Kampf gegen die Inflation

Die EZB zieht doch noch die Bremse

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, spricht auf der Pressekonferenz der Bank. Die Europäische Zentralbank erhöht angesichts der Rekordinflation erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euro-Raum.

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, spricht auf der Pressekonferenz der Bank. Die Europäische Zentralbank erhöht angesichts der Rekordinflation erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euro-Raum.

Die Europäische Zentralbank (EZB) verstärkt ihren Kampf gegen die Inflation. Die Leitzinsen werden schneller angehoben als noch im Juni geplant. Statt einer Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte hat der EZB-Rat eine Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte beschlossen.

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Ein weiterer Schritt wurde für September angekündigt, die Höhe ist aber offen. Damit bei diesem schnelleren Zinsanstieg nicht finanzschwache Länder wie Italien unter die Räder kommen, wird ein neues Instrument namens TPI bereitgestellt, das ihnen im Notfall die Finanzierung am Kapitalmarkt sichern soll.

FRANKFURT AM MAIN, GERMANY - FEBRUARY 03: Christine Lagarde, President of the European Central Bank, speaks to the media following a meeting of the ECB Governing Council on February 03, 2022 in Frankfurt, Germany. Inflation in the Eurozone, driven by rising energy prices and consequences of supply chain bottlenecks, has outpaced ECB forecasts. (Photo by Thomas Lohnes/Getty Images)

Höherer Leitzins: Diese sechs Fakten sollten Anleger jetzt kennen

Mit der ersten Anhebung des Leitzinses nach elf Jahren greift die Europäische Zentralbank tief in unser aller Leben ein. Dies betrifft Zinsen, aber auch Kredite.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach nach dem Treffen in Frankfurt von einer „wirklich wichtigen Sitzung“. Wegen der dramatisch gestiegenen Inflation hatte die Zentralbank bereits im Juni die erste Leitzinserhöhung seit elf Jahren angekündigt. Seitdem seien weitere Inflationsrisiken eingetreten, sagte Lagarde. In der Euro-Zone ist die Jahresteuerung zuletzt auf mehr als 8 Prozent gestiegen. Deshalb war im Vorfeld der Sitzung bereits über einen größeren Zinsschritt spekuliert worden, allerdings hatten die meisten Expertinnen und Experten nicht damit gerechnet. Seit Lagarde an der Spitze steht, hat die EZB gegen alle Kritikerinnen und Kritiker an einer lockeren Geldpolitik festgehalten.

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Europäische Zentralbank will wieder Zinsen erhöhen

Nach dem Ende der milliardenschweren Anleihekäufe will die Europäische Zentralbank nun erstmals seit elf Jahren wieder die Zinsen erhöhen.

Die Entscheidung wirkt sich vor allem auf die kurzfristigen Zinsen aus. Aus Verbraucherinnen- und Verbrauchersicht dürften nun vor allem Konsumentenkredite teurer werden, auf der anderen Seite aber auch Ersparnisse etwa auf Tagesgeldkonten wieder etwas Zins bringen. Mit der Erhöhung um einen halben Punkt könnten auch die sogenannten Strafzinsen auf Girokonten etwas früher verschwinden als erwartet.

Kein Negativzins mehr

In der Eurozone gibt es drei Leitzinsen für verschiedene Zwecke, die bisher zwischen null und minus 0,5 Prozent lagen. Mit der Erhöhung um einen halben Prozentpunkt rutscht auch der niedrigste, der Einlagenzins für Notenbankguthaben, auf die Nulllinie. Geschäftsbanken müssen nun keine Gebühr mehr zahlen, wenn sie Guthaben bei der EZB parken, und könnten diesen Vorteil an ihre Sparkundinnen und -kunden weitergeben. Seit Einführung des EZB-Negativzinses hatten immer mehr Banken von ihren Kundinnen und Kunden „Verwahrentgelte“ für größere Beträge auf Girokonten kassiert – also ihre eigenen Kosten an diese Kundinnen und Kunden weitergegeben. Einige Institute haben in den vergangenen Wochen bereits das Ende dieser Praxis beschlossen, nun dürften weitere folgen.

Die EZB hat mit ihrer Zinsentscheidung ihren ursprünglichen Plan an die Wirklichkeit der internationalen Entwicklung angepasst.

Sebastian Brehm (CSU),

Finanzpolitiker

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Vor allem in Nordeuropa hatten viele Expertinnen und Experten auch innerhalb der EZB den größeren Zinsschritt gefordert. Entsprechend fielen die Reaktionen nach der Entscheidung positiv aus. „Die EZB hat mit ihrer Zinsentscheidung ihren ursprünglichen Plan an die Wirklichkeit der internationalen Entwicklung angepasst“, sagte der Unionsfinanzpolitiker Sebastian Brehm (CSU) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das entbinde die Bundesregierung aber nicht vom Handeln gegen die Inflationsfolgen. „Hier braucht es endlich Signale der Entlastung von Bürgern und Wirtschaft auf breiter Front.“

„Die EZB agiert in der derzeit schwierigen Gemengelage mit einer deutlichen, aber dennoch besonnenen Anhebung der Zinsen“, sagte die finanzpolitische Sprecherin der Grünen, Katharina Beck. Für Sparerinnen und Sparer sei es „eine grundsätzlich gute Nachricht, wenn sich die Höhe der Zinsen nun aus dem Negativbereich raus entwickelt“. Die Zinserhöhung sei „richtig und war überfällig“, sagte der FDP-Finanzpolitiker Markus Herbrand dem RND. „Der Kreislauf aus billigem Geld und folgenlosen Schulden muss endlich zum Erliegen kommen.“

Bei der Bewertung des Stabilisierungsprogramms für die Euro-Zone gehen die Meinungen dagegen auseinander. Grünen-Politikerin Beck begrüßte den Plan: „Wichtig ist, dass Spekulationen über eine Neuauflage der Euro-Krise im Keim erstickt werden“, sagte sie dem RND. Die EZB mache damit klar, dass Spekulationen gegen Anleihen einzelner Staaten keinen Erfolg haben würden. Die Union kritisiert dagegen das Kriseninstrument. „Die EZB setzt damit ihre verhängnisvolle Politik der indirekten Staatsfinanzierung für hoch verschuldete Staaten nicht nur fort. Die EZB entfernt sich damit noch weiter von ihrem eigentlichen Auftrag“, sagte Brehm.

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Der EZB-Rat hat sein neues Programm TPI genannt (Transmission Protection Instrument). Es ermöglicht unter bestimmten Bedingungen den Ankauf von Anleihen ausgewählter Staaten – während diese Ankäufe in der Breite gerade beendet werden. Die Sorge ist, dass mit den Zinserhöhungen die Finanzierungskosten hoch verschuldeter Länder überproportional steigen. Vor allem Italien gilt als gefährdet. Durch die Eingriffsmöglichkeit der EZB sollen Spekulanten davon abgehalten werden, am Kapitalmarkt gegen diese Staaten zu wetten und sie damit noch mehr in Bedrängnis zu bringen.

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Lagarde betonte, dass TPI bei Bedarf für jeden Euro-Staat zur Verfügung stehe und sich gegen die Spekulation richte. Es gehe nicht darum, hausgemachte Probleme einzelner Länder abzufedern, sagte sie mit Blick auf die Regierungskrise in Italien. TPI werde man nur unter klar definierten Voraussetzungen einsetzen, um „unerwünschte und ungeordnete“ Vorgänge am Finanzmarkt zu bekämpfen.

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