Wunderkind Kamila Walijewa: Russland setzt nur auf den Sieg

Ist ihre Karriere schon wieder am Ende? Kamila Walijewa galt als der neue Star am Eiskunstlauf-Himmel.

Ist ihre Karriere schon wieder am Ende? Kamila Walijewa galt als der neue Star am Eiskunstlauf-Himmel.

Sie will einmal Psychologin werden. Das sagte Kamila Walijewa im vergangenen Jahr am Rande eines Eiskunstlauf-Wettbewerbs der Internationalen Eislaufunion in Moskau.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Viel spricht dafür, dass die 15-Jährige nun erst einmal selbst eine Psychologin oder einen Psychologen braucht. Denn die Entdeckung eines unerlaubten Herzmittels in ihrem Körper sorgte bei den Olympischen Winterspielen in Peking für einen Rieseneklat.

Der Fall ist heikel: Russland wird wegen des Staatsdopingskandals von 2015 bei Olympia immer noch sanktioniert. Die Sportlerinnen und Sportler des Landes dürfen nicht unter der russischen Flagge und Hymne antreten, sondern nur unter dem Banner des Russischen Olympischen Komitees (ROC). Bei Siegerehrungen wird statt der Nationalhymne ein Fragment von Pjotr Tschaikowskis weltbekanntem Klavierkonzert Nr. 1 gespielt. Allerdings sollten diese Einschränkungen nach Peking fallen, wie der Internationale Sportgerichtshof (CAS) entschieden hatte. Der Fall Walijewa wirft nun erneut Fragen zum russischen Sport und dessen Verhältnis zum Doping auf.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Erste Frau der Welt mit zwei Vierfachsprüngen bei Olympia

Die Russin gilt als die aktuell weltbeste Eiskunstläuferin. Sie ist die amtierende Europameisterin und hält drei Weltrekorde bei den Erwachsenen. Ihre zwei Juniorenweltrekorde von 2020 wurden inzwischen von der 14-jährigen Sofia Akatewa gebrochen, natürlich auch eine Russin.

Gleich am dritten Tag der Spiele schaffte es Walijewa im Teamwettbewerb, als erste Frau der Welt zwei Vierfachsprünge auf olympisches Eis zu zaubern. Sie stand sowohl einen Toe-Loop als auch einen Salchow mit vier Umdrehungen.

An Ästhetik kaum zu überbieten: Walijewa setzt neue Maßstäbe im Eiskunstlauf der Frauen.

An Ästhetik kaum zu überbieten: Walijewa setzt neue Maßstäbe im Eiskunstlauf der Frauen.

Russland gewann Gold. Doch damit begannen die Probleme. Denn das Ergebnis steht inzwischen unter Vorbehalt, und zwar ausgerechnet wegen Walijewa: Einen Tag nach dem Triumph im Teamwettbewerb wurde bekannt, dass sie am am 25. Dezember positiv auf das verbotene Herzmedikament Trimetazidin getestet worden war, das die Ausdauer und den Blutfluss steigern kann. Das Resultat des Dopinglabors in Stockholm lag jedoch erst jetzt nach gut sechs Wochen vor, als die Olympischen Spiele schon vier Tage alt waren. Nicht nur für die Minderjährige selbst, sondern auch für das IOC ist die Angelegenheit daher konfliktträchtig.

Vorwurf des Kinderdopings

Denn natürlich stellten andere Teilnehmernationen sofort die Frage, ob Russland sich noch immer systematisch einen illegalen Wettbewerbsvorteil verschafft, und das IOC viel zu lax mit Sportlern umgeht, die immer wieder dabei erwischt werden, die Regeln zu brechen: „Ich bin so wütend. Der Damenwettbewerb ist ein kompletter Witz“, twitterte der ehemalige Team-USA-Eiskunstläufer Adam Rippon. „So viele olympische Erfahrungen wurden sauberen Athleten gestohlen, die es ohne die Hilfe von leistungssteigernden Drogen hierhergeschafft haben. Was für eine Schande.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Vorsitzende der IOC-Disziplinarkommission, Denis Oswald, beeilte sich, das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Bezug auf Walijewas Fall zu verteidigen. Der stehe in „keinem Zusammenhang“ zum „institutionalisierten Staatsdoping“ in Russland: „Diese Situation hier scheint anders zu sein“, sagte er.

Doch selbst wenn dem so sein sollte, steht nun ein noch monströserer Vorwurf im Raum: der des Kinderdopings, wie auch Oswald einräumte. „Es ist nicht vorstellbar, dass ein 15-jähriges Mädchen so etwas alleine tut“, sagte er.

Seelische Kälte der Trainerin

Vor allem wird aber den russischen Funktionären vorgeworfen, die geistige Gesundheit der Athletin aufs Spiel gesetzt zu haben. Denn die durfte trotz der positiven Probe im Einzelwettbewerb der Frauen starten, das hatte der Sportgerichtshof CAS am Montag entschieden. Die Anti-Doping-Regeln seien für vorläufige Suspendierungen bei minderjährigen Athletinnen und Athleten nicht ausreichend, hieß es unter anderem zur Begründung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Druck auf die 15-Jährige, vor den Augen der ganzen Welt als mögliche Dopingsünderin antreten zu müssen, war allerdings natürlich trotzdem immens. Doch im Kurzprogramm am Tag nach der CAS-Entscheidung trug das Wunderkind diese Last noch ziemlich selbstsicher auf seinen schmalen Schultern. Nur einen kleinen Patzer beim dreifachen Axel leistete sich Walijewa und führte das Klassement nach dem ersten Wettkampftag souverän an. Als am Donnerstag die Kür anstand, hatte sich der tagelange Wirbel um die Dopingvorwürfe gegen sie dann doch in ihre Psyche gefressen: Sie stürzte zweimal und wackelte mehrmals. Am Schluss reichte es nur noch für die Holzmedaille auf Rang vier.

Kein Verständnis: Trainerin Eteri Tutberidse ließ an ihrer Athletin kein gutes Haar.

Kein Verständnis: Trainerin Eteri Tutberidse ließ an ihrer Athletin kein gutes Haar.

Auf Verständnis, in dieser Extremsituation die Nerven verloren zu haben, durfte der Teenager allerdings nicht hoffen: „Warum hast du alles so aus den Händen gegeben?“, herrschte sie ihre Trainerin Eteri Tutberidse, 47, nach der Kür an. „Warum hast du aufgehört zu kämpfen? Erklär mir das! Irgendwann nach dem Axel hast du alles losgelassen“, kritisierte sie ihre Schutzbefohlene, wie im Fernsehen gut zu hören war. Die seelische Kälte der ehemaligen Eistänzerin und heutigen Trainerin Tutberidse wirft ein Schlaglicht auf den Leistungsdruck, der im Eiskunstlauf besonders in Russland herrscht. Und dem eine Jugendliche wie Kamila Walijewa seit ihrem Kleinkindalter ausgesetzt ist.

Fragwürdige Trainingsmethoden

In ihrer Heimatstadt Kasan kam die ethnische Tatarin schon im Alter von dreieinhalb Jahren zum Eislauf. Mit sechs zog sie mit ihrer Mutter aus Tatarstan nach Moskau, mit zwölf wechselte sie dort zu der im Augenblick erfolgreichsten Talentschmiede des Landes: dem Sportklub Sambo 70. Seitdem wird sie von Tutberidse gedrillt, die derzeit als eine der weltweit besten Eiskunstlauf-Trainerinnen gilt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Denn sie brachte bereits 2014 und 2018 junge Läuferinnen mit großem Erfolg zu Olympia. Vor vier Jahren gewann Alina Sagitowa in Pyeongchang Gold im Einzel. Und vor acht Jahren holte sich Julija Lipnizkaja in Sotschi Gold im Teamwettbewerb. Beide waren jeweils 15 Jahre alt, so wie heute Walijewa.

