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Warum Bargeld Freiheit bedeutet – ganz besonders in China

Chinesische Banknoten gibt es in China immer seltener zu sehen.

Peking. Um in China als Korrespondent zu arbeiten, muss man eine Portion Wagemut mitbringen. Das vielleicht größte Abenteuer meiner Zeit in Peking aber dürfte für Sie alles andere als abenteuerlich klingen: Mehr als zwei Jahre lang habe ich meinen Alltag nur mit Bargeld bestritten.

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In Deutschland ist das problemlos möglich, in China nicht. Ganz gleich ob im Café, Restaurant oder in der Kneipe: Wann immer ich meine farbigen Geldscheine aus der Jackentasche kramte, schauten mich die Kellner an, als würde ich einen Revolver zücken: mit einer Mischung aus Panik und Ratlosigkeit.

Per Gesetz kann man in China überall mit Bargeld zahlen, in der Realität geht das immer seltener. Oft scheitert es schon daran, dass Läden keine Kasse mit Wechselgeld mehr besitzen. Viele haben seit Monaten kein „Cash“ gesehen.

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Die Volksrepublik ist eine durch und durch bargeldlose Gesellschaft. Gekauft wird ausschließlich mit den mobilen Zahlplattformen Wechat Pay oder Ali Pay. Selbst die Bettlerin, die jeden Abend vorm Supermarkt nach Kleingeld fragt, verschmäht meine Münzen. Stattdessen hält sie mir einen QR-Code vor die Nase.

Ich habe nichts gegen den Fortschritt. Doch als Korrespondent, der ohnehin ständig der Überwachung des chinesischen Sicherheitsapparats ausgesetzt ist, lernt man die Freiheit zu schätzen, die Bargeld darstellt. Leider fordert diese Freiheit einen hohen Preis. Mit meinen immer wertloseren Scheinen konnte ich irgendwann keine Taxis mehr finden, keine Kinotickets kaufen und kein Essen bestellen.

Als ich in der Zeitung las, dass ein Landkreis verurteilte Kriminelle mit dem Sperren ihres Wechat-Pay-Accounts bestrafen möchte, hat mich das nicht mehr gewundert. Wer auf Bargeld in China angewiesen ist, wird zum Überlebenskünstler.

Ich habe mich am Ende dem sozialen Druck gebeugt – und gehöre nun der bargeldlosen Mehrheit an. Mein neuer Alltag fühlt sich bequemer an, gar keine Frage. Doch ab und an blicke ich mit Nostalgie zurück auf meinen alten, analogen Wagemut.

Fabian Kretschmer ist Peking-Korrespondent des RND. Wie die Chinesen das 21. Jahrhundert erobern wollen, erklärt er an dieser Stelle mittwochs – im Wechsel mit seinen Kolleginnen und Kollegen in Washington, London, Brüssel sowie für Russland und Osteuropa.

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