Terrorismus bei Olympia

Attentat 1972: Charlotte Knobloch hatte Angst um ihre Tochter

Besuchte 1972 die Olympischen Spiele: Charlotte Knobloch.

Besuchte 1972 die Olympischen Spiele: Charlotte Knobloch.

Frau Knobloch, in München sollten 1972 die „heiteren Spiele“ stattfinden. Wie haben Sie die Atmosphäre damals in der Stadt wahrgenommen?

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Das war ein Lichtblick, das war ein Leuchtturm, ein tolles Ereignis. Es war auch ein Spiel der Farben, und das begeistert mich immer noch, wenn ich heute am Olympiastadion vorbeifahre. Es war, in den ersten Tagen, ein großes Glück für alle Beteiligten.

Und das im Land der Täter, nur 27 Jahre nach Krieg und Holocaust. Hätten Sie das für möglich gehalten?

Es war nicht so, dass im Ausland alle begeistert waren, dass die Spiele hier stattfanden. Es gab berechtigte Hinweise, dass es vielleicht noch ein bisschen zu früh ist. Hätte man mich gefragt, ich hätte dem nie zugestimmt, auch weil ich die Stimmung im Ausland sehr gut kannte. Deutschland war nicht das Land, in das man gerne eingeladen oder in das man gerne gereist wäre. Die Vorbehalte waren groß. Aber die Olympischen Spiele haben das Tor zur Welt aufgestoßen. Es war der Anfang einer neuen Normalität.

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„Für uns war Mark Spitz ein doppelter Star, weil er jüdischer Abstammung war“

Waren Sie selbst im Stadion?

Ja, und zwar sehr gerne – auch wenn es nicht leicht war, überhaupt an Karten zu kommen. Damals war Mark Spitz, der Schwimmer, der Star. Für uns war er sogar ein doppelter Star, weil er jüdischer Abstammung war. Bei seinen Auftritten war die Halle überfüllt, weil er der Liebling des Publikums war, es war ein großer Ansturm. Jeder hat sich gefreut, und die Leopoldstraße, Münchens Prachtallee, war voll von Menschen.

Diese Spiele der Freude kehrten sich dann ins Grausamste um. Wie haben Sie damals von der Geiselnahme erfahren?

Aus dem Radio. Bis heute mache ich gleich morgens früh das Radio an – und damals genauso. Da habe ich gehört, dass es diesen Überfall gab. Man hat zunächst noch nichts über die Herkunft der Täter und die Hintergründe gesagt. Aber diese erste Nachricht hat schon gereicht, um mich extrem zu beunruhigen, weil meine Tochter als Helferin an den Spielen mitgewirkt hat. Sie hatte damals gerade ihr Abitur gemacht, und damals wurden junge Damen gesucht, die sprachkundig waren, um Gäste zu empfangen und zu betreuen. Die hatten wunderschöne Kostüme, hellblau und weiß. Aber für mich war natürlich die Frage: Was passiert wo? Und vor allem: Wo um Himmels willen ist mein Kind?

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Wie haben Sie dann nach ihr gesucht?

Damals gab es ja noch keine Handys. Ich habe beim Rundfunk angerufen, aber da bin ich nicht durchgekommen. Dann habe ich wiederum aus dem Radio erfahren, wer die Geiselnehmer waren: eine palästinensische Organisation, die damals bereits für das Kidnapping von Flugzeugen und Anschläge bekannt war. Das hat mich natürlich noch mehr beunruhigt. Ich habe letztlich erst am Abend, als sie nach Hause gekommen ist, von ihr erfahren, dass sie noch am Leben ist und dass es ihr gut ging.

„Jeder wusste, dass die israelische Mannschaft überall auf der Welt in Gefahr war“

Sie haben von den Olympischen Spielen als einem Test für Deutschland gesprochen. Dachten Sie dann: Deutschland hat diesen Test nicht bestanden?

So weit habe ich in dem Moment gar nicht gedacht. Ich dachte nur, dass das offenbar wieder ein Terrorangriff der Feinde des Staates Israel war, und das war es dann leider auch.

Aber es gab ja Warnungen vor genau so einem Szenario, vor allem vom Münchner Polizeipsychologen Georg Sieber. Nur wurden diese offenbar nicht ernst genommen.

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Jeder wusste, dass die israelische Mannschaft überall auf der Welt in Gefahr war. Aber wir haben darauf vertraut, dass man in München alle Möglichkeiten für einen solchen Terrorangriff ausgeräumt hatte. Die Vorbereitungen, so lasen wir damals, dauerten ja mehr als ein halbes Jahr. Ich hätte letztlich nie geglaubt, dass wir so versagen, wie wir da versagt haben.

Wie haben Sie sich dieses Versagen erklärt?

Die Verantwortlichen aus Polizei und Politik waren am Ende nicht darauf vorbereitet, dass eben doch etwas passieren könnte. Als die Situation eingetreten war, hatten sie dann keine Ahnung, wie sie reagieren sollten. Dilettanten haben da Profis gegenübergestanden. Und der große Fehler war, das Angebot der Israelis abzulehnen, ihre Experten mit einzubeziehen. Sie hätten da sicher viel bewirken können, ihr Land hatte leider bereits viel Erfahrung mit solchen Situationen. Aber man hat dieses Angebot nicht angenommen. Ich habe das nicht verstanden. Und das Ergebnis kennen wir ja.

„Ich wäre, wenn man mich gefragt hätte, dafür gewesen, die Spiele abzubrechen“

Das Olympische Komitee hat die Spiele dann dennoch fortgesetzt. War das aus Ihrer Sicht richtig?

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Ich kann da nur von mir sprechen. Ich hätte angenommen, dass nach einem so entsetzlichen Ereignis kein Mensch mehr Lust hat, sich die Spiele weiter anzuschauen. Ich hätte auch angenommen, dass die Sportler keine Lust und keine Kraft mehr haben würden, die Spiele fortzuführen. Deshalb wäre ich, wenn man mich gefragt hätte, dafür gewesen, die Spiele abzubrechen. Man hat dann anders entschieden. Aber die Stimmung war weg. Viele haben es so empfunden, dass auf einen Tiefschlag ein weiterer folgte. Mit der Ruhe und der Fröhlichkeit war es vorbei.

50 Jahre Münchner Olympia-Attentat

Am 05. September 1972 überfielen 8 palästinensische Terroristen die israelische Olympiamannschaft. Die Aktion endete in einer Tragödie.

Sowohl die deutschen Behörden als auch das Internationale Olympische Komitee haben Gedenkaktionen lange vermieden. Erst 2016 gab es die erste Gedenkminute bei Olympischen Spielen, 2017 wurden eine Gedenkstätte eröffnet. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich glaube, das ist leider eine menschliche Eigenschaft, dass man sich an das Schlechte, das man verursacht hat, öffentlich nicht erinnern will. Vorwürfe haben da wenig Sinn. Der Landrat Thomas Karmasin aus Fürstenfeldbruck ist wirklich der einzige, der konsequent jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung abhält, egal, wie viele Menschen kommen – wobei es in den vergangenen Jahren immer mehr geworden sind. Das ist eine Leistung, die man nicht vergessen sollte. Man sollte nicht verärgert sein, sondern auf das Gute schauen, das sich entwickelt hat. Dazu zählt auch die Aktion „Zwölf Monate – Zwölf Namen“ unter anderem der Stadt München, die jeden Monat ein anderes Opfer in den Mittelpunkt stellt und öffentlich an diese Person erinnert.

Wie sollte das Gedenken an die Spiele künftig aussehen?

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Die Erinnerung an 1972 sollte jedenfalls nicht nur aus Dackel Waldi und Mark Spitz bestehen. Es darf und soll an den fröhlichen Teil erinnert werden – und eben auch an das, was danach passiert ist. Dass solche schönen, friedlichen Spiele missbraucht worden sind für ein solches Verbrechen, das darf niemals in Vergessenheit geraten.

Eine Angestellte rettete sie vor den Nazis

Seit 1985 ist Charlotte Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Geboren wurde sie 1932, ebenfalls in München. Den Holocaust überlebte sie, weil eine ehemalige Hausangestellte ihres Onkels, Kreszentia Hummel, sie vor der Deportation in das Getto Theresienstadt bewahrte, indem sie Charlotte als eigene Tochter ausgab und sie auf dem elterlichen Bauernhof unterbrachte. Nach dem Krieg, 1951, heiratete sie Samuel Knobloch, einen Überlebenden des Krakauer Gettos, und bekam zwei Kinder. Von 2006 bis 2010 amtierte sie als Präsidentin des Zen­tralrats der Juden in Deutschland.

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