Tutberidses Trainingsmethoden gelten als fragwürdig. Ihre Läuferinnen üben früh die schwierigsten Elemente des Eiskunstlaufs – die Drei- und Vierfachsprünge, für die es entweder der vielen Muskelkraft oder aber eines Fliegengewichtes bedarf. Die Moskauerin baut bei ihren Talenten auf Letzteres – ihre Zöglinge sind zart und klein: Anna Schtscherbakowa (17), die Walijewa in Peking die Goldmedaille wegschnappte, wird ebenfalls von Tutberidse trainiert und misst gerade einmal 1,57 Meter. Walijewa ist mit 1,60 Metern kaum größer.

Wenn die Mädchen zu Frauen heranreifen und ihre Körper ausgewachsen sind, geht Tutberidses Konzept allerdings nicht mehr auf. Denn Eiskunstlauf sei ein Kinderleistungssport, stellte die Sportpsychologin Cristina Baldasarre in der ARD klar: „Weil Kinder, wenn sie noch nicht in die Pubertät gekommen sind, von den physischen Voraussetzungen her viel mehr Drehungen hinbekommen. Diese Vierfachdrehungen gehen nur vor der Pubertät, danach ist der Körper einer Frau so ausgebaut, dass das nicht mehr möglich ist.“

Aussortiert, weil angeblich zu alt

Viele von Tutberidses Athletinnen beenden daher frühzeitig ihre Karrieren: Julija Lipnizkaja etwa, die in Sotschi mit ihrer Mannschaft noch ganz oben auf dem Treppchen stand, erkrankte drei Jahre später an Magersucht und gab noch im selben Jahr ihren Rücktritt vom aktiven Sport bekannt. Die finnische Eiskunstläuferin Kiira Korpi, die nach dem Ende ihrer Karriere Sportpsychologin wurde, spricht von einer „Kinderfabrik“, die Tutberidse betreibe: „Sogar jene, die es schaffen, den Ansprüchen gerecht zu werden“, erklärt sie „bleiben nur wenige Jahre dabei und werden dann aussortiert – weil sie angeblich zu alt sind, weiterzumachen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Solange sie noch wettbewerbsfähig sind, müssen die Kinderathletinnen im russischen Eiskunstlauf allerdings immer so funktionieren, als seien sie Erwachsene. Tutberidses gefühlskalte Reaktion auf Walijewas Kürfiasko brachte das deutlich zum Ausdruck. Die zweifache Olympiasiegerin Katarina Witt (56) empörte sich deswegen aufs Äußerste: „Ich hätte sie auf jeden Fall in den Flieger gesteckt und nicht durchs Fegefeuer geschickt“, sagte die Schauspielerin und Moderatorin im Fernsehen. Man habe Walijewa „der Welt zum Fraß vorgeworfen“, schimpfte sie und brach im TV-Studio vor Mitleid in Tränen aus: „Ob wir die jemals wiedersehen, dieses Talent? (…) Es ist so verantwortungslos, was hier gemacht wurde.“

Als ich gesehen habe, wie sie von ihrer Entourage empfangen wurde, mit etwas, was mir wie eine enorme Kälte vorkam – da lief es mir kalt den Rücken hinunter.

Thomas Bach, IOC-Präsident

An der Verhaltensweise Tutberidses nahm auch IOC-Präsident Thomas Bach Anstoß, der alle Neutralität über Bord warf, auf die er sonst auf so vielen Ebenen, wie etwa dem Umgang mit Diktaturen oder bei der Nichteinhaltung von Menschenrechten verweist. Er schlug sich voll auf die Seite der 15-Jährigen und nutzte die eine Pressekonferenz, die er in Peking gab, um scharfe Kritik an Walijewas Umfeld zu üben: „Als ich gesehen habe, wie sie von ihrer Entourage empfangen wurde, mit etwas, was mir wie eine enorme Kälte vorkam – da lief es mir kalt den Rücken hinunter“, sagte der Mannschafts-Olympiasieger im Florettfechten von 1976. Die Szenen, als das Mädchen von seiner Trainerin „nicht mal getröstet oder umarmt“ wurde, seien „verstörend“ gewesen.

