finanzen ebenso vorsichtig sein müssen.

Aber zählt es überhaupt zu den Aufgaben der EZB, ein digitales Zahlungssystem aufzubauen?

Ja, aber die Entscheidung wird zusammen mit den Mitgliedstaaten und den europäischen Institutionen getroffen werden. Die EZB wird in jedem Fall weiterhin die Hüterin des Euro sein, egal ob in analoger oder digitaler Form. Und wir sind weiterhin für die Bargeldversorgung zuständig. Denn selbst wenn wir einmal einen wunderbaren digitalen Euro haben, wird es weiterhin Banknoten und Münzen geben. Die Menschen sind an Bargeld gewöhnt und wollen es nicht aufgeben. Die Diskussion über eine Abschaffung von Bargeld halte ich daher für überflüssig. Auch ich liebe es, Banknoten in meinem Portemonnaie zu haben. Und jetzt ist sogar meine eigene Unterschrift darauf zu sehen (lacht).

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