Angst vor Putins Waffen

Russlands Krieg in der Ukraine wird zum Desaster: Lässt Putin die Lage jetzt eskalieren?

Ein Mann in der Kiewer Vorstadt Boyarka geht an einem zerstörten Haus vorbei.

Washington. Einen Monat nach Beginn der Kämpfe ist die russische Offensive in der Ukraine deutlich ins Stocken geraten. Der russische Präsident Wladimir Putin steht damit vor schwierigen Entscheidungen: Er muss überlegen, wie und wo er seine teilweise stark dezimierten Verbände wieder aufstockt, ob er westliche Waffenlieferungen an die ukrainischen Verteidiger direkt angreifen will – und vor allem, zu welchem Preis er bereit wäre, seinen Angriffskrieg noch weiter auszudehnen.

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Bisher gibt es trotz des zunehmenden internationalen Drucks und massiver Wirtschaftssanktionen keine Anzeichen dafür, dass Putin einlenken könnte. Der Westen ist angesichts der offensichtlichen russischen Bedrohung so geeint, wie schon lange nicht mehr. Doch auch in Russland scheint die Bevölkerung, die sich fast nur noch über die vom Kreml kontrollierten Medien informieren kann, weiter mehrheitlich hinter der eigenen Führung zu stehen.

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Die ukrainischen Streitkräfte sind den Angreifern zwar waffentechnisch unterlegen. Sie profitieren aber von jahrelangem Training durch Nato-Staaten sowie von Waffenlieferungen und nicht zuletzt von moralischer Unterstützung aus aller Welt. Nun, da sich die Invasoren laut Berichten an einigen Fronten neu formieren müssen, geben sie sich besonders selbstbewusst.

Bislang wohl zwischen 7.000 und 15.000 russische Soldaten getötet

Die russischen Defizite sind für viele Beobachter eine große Überraschung. Nach zwei Jahrzehnten der Modernisierung und Professionalisierung erweisen sich Putins Truppen als schlecht vorbereitet und schlecht koordiniert. Die genaue Zahl der Verluste ist zwar nicht bekannt. Nach Schätzung der Nato dürften aber in nur vier Wochen zwischen 7000 und 15.000 russische Soldaten getötet worden sein – das wären etwa so viele, wie einst in zehn Jahren Krieg in Afghanistan.

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Robert Gates, der US-Verteidigungsminister und Direktor des US-Geheimdienstes CIA war, sagte kürzlich, Putin müsse „spektakulär enttäuscht“ sein. In der Ukraine „sehen wir Wehrpflichtige, die gar nicht wissen, warum sie dort sind, die nicht sehr gut ausgebildet sind sowie enorme Probleme mit Führung und Kontrolle und unglaublich schlechte Taktiken“, erklärte Gates auf einer Veranstaltung der OSS Society, die sich der Würdigung des im Zweiten Weltkrieg aktiven US-Geheimdienstes Office of Strategic Services verschrieben hat.

Ukraine gewinnt Gebiete zurück

Entwicklungen auf dem Schlachtfeld sind aus der Ferne nur schwer zu beurteilen. Aber einige westliche Experten sehen nach eigenen Angaben Zeichen für potenziell bedeutsame Verschiebungen. Mick Smeath, britischer Militärattaché in Washington, sagte am Mittwoch, ukrainische Truppen hätten laut Informationen der Geheimdienste seines Landes vermutlich zwei Städte westlich von Kiew zurückerobert.

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Mit solchen erfolgreichen Gegenangriffen werde die Ukraine die Russen daran hindern, „sich neu zu organisieren und die eigene Offensive gegen Kiew fortzusetzen“. In der Hafenstadt Berdjansk sollen inzwischen auch Schiffe der russischen Marine zerstört worden sein.

Wegen des heftigen Widerstands der Ukraine sind die russischen Truppen an vielen Orten dazu übergangen, Städte zu bombardieren. Bei der strategisch wichtigsten Operation, der Einnahme von Kiew, machen sie aber kaum Fortschritte. Nach Angaben der USA sind einige russische Einheiten dazu übergegangen, sