Minister fordert „großen Reformschritt"

Was kommt nach dem 9-Euro-Ticket? Wissing will dauerhaft attraktiveres Angebot im Nahverkehr

Volker Wissing (FDP), Bundesminister für Verkehr und Digitales, äußert sich in einem Interview in seinem Büro im Bundesministerium für Verkehr und Digitales zur Reform des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und zu möglichen Nachfolgemodellen des 9-Euro-Tickets.

Volker Wissing (FDP), Bundesminister für Verkehr und Digitales, äußert sich in einem Interview in seinem Büro im Bundesministerium für Verkehr und Digitales zur Reform des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und zu möglichen Nachfolgemodellen des 9-Euro-Tickets.

Berlin. Bundesverkehrsminister Volker Wissing setzt nach dem Ende der 9-Euro-Tickets auf zügige Klärungen mit den Ländern für ein dauerhaft attraktives und finanzierbares Nahverkehrsangebot. Der FDP-Politiker sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wir wissen, dass wir eine Begeisterung für den ÖPNV ausgelöst haben, wie sie in Deutschland wahrscheinlich noch nie vorhanden war.“ Das seien Gründe, jetzt den nächsten Schritt schnell zu gehen. Das digitale Angebot und die bundesweite Geltung der 9-Euro-Tickets hätten etwas ausgelöst, was vorher nicht ausreichend im Blick gewesen sei: „Nämlich, was für eine Attraktivität ein einfaches Ticket für die Menschen hat.“

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Die Sonderaktion, um Fahrgäste von gestiegenen Energiekosten zu entlasten, ist am Mittwoch ausgelaufen. Die 9-Euro-Tickets ermöglichten im Juni, Juli und August jeweils für einen Monat bundesweit Fahrten in Bussen und Bahnen des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Nach Branchenangaben wurden rund 52 Millionen Tickets verkauft. Der Bund finanzierte die Aktion mit 2,5 Milliarden Euro zum Ausgleich von Einnahmeausfällen bei Verkehrsanbietern.

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„Es war von vornherein klar, dass dieses 9-Euro-Ticket, das ein extrem günstiger Tarif in einer Extremsituation war, nicht dauerhaft aufrechterhalten werden kann“, sagte Wissing. Ihm sei aber wichtig, das nicht als Experiment abzuhaken, sondern die richtigen Lehren zu ziehen. „Ich freue mich, dass ich jetzt anders als im Frühjahr nicht mehr überall Widerstand sehe, sondern eine breite Unterstützung, um einen großen Reformschritt im ÖPNV gemeinsam zu gehen.“

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Wissing will vor dem Preis zunächst Modalitäten des Tickets klären

Der Minister sagte: „Dazu brauchen wir jetzt eine Einigung, und die kann nicht damit beginnen, dass wir als erstes einen Ticketpreis nennen.“ Dieser sei Ergebnis der zu vereinbarenden Reformschritte. Die Frage sei also zunächst, wie ein solches Ticket aussehen solle: „Wie soll die Geltung sein, wie kann es erworben werden? Soll es ein Monatsticket oder ein Ticket sein, das man im Jahresabo kauft? Soll es nur ein Tarif sein oder mehrere Tarife geben? Wie können wir die vielen Verkehrsverbünde, die eine Hürde darstellen, durch Digitalisierung für die Nutzer zumindest unsichtbar machen?“

„Wenn diese Fragen geklärt sind, dann müssen auch die Länder, deren originäre Zuständigkeit der ÖPNV ist, die Frage beantworten, in welchem Maße sie sich finanziell an einer solchen Reform beteiligen können“, sagte Wissing. „Und dann kommt natürlich auch die Frage, wie und in welcher Höhe sich der Bund beteiligt.“ Wenn es um ein innovatives, einfaches und attraktives Angebot gehe, wisse er Finanzminister Christian Lindner (FDP) an seiner Seite.

Lindner hatte Zustimmung erkennen lassen, dass mit einem Bruchteil der für das 9-Euro-Ticket pro Jahr nötigen 14 Milliarden Euro ein bundesweites Angebot realisierbar wäre, wenn die Länder mitmachten. Wissing sagte, er habe Lindner überzeugen können, dass es sich für den Bund lohne, hier zu investieren. „Mobilität ist eben auch eine wichtige Voraussetzung für die finanzielle Stabilität unseres Staates. Wenn Menschen mobil sind, können sie zum Arbeitsplatz kommen, es wird konsumiert, Güter werden transportiert. Insofern sind wir uns einig, dass wir im Rahmen des finanziell Machbaren gemeinsam mit den Ländern diesen Reformprozess schnell abschließen wollen.“

Vom 365-Euro-Jahresticket bis zu 29 Euro pro Monat – Vorschläge gibt es viele

Wissing erläuterte: „Wir haben durch Digitalisierung und vereinfachte Tarife auch die Möglichkeit, Geld einzusparen, nämlich bei den Vertriebskosten. Im jetzigen System addieren sie sich bei den Ländern auf jährlich zwei Milliarden Euro. Ich kenne Bahnsteige, da stehen drei verschiedene Fahrkartenautomaten für den ÖPNV.“ Es gelte zu analysieren, welche Spielräume sich dort ergeben könnten.

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Im Gespräch sind schon diverse Vorschläge für Folgemodelle - etwa für ein 365-Euro-Jahresticket und Monatstickets für 29, 49 oder 69 Euro. Wissing sagte, erst ganz am Ende komme eine Rechnung heraus, die den Preis liefern werde. „Wenn man sagt, ein Ticketpreis ist gesetzt, und der Rest muss angepasst werden, dann kommt man nicht zu einer optimalen Reform.“ Er sei jederzeit gesprächsbereit mit den Ländern, betonte der FDP-Politiker. „Wann ein solches Ticket genau zu welchem Termin umgesetzt werden könnte, kann ich jetzt noch nicht sagen.“

Mit Blick auf das Vorbild der 9-Euro-Tickets sagte Wissing: „Es ist natürlich toll, dass man das Ticket überall erwerben und überall damit hinfahren kann. Das ist etwas besonders Wertvolles, was die Nutzung extrem einfach macht. Es sollte auch unbedingt ein möglichst digitales Ticket sein.“

Wissing: „Ich bin kein Freund von kostenlosem ÖPNV“

Gefordert würden außerdem gewisse Differenzierungsmöglichkeiten. „Manche sagen, wir brauchen einen günstigeren Tarif für bestimmte Bevölkerungsgruppen.“ Es könne auch sein, dass ein Ticket für ganz Deutschland einen höheren Preis hätte, als eines, das nur in einem oder in zwei Bundesländern gelten würde.

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Wissing bekräftigte: „Ich bin kein Freund von kostenlosem ÖPNV. Denn das Angebot muss auch kontinuierlich weiterentwickelt werden, und wir sollten nicht übersehen, dass die Qualität ein wichtiges Merkmal ist.“ Die habe ihren Preis. „Aber der muss eben so attraktiv sein, dass möglichst viele Nutzer zu dauerhaften Kunden werden. Billig und schlecht hilft keinem.“ Auch ein Euro am Tag könne nicht die richtige Bemessungsgrundlage sein, einen Tarif zu gestalten. „Die Frage ist ja, was kriege ich dafür? Wenn ich einen Euro pro Tag zahle und jeden Tag ein schlechtes Angebot bekomme, dann ist dies nicht attraktiv.“

RND/dpa

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