Pläne von Finanzminister Lindner

„Hohe Preise haben ihren Sinn“: Expertin erklärt, warum ein „Tankrabatt“ jetzt nicht zielführend wäre

Die Energiepreise sind so hoch wie nie. Auch das Tanken kostet mehr (Symbolfoto).

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sind die Rohölpreise explodiert. In der Folge sind die Energiekosten massiv gestiegen. Verbraucher und Verbraucherinnen müssen mit deutlich höheren Strom- und Gasrechnungen kalkulieren. Auch der Benzinpreis verharrt weiterhin auf Rekordniveau – obwohl Rohöl inzwischen wieder so viel kostet wie vor dem Krieg.

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Für die Wirtschafts­professorin Karen Pittel kann das mehrere Gründe haben. Sie ist Leiterin des Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen am Leibniz-Institut für Wirtschafts­forschung (Ifo) an der Universität München. Im Interview mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) erklärt sie, welche Zukunftschancen die hohen Preise bieten, was die Politik tun sollte und was sie von Christian Lindners „Tankrabatt“ hält.

Frau Pittel, Anfang des Monats kam es zu einem massiven Anstieg der Rohölpreise und damit auch der Spritpreise. Mittlerweile ist der Rohölpreis aber wieder auf Vorkriegsniveau gesunken. An den Zapfsäulen ist das bisher nicht zu spüren. Das Tanken ist weiterhin teuer wie nie. Wie kommt das?

Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Eine ist, dass es tatsächlich Preisabsprachen zwischen Mineralöl­konzernen gibt. Ob das wirklich dahintersteckt, ist schwer zu sagen, da es sich dabei um Absprachen hinter den Kulissen handelt. Deswegen ja auch die Forderung, dass jetzt das Kartellamt untersuchen soll. Eine andere, weniger „kriminalistische“ Erklärung ist, dass sich Benzinpreise nach Angebot und Nachfrage richten. Wenn die Preise steigen, sinkt normalerweise die Nachfrage, weil es den Leuten zu teuer wird. Wenn das aber nicht passiert, wenn die Nachfrage gleich bleibt oder in der Erwartung weiterer Preiserhöhungen sogar zunimmt, dann kann es sein, dass die Preise auf hohem Niveau bleiben. Das wird nicht ewig dauern, kann aber ein Grund für die Verzögerung sein.

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Karen Pittel

Karen Pittel

Gibt es weitere Erklärungen?

Zum Beispiel, dass Unternehmen über längere Zeit zu hohen Preisen ihre Lagerbestände eingekauft haben. Dann kann der Rohölpreis runtergehen und trotzdem würden sie Verlust machen, wenn sie gleich mit ihren Preisen nachziehen. Das glaube ich allerdings eher nicht, weil der Preis nur kurz auf sehr hohem Niveau war und dann wieder runterging. Dass die Unternehmen ihre Bestände zu diesen hohen Preisen gefüllt haben, ist unwahrscheinlich.

Welche dieser Erklärungen halten Sie dann für am wahrscheinlichsten?

Meine Intuition wäre, dass die Menschen weiterhin viel kaufen, weil sie einen weiteren Preisanstieg befürchten, und der Preis deswegen auf hohem Niveau verharrt.

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Wirtschafts­minister Robert Habeck hat das Bundes­kartellamt gebeten zu untersuchen, ob illegale Preisabsprachen stattgefunden haben. Schon 2012 waren die Mineralöl­konzerne im Fokus des Kartellamts. Damals konnten keine Absprachen festgestellt werden. Trotzdem kommt der Verdacht immer wieder auf. Wie wären solche Absprachen theoretisch möglich?

Preisabsprachen sind dann theoretisch möglich, wenn es relativ wenige Anbieter auf dem Markt gibt, die sich gut koordinieren können und die Unternehmen zu diesen Preisen mehr verdienen können, ohne dass die Nachfrage zu stark einbrechen würde. Das hängt also von der Reaktion der Kunden ab. Solche Absprachen können dann im Hintergrund stattfinden, ohne dass es nachvollziehbar ist. Per E-Mail passiert das nicht. Vorstellbar sind Szenarien, in denen ein Unternehmen wartet, ob das andere die Preise runtersetzt, und wenn keiner reagiert, bleiben alle auf dem hohen Niveau.

Hohe Preise sind auch immer ein Signal, sparsam mit Energieträgern umzugehen.

Karen Pittel

Politisch wird momentan diskutiert, wie sich die Preise wieder senken lassen. Finanzminister Christian Lindner hat einen „Tankrabatt“ ins Spiel gebracht. Halten Sie das für sinnvoll?

Nein, weder den „Tankrabatt“ noch die Senkung der Mehrwertsteuer. Wenn der hohe Preis an Absprachen liegt, sollte man das aufdecken. Wenn es aber an Angebot und Nachfrage liegt, ist es nicht Aufgabe des Staates, die Folgen davon abzumildern. Hohe Preise sind auch immer ein Signal, sparsam mit Energieträgern umzugehen. Und es ist auch ein wichtiges Signal, um in alternative Energieträger zu investieren. Hohe Preise haben also ihren Sinn. Zum Zweiten besteht beim „Tankrabatt“ oder der Steuersenkung die Gefahr, dass Mitnahmeeffekte entstehen. Also dass die Unternehmen die Nachlässe nicht vollständig an die Kunden weitergeben – und dass wir bei pauschalen Rabatten alle besserstellen, also auch Menschen, die dieser Preis nicht überfordert.

Welche Maßnahme wäre stattdessen sinnvoll?

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Ich sehe die Funktion des Staates eher in der Risikoabsicherung. Er soll seine Bürger vor Schaden schützen. Schaden kann aktuell entstehen, wenn Menschen ihre Wohnung nicht mehr heizen, die Stromrechnung nicht mehr zahlen oder nicht mehr zur Arbeit fahren können. Das betrifft nur einen Teil der Bevölkerung, insbesondere einkommens­schwache Haushalte. Das Geld sollte man also nutzen, um diese Menschen zu entlasten, und auch, um Investitionen zu tätigen, die wir jetzt brauchen.

Das heißt, der Staat sollte schon aktiv werden?

Unbedingt. Es wird geschätzt, dass für ein Einfamilienhaus die Gasrechnung in diesem Jahr um 2000 Euro steigen kann. Das sind Dimensionen, die sich einige Haushalte nicht leisten können, selbst wenn man nur eine Wohnung hat und die Mehrkosten sich „nur“ auf 1000 Euro belaufen. Da ist es schon Aufgabe des Staates, unterstützend tätig zu werden. Gleichzeitig sollte aber auch der Anreiz erhalten bleiben, sparsam mit Energie umzugehen.

Orientiert am Nettoeinkommen geben Menschen weniger Geld für Sprit aus als noch vor zehn Jahren. Die Belastung für die Verbraucher und Verbraucherinnen ist also eher gesunken. Ist die Sorge um zu hohe Preise also übertrieben?

Das stimmt, es ist ein typisches Phänomen, dass man sich an niedrige Preise gewöhnt. Das merken wir auch in anderen Bereichen, wie bei Elektronik oder Lebensmitteln. Aber wir passen unsere Ausgabenstruktur auch an. Steigende Preise können daher trotzdem unser Budget sprengen.

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