Stehen Härte und Disziplin für sportlichen Erfolg oder Kindesmissbrauch?

Damit handelte sich Bach, der über einen guten Draht zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin verfügt, ausnahmsweise den Widerspruch der russischen Staatsführung ein: „Thomas Bach ist die höchste Autorität im Sport und leitet das IOC. Deshalb nehmen wir seine Meinung mit Achtung auf. Aber wir stimmen nicht unbedingt mit ihm überein“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Denn jeder wisse, dass diese Härte im Spitzensport der Schlüssel zum Erfolg sei. „Wir sehen, dass unsere Athletinnen und Athleten Siege erringen. Seien wir also stolz auf sie, gratulieren wir unseren Medaillengewinnern.“

Nach dem Walijewa-Skandal bezweifelt das IOC allerdings, ob Härte und Disziplin allein für sportlichen Erfolg stehen, oder im Fall von Minderjährigen nicht eher für Kindesmissbrauch. Das IOC drängt die Weltverbände daher jetzt zur Prüfung eines generellen Mindestalters im Spitzensport. „Diese Fragen müssen angegangen werden“, sagte Bach.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Gleichzeitig kündigte er eine Prüfung des IOC an, die klären soll, ob Walijewa als Kindesmissbrauchs-Opfer anzusehen sei.

Frommer Wunsch nach Hilfe der Behörden

Dazu müsse die ganze Wahrheit auf den Tisch kommen. Sollten sich Verantwortliche als schuldig erweisen, erwarte er, dass sie mit den härtesten Strafen belegt würden. „Ich hoffe, wir bekommen Gerechtigkeit“, sagte Bach. Ob es so kommen wird, darf bezweifelt werden. Denn bei dem Begriff „Kindesmissbrauch“ gibt es eine rechtliche Definition, die alle strafbaren Handlungen mit einbezieht, und eine sozialwissenschaftliche Definition, die auch Taten umfasst, die nicht strafbar sind. Zu welcher Kategorie der Fall Walijewa zählt, könnte noch erheblichen Streit auslösen. Das Ausnahmetalent wurde sicherlich für die Zwecke der Trainerin und des russischen Teams missbraucht, aber war das auch strafbar?

Dass die Frage schwierig zu beantworten sein könnte, scheint auch Bach zu dämmern. So wies er vorsorglich darauf hin, dass das IOC nicht die Polizei sei und daher keinen formellen Prozess in die Wege leiten könne. Die möglichen IOC-Sanktionen seien zudem „extrem begrenzt“: „Am Ende des Tages geht es darum, dass wir die Unterstützung der Behörden bekommen“, sagte der 68-Jährige.

In Bezug auf die russischen Instanzen wird das wohl ein frommer Wunsch bleiben. Denn Russland, das über einen großen Einfluss in der Internationalen Eislauf-Union (ISO) verfügt, hat weder Interesse an einer Aufklärung von Kindesmissbrauchsvorwürfen im eigenen Lager noch an einer Anhebung des Mindestalters bei Olympia.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Swetlana Schurowa, frühere Eisschnellläuferin und heutige Duma-Abgeordnete der Kreml-nahen Partei „Einiges Russland“ brachte sich sofort entsprechend in Stellung: „Jetzt wird es noch mehr Befürworter einer Anhebung des Mindestalters geben“, sagte sie dem russischen Nachrichtenportal „RB Sport“. Wichtig aber ist, dass kein Mindestalter bei unter 18-Jährigen eingeführt wird. Denn daran ist nichts Falsches.“

Warum sollte die russische Staatsmacht auch ein Modell ändern, das fortlaufend Eiskunstläuferinnen produziert, die bei Olympia fast alle der prestigeträchtigen Medaillen einsammeln? Sollte Kamila Walijewa tatsächlich an den Vorkommnissen in Peking zerbrechen und nicht wiederkommen, wie es Kati Witt befürchtet, wird sie rasch ersetzt werden können. Es gilt die Devise: Hauptsache Sieg, egal was es kostet.

Mehr aus Sport regional

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken