Pläne gegen den Abstieg

China bleibt Volkswagens zweite Heimat

VW-Markenchef Ralf Brandstätter versichert bei allen Veränderungen: Jobabbau jenseits der Altersteilzeitregelungen ist nicht geplant.

Ralf Brandstätter will mit „China Speed“ vorankommen.

China ist für den VW-Konzern innerhalb weniger Jahre vom Erfolgsgaranten zum Problemfall geworden. Die Marktanteile bröckeln, bei E-Autos ist VW gegenüber jungen lokalen Konkurrenten in Rückstand geraten. Ralf Brandstätter, seit vergangenem August für den größten Markt des Konzerns verantwortlich, will das ändern: „Da werden die Karten neu gemischt“, sagt Brandstätter. „Wir haben den Anspruch, führend zu sein.“

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Daran ändern auch die aktuellen Diskussionen über das Verhältnis zu China nichts. Zwar dürften weder Politik noch Wirtschaft blauäugig im Umgang mit China sein und müssten Risiken genau prüfen, sagt der Manager. Aber er fordert konkrete Analysen und keine pauschalen Ressentiments: „Entkopplung kann nicht die Antwort auf Probleme des 21. Jahrhunderts sein.“ Der Konzern betreibt das Geschäft seit Jahrzehnten mit den beiden lokalen Partnern Saic und FAW in Gemeinschaftsunternehmen.

Besuch in Xinjiang geplant

Unter anderem ist VW wegen eines Montagewerks unter Druck, das mit Saic in Xinjiang betrieben wird. Menschenrechtler werfen China die Unterdrückung der uigurischen Minderheit in der Region vor. Brandstätter will sich dort im Februar ein eigenes Bild machen, nachdem Corona bisher einen Besuch verhindert habe. Im Werk und bei Lieferanten gebe es keine Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen oder Zwangsarbeit, sagt er.

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Die Bundesregierung arbeitet zurzeit an einer Strategie, die Abhängigkeiten von China reduzieren soll. Brandstätter warnt ausdrücklich davor, aus politischen Gründen die wirtschaftliche Position in China zu schwächen. Denn trotz einer zuletzt schwachen Konjunktur traut er dem Markt weiter starkes Wachstum zu.

Im Jahr 2030 könnten die Hersteller dort insgesamt 30 Millionen Autos verkaufen, schätzt der 55-Jährige – im vergangenen Jahr waren es 21 Millionen. Damit wären die Stückzahlen schon bald so groß wie in Europa und den USA zusammengenommen. China bleibe also „ein entscheidender Markt“. Im vergangenen Jahr hat der Konzern dort 3,2 Millionen Autos verkauft, knapp 40 Prozent seiner Gesamtproduktion.

Ich nenne das China-Speed. Das ist wie ein riesiges Fitnesscenter für die Autoindustrie.

Ralf Brandstätter,

VW-Vorstand für das China-Geschäft

VW ist damit zwar weiterhin Marktführer, tut sich mit E-Autos aber deutlich schwerer als mit Verbrennern. Vor allem bei den digitalen Funktionen und der Vernetzung liegen heimische Konkurrenten wie BYD vorn. „Unsere chinesischen Konkurrenten entwickeln deutlich schneller“, sagt Brandstätter. „Ich nenne das China-Speed.“ Das Land sei „wie ein riesiges Fitnesscenter für die Autoindustrie“. VW werde sich anpassen müssen.

Dazu gehört eine Kooperation mit der chinesischen Horizon Robotics beim automatisierten Fahren, denn wer hier nicht mithalte, werde im Markt bald keine Rolle mehr spielen. Zusätzliche kleinere E-Modelle sollen ins Programm kommen. Ein eigenes Entwicklungszentrum wird in Anhui gerade aufgebaut. „Wir werden noch stärker in China und für China arbeiten“, sagt Brandstätter.

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China hat ein jüngeres Publikum mit anderen Wünschen

Es gehe nicht nur um das höhere Tempo in Asien. Die Autos müssten auf andere Bedürfnisse zugeschnitten werden, die Kunden in China seien deutlich jünger und digitalaffiner als in Europa. Auch der Staat achtet darauf, dass zum Beispiel beim autonomen Fahren heimische Technologie eingesetzt wird. Brandstätter sagt deshalb die Entstehung „unterschiedlicher Technologiesphären“ in der Welt voraus.

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Konzernorganisation. Der gebürtige Braunschweiger, der mehr oder weniger als Sanierer nach Peking geschickt wurde, setzt auf mehr Beweglichkeit, Tempo und Eigenständigkeit. „Man kann nicht mehr einfach ein europäisches Auto nehmen und es lokalisieren.“

Peking auf dem Weg zum zweiten Hauptquartier

Ein eigenes Führungsgremium hat Brandstätter in Peking bereits installiert, und das dürfte nicht der letzte Schritt sein: „Wahrscheinlich wird sich eine Art zweites Hauptquartier in China entwickeln.“ Auch die VW-Dependance in den USA habe bereits deutlich mehr Entscheidungsfreiheit bekommen.

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Der Manager begründet das mit Geschwindigkeit und Flexibilität, aber auch politisches Kalkül dürfte eine Rolle spielen. In klarer getrennten Strukturen ließe sich leichter arbeiten, falls sich das Verhältnis Chinas zum Westen drastisch verschlechtern sollte – zum Beispiel durch einen militärischen Konflikt um Taiwan.

Akut ist allerdings nach wie vor Corona die größte Herausforderung in China. Gerade läuft eine weitere Krankheitswelle durch das Land, und mit den bevorstehenden Reisen zum chinesischen Neujahrsfest dürfte sie sich noch einmal ausweiten. So ist Brandstätter mit Geschäftsprognosen für das erste Quartal vorsichtig.

Danach aber rechnet er mit einer deutlichen Belebung. Schon in den vergangenen Wochen habe sich gezeigt, dass die Menschen nach der überraschenden Lockerung der Covid-Maßnahmen viel nachzuholen hätten.

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