Warum das Bier teurer wird

„Die Brauer stehen mit dem Rücken zur Wand“

Eine junge Frau schenkt an einem Stand Bier aus.

Eine junge Frau schenkt an einem Stand Bier aus.

Berlin. Holger Eichele (49) ist seit 2013 Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds. Der frühere Politikjournalist war zuvor Pressesprecher im Bundesagrarministerium.

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Herr Eichele, die deutschen Brauer verzeichnen dieses Jahr beim Bierabsatz in Deutschland und in der EU wieder steigende Zahlen. Auf der anderen Seite explodieren derzeit die Kosten für Energie und Lieferantenleistungen. Wo steht die Branche im Moment?

Die Absatzzahlen bedeuten nicht mehr, als dass die Brauereien gegenüber dem katastrophalen Lockdownjahr 2021 ein kleines Stück Boden gutgemacht haben. Wir liegen jedoch weit zurück gegenüber den Absatzzahlen von Vor-Corona-Zeiten, und der Biermarkt wird dieses Niveau auch nicht mehr erreichen. Die Brauereien stehen mit dem Rücken zur Wand. Engpässe bei den benötigten Rohstoffen und Kostensteigerungen bei Logistik, Etiketten, Kronenkorken, Glasflaschen und vor allem Energie machen den Brauern schwer zu schaffen. Was derzeit passiert, sprengt alle uns bekannten Dimensionen. Wir sind gefangen in einem Kosten-Tsunami.

Können Sie ein paar Hausnummern nennen?

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Holger Eichele ist seit 2013 Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds.

Holger Eichele ist seit 2013 Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds.

Das geht quer durch das ganze Sortiment. Kronenkorken sind bis zu 70 Prozent teurer geworden, Glasflaschen und Braumalz um 80 Prozent. Auf diesem Niveau bewegen sich auch Verpackungsmaterialien, Folien, Dosen – alles hat sich enorm verteuert. Einige Rohstoffe und Materialien sind gar nicht mehr lieferbar. Das betrifft die gesamte Lebensmittelindustrie, die wie wir mit erheblichen Lieferverzögerungen und Ausfällen zu kämpfen hat. Und es ist erst August. Wir befürchten, dass sich mit dem zu erwartenden Anstieg der Corona-Fallzahlen im Herbst die ganze Situation, was die Stabilität der Lieferketten betrifft, nochmals erheblich verschärfen wird.

Die Brauer werden jedoch kaum wie Kaninchen vor der Schlange sitzen, oder?

Wir bereiten uns auf alle denkbaren Szenarien vor. Der schlechteste Fall wäre ein Blackout der Gasversorgung. Der Großteil unserer Betriebe ist auf Gas angewiesen. Und auf funktionierende Lieferketten, die ohne Gas ebenfalls ausfallen würden.

Welche Wege schlagen die Brauer dabei ein?

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Die Betriebe prüfen, ob zumindest für den Notfall eine zeitweise Umstellung auf Öl als primärer Energieträger möglich ist. Es besteht auch die Möglichkeit, das Sortiment zu verkleinern. Für größere Betriebe könnte auch das zeitweise Ausweichen auf andere Braustandorte eine Option sein. Einige Stellschrauben gibt es noch. Es sind aber nicht mehr viele.

4,3 Milliarden Liter Bier

Die deutschen Brauereien und Bierlager haben in den ersten sechs Monaten des Jahres rund 4,3 Milliarden Liter Bier abgesetzt. Das waren trotz Omikron-Sperren 3,8 Prozent mehr als in der ersten Hälfte des Vorjahres, aber auch immer noch 5,5 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2019. In den ersten sechs Monaten wurden nun im Inland 3,6 Milliarden Liter Bier und damit sogar 6,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum verkauft. Die Exporte in die EU (plus 6,6 Prozent) legten ebenfalls zu, während die Ausfuhren in die Staaten außerhalb der Gemeinschaft (minus 19,1 Prozent) stark zurückgingen.

Was ist mit Energiesparen?

Beim Energiesparen ist die Branche seit Langem Vorbild für andere. Die Brauereien haben hierbei ihre Potenziale – allein aus Kostengründen – bereits voll ausgeschöpft. In einigen Betrieben laufen Anlagen mithilfe von Biogas oder Sonnenenergie. Da brauchen wir keine Nachhilfe. Jetzt geht’s ans Eingemachte.

Sind kleine Brauereien flexibler als die großen Marken?

Kleine Brauereien sind vielleicht insofern flexibler, da sie teilweise Energieträger nutzen können, die für große Brauereien nicht infrage kommen. Zum Beispiel Hackschnitzel zur Wärmeerzeugung. Auch können in Kleinbrauereien Prozesse rein elektrisch stattfinden, für die ein größerer Betrieb fossile Energie benötigt. Andererseits haben große Betriebe ihrerseits strukturelle Vorteile, die sie nutzen können, zum Beispiel beim Einkauf.

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Wie lange ist diese Situation durchzuhalten, ohne dass es zu einem großen Brauereisterben kommt?

Darüber kann ich nicht sprechen, ohne an die Menschen zu denken, die den eigentlichen Preis für diesen wahnsinnigen Krieg zahlen müssen: die Kinder, Frauen und Männer in der Ukraine. Das sollte jeder sehen, wenn über Schäden für die deutsche Wirtschaft diskutiert wird. Tatsache ist: Wir befinden uns in einem Wirtschaftskrieg – und als Teil der Wirtschaft sind deutsche Brauereien stark betroffen von Preissteigerungen und wachsender Konsumzurückhaltung infolge dieses Krieges.

Wird es für manche Brauer existenzbedrohend?

Ich habe Sorge, dass angesichts der Kostenentwicklung viele Betriebe in die Knie gehen werden. Wir stehen schließlich erst am Anfang dieser Entwicklung. Die eigentlichen Kostensteigerungen kommen erst im Herbst mit der Erhöhung der Gaspreise und im nächsten Jahr, wenn langfristige Lieferverträge auslaufen und neue Preise festgesetzt werden. Viele Effekte sind also mit einem Zeitzünder versehen – sie machen sich für Lebensmittelunternehmen erst 2023 bemerkbar.

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Es ist davon auszugehen, dass Bier künftig teurer wird?

Die Kostensteigerungen sind so dramatisch, dass sie irgendwann zumindest teilweise auf den Preis umgelegt werden müssen. Aber das entscheidet jedes Unternehmen, jede Marke für sich. Die Verbraucher wissen, dass für alle Lebensmittelproduzenten der Kostendruck enorm ist. Jetzt müssen die marktbeherrschenden Handelskonzerne Verantwortung übernehmen und die Bereitschaft zeigen, höhere Preise an die Kunden weiterzugeben. Das wäre ein wichtiges Signal für unsere Branche, um in dieser Krise das Überleben der Brauereien zu sichern.

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