Angst vor Zerbröseln der Euro-Zone

Alarmstimmung bei der EZB: Jetzt kommt die Notbremse

Im Licht des heranbrechenden Tages steht die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) im Frankfurter Osten.

Im Licht des heranbrechenden Tages steht die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) im Frankfurter Osten.

Frankfurt am Main. Alarmstimmung bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Rat, das oberste Entscheidungsgremium, kam am Mittwoch in Frankfurt überraschend zu einer Sondersitzung zusammen. „Um die aktuelle Marktlage zu erörtern“, so eine Sprecherin der Europäischen Zentralbank. Die Notenbank teilte nach dem Treffen mit, dass Erlöse aus dem ausgelaufenen Corona-Anleihekaufprogramm Pepp nun „besonders flexibel“ eingesetzt werden sollen.

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Dies dürfte dazu dienen, die Staatsanleihen von Südländern der Euro-Zone zu stabilisieren. Zugleich beauftragte der Rat die zuständigen Gremien, die „Fertigstellung eines neuen Kriseninstruments“ zu beschleunigen, es soll vor künftigen Verwerfungen an den Finanzmärkten schützen.

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Anlass für die Sitzung waren dramatische Entwicklungen an den Kapitalmärkten. Die Zinsen für Südländer der Euro-Zone sind in den vergangenen Tagen massiv in die Höhe geschossen. Genauer gesagt handelt es sich um die Renditen von Staatsanleihen. Diese wiederum definieren, zu welchen Konditionen die Regierungen sich Geld bei internationalen Investoren leihen können.

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Angst vor einem Zerbröseln der Euro-Zone

Im Fokus stehen italienische Papiere. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren lag die Rendite am Dienstag erstmals seit 2014 mit 4,26 Prozent über der wichtigen Vier-Prozent-Marke. Zugleich ist der Abstand (Spread) zu deutschen Anleihen mit gleicher Laufzeit (zuletzt knapp 1,7 Prozent) in den vergangenen Tagen immer größer geworden.

Die Fortsetzung einer solchen Entwicklung könnte erstens dazu führen, dass der italienische Staat in eine finanzielle Klemme rutscht und dass andererseits die höheren Spreads Verwerfungen für die gesamte Euro-Zone zeitigen.

Auslöser war die Ankündigung des EZB-Rats in der vorigen Woche, dass nach acht Jahren mit Leitzinsen auf Nullniveau Ende Juli die Rate auf 0,25 Prozent steigen soll. Außerdem sollen die Nettozukäufe von Staats- und Unternehmensanleihen beendet werden, die wie eine zusätzliche Zinssenkung bewirkt haben. Ferner könnte es weitere Aufschläge beim Leitzins um 0,5 Prozent im September geben.

Damit soll die Inflation in der Euro-Zone bekämpft werden, die zuletzt auf den Rekordwert von 8,1 Prozent gestiegen war. Die Null-Zins-Strategie hatte vor allem den hoch verschuldeten Südländern geholfen, ihre Staatsfinanzen zu konsolidieren und Konjunkturprogramme im Zuge der Pandemiebekämpfung auf den Weg zu bringen.

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Der Zinswendebeschluss führte nun dazu, dass Anleihehändler Wetten starteten, die auf schwindende Zahlungsfähigkeit von Italien und Co setzten. Betroffen sind auch Spanien, Portugal und Griechenland. Dieses Szenario erinnert an die Euro-Schuldenkrise vor zehn Jahren. Seinerzeit drohte ein Zerbrechen der Gemeinschaftswährung. Was zu einer schweren Wirtschaftskrise in Europa und zu unkalkulierbaren Folgen für Deutschland geführt hätte.

Italiens Staatshaushalt ächzte seinerzeit unter hohen finanziellen Bürden. Ein Ausstieg aus dem Euro wurde erwogen, um mit der Wiedereinführung der Lira den Staat zu entlasten und den Export anzukurbeln. Der damalige EZB-Chef und heutige Ministerpräsident Mario Draghi beendete die Spekulationen mit seiner berühmt gewordenen Ansage: Die Notenbank werde den Euro schützen, was immer es koste („whatever it takes“).

Ähnlich war der Tonfall von Isabel Schnabel, EZB-Direktoriumsmitglied, schon am Vorabend der Sondersitzung: Das Engagement gegen eine Fragmentierung des Währungsraums mit seinen 19 Ländern habe „keine Grenzen“.

Zweifel an der EZB-Strategie

Das neue „Kriseninstrument“ soll nun dazu dienen, die Integrität der Euro-Zone dauerhaft zu garantieren. Bei den kurzfristigen Maßnahmen geht es um Folgendes: Die EZB hat zwar beschlossen, keine zusätzlichen Anleihen mehr zu kaufen. Aber die Erlöse aus fällig gewordenen Papieren sollen wieder angelegt werden. Möglich wäre nun, hier beispielsweise gezielt italienische Staatspapiere zu kaufen. Das würde das Angebot auf dem Finanzmarkt verkleinern, um die Kurse zu stützen und damit die hohen Renditen zu drücken.

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Derweil genügte allein die Ankündigung der Sondersitzung, um Wirkung zu zeigen. Die Rendite für die italienischen Zehnjährigen sank bereits am Mittwochvormittag von 4,26 auf 3,95 Prozent. Nachmittags waren es sogar nur noch rund 3,8 Prozent. Zugleich erholten sich die Aktienmärkte, die in den vergangenen Tagen massiv unter der angekündigten Zinserhöhung gelitten hatten.

Indes gibt es massive Zweifel, was die Wirksamkeit der EZB-Schritte angeht. Die Inflation mache diesmal den Unterschied aus, sagte Christoph Rieger, Anleiheexperte der Commerzbank. Die EZB könne nicht einfach Geld über das Problem gießen, da eine straffere Geldpolitik und höhere Zinsen notwendig seien. Jamie Rush vom Finanzdienst Bloomberg betonte, die EZB verliere die Kontrolle über das Zinsnarrativ, da sie eine neue Schuldenkrise provoziere, noch bevor der Zyklus der Zinserhöhungen begonnen habe.

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