Leitzins nun bei 2 Prozent

Zinserhöhung der EZB: ein Paukenschlag mit Ansage

Die Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde.

Die Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde.

Frankfurt am Main. Das war ein Paukenschlag mit Ansage. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen abermals kräftig erhöht. Der sogenannte Hauptrefinanzierungssatz, für den Geschäftsbanken sich Geld bei der EZB beschaffen können, wird von 1,25 Prozent auf glatte 2 Prozent erhöht. Das ist der höchste Stand seit mehr als einem Jahrzehnt.

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Die Behörde will damit die jahrelange Geldschwemme in der Euro-Zone weiter eindämmen und die Inflation bekämpfen. Die Teuerung hat im September mit 9,9 Prozent in der Währungsunion einen Rekordwert erreicht. Hierzulande waren es 10 Prozent. Und weitere Steigerungen sind wahrscheinlich. Hauptursache sind die enorm hohen Preise für Energie, die laut EZB-Direktorin Christine Lagarde allein etwa 60 Prozent der Teuerung ausmachen.

Teuerung sickert in die gesamte Wirtschaft

Mehr noch: Notenbanker und Wirtschaftspolitiker bereitet große Sorgen, dass auch die sogenannte Kerninflation enorm hoch ist. Sie ist zuletzt von 4,3 auf 4,8 Prozent gestiegen. Bei dieser Kennziffer werden Lebensmittel und Energie, die auch in normalen Zeiten stark schwanken, herausgerechnet. Die 4,8 Prozent sind ein klares Anzeichen dafür, dass die Preisaufschläge mittlerweile in weite Teile der Ökonomie eingesickert sind. So haben sich auch Flugreisen und oder Textilien deutlich verteuert.

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Die EZB hat das Ziel, die Inflation auf einem Niveau um die 2 Prozent zu stabilisieren. Das Fünffache bedeutet, dass die Notenbanker zum Handeln gezwungen sind. Für Friedrich Heinemann vom Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW war der zweite große Zinsschritt zwangsläufig. Angesichts der Rekordinflation müsse die EZB nun möglichst schnell aus dem Terrain „unangemessen niedriger Leitzinsen“ heraus.

US-Notenbank hebt Leitzins erneut kräftig an

Zur Bekämpfung der hohen Inflationsrate erhöht die US-Notenbank den Leitzins erneut kräftig. Er erreicht damit den höchsten Stand seit 14 Jahren.

Ähnlich sehen es viele andere Volkswirte. Die Mehrheit erwartet weitere 0,5 Prozent mehr im Dezember und zwei weitere Schritte mit jeweils 0,25 Prozent zeitig im neuen Jahr. Für Heinemann geht es in Richtung 4 Prozent. Lagarde betonte: „Wir werden tun, was wir tun müssen. Das heißt, die Zinsen in den nächsten Sitzungen erhöhen.“ Wenn die EZB ihren Auftrag zur Gewährleistung von Preisstabilität nicht erfülle, „würde das der Wirtschaft viel mehr schaden“.

Auch der zweite wichtige Leitzins, die „Einlagefazilität“, wird nun deutlich nach oben gesetzt, und zwar von 0,75 auf 1,5 Prozent. Hierbei handelt es sich um überschüssiges Geld der Banken, das bei der EZB geparkt wird. Die Einlagefazilität hat Auswirkungen auf das Zinsniveau im Allgemeinen und im Besonderen darauf, wie viel die Geldhäuser ihren Kunden an Zinsen für Tagesgeld und andere kurzfristige Anlagen zahlen.

EZB hechelt hinter der Fed hinterher

Die EZB ist auch deshalb zum Erhöhen ihrer Sätze gezwungen, weil sie der US-Notenbank Fed nacheifern muss. Dort liegen die Leitzinsen zwischen 3 und 3,25 Prozent. Dieser Abstand hat zur Folge, dass es Investoren in die Vereinigten Staaten zieht, da sie dort höhere Renditen für ihre Anlagen erzielen. Was den Dollar stärkt, den Euro schwächt und somit den Import von Öl und zahlreichen anderen Rohstoffen verteuert, wodurch die Inflation zusätzlich angeschoben wird.

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Jörg Asmussen, Chef des Dachverbandes der Versicherungswirtschaft, betonte denn auch: „Man sollte positiv feststellen, dass seit einigen Wochen die Inflationserwartungen im Euroraum sinken, aufgrund der schwachen Wachstumsaussichten.“ Das sei wichtig, helfe aber kurzfristig den Verbraucherinnen und Verbrauchern nichts.

FRANKFURT AM MAIN, GERMANY - FEBRUARY 03: Christine Lagarde, President of the European Central Bank, speaks to the media following a meeting of the ECB Governing Council on February 03, 2022 in Frankfurt, Germany. Inflation in the Eurozone, driven by rising energy prices and consequences of supply chain bottlenecks, has outpaced ECB forecasts. (Photo by Thomas Lohnes/Getty Images)

Höherer Leitzins: Diese sechs Fakten sollten Anleger jetzt kennen

Mit der ersten Anhebung des Leitzinses nach elf Jahren greift die Europäische Zentralbank tief in unser aller Leben ein. Zwar besteht endlich wieder die Aussicht auf Guthabenzinsen bei der Geldanlage auf Sparkonten. Zugleich verteuern sich aber auch Kredite und Darlehen in einem lange Zeit nicht gekannten Ausmaß.

Denn inwiefern durch die höheren Sätze nun der Preisauftrieb gestoppt werden kann, ist unter Volkswirten umstritten. Die klassischen Modelle gehen davon aus, dass eine hohe Inflation das Resultat einer heiß gelaufenen Konjunktur ist. Die höheren Zinsen sollen dann dazu führen, dass die Nachfrage der Verbraucher gebremst wird und so alles wieder billiger wird. Hierzulande und in der gesamten EU hat sich das Wachstum aber bereits deutlich verlangsamt.

Viele Experten rechnen bereits sogar mit einer Rezession – also einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung. Zinserhöhungen könnten diesen Mechanismus noch beschleunigen. Selbst Lagarde räumte ein: „Die Wirtschaftstätigkeit in der Euro-Zone dürfte sich im dritten Quartal deutlich verlangsamt haben. Wir erwarten eine weitere Abschwächung im Rest dieses Jahres und Anfang nächsten Jahres.“

Maßgeblich wird das Angebot an Energie sein. Die Preise für Erdgas sind zwar zuletzt gesunken, an den Energiebörsen werden aber Terminkontrakte zur Lieferung in den Monaten Dezember bis März mit hohen Aufschlägen gehandelt, weil mit Engpässen gerechnet wird, wenn es richtig kalt wird. Bei Heizöl und Kraftstoffen zeigt sich, dass der Förderkartell Opec+ die Preise ebenfalls hochhalten will – zuletzt wurde dies durch eine massive Förderkürzung erreicht.

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Lagarde stellt Geldmaschine für Banken ab

Durch die höheren Leitzinsen steigen zwar die Handlungsspielräume der Banken, da die Differenz zwischen Kredit- und Einlagezinsen tendenziell größer wird. Andererseits wird nun an einem Instrument geschraubt, das zu einer Art Perpetuum mobile der Geldvermehrung geworden ist. Die EZB hatte es mit einem Volumen von 2000 Milliarden Euro und dem schönen technokratischen Titel TLTRO in der Pandemiekrise ersonnen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Banken konnten sich sehr preiswerte langfristige Kredite bei der Notenbank holen. Das geliehene Geld konnten sie über die Einlagefazilität zuletzt mit einem höheren Zinssatz wieder bei der EZB anlegen.

Nun will Lagarde die Konditionen so ummodeln, dass die quasi automatischen Gewinne zumindest stark eingedämmt werden. James von Moltke, Finanzchef der Deutschen Bank, hatte bereits im Vorfeld kundgetan, dass er „enttäuscht“ sein werde, wenn die Bedingungen aus seiner Sicht verschärft würden. Michael Peters von der „Bürgerbewegung Finanzwende“ sagte hingegen: „Dieser Schritt war überfällig, denn viel zu lang konnten Banken praktisch leistungslose Gewinne einsacken.“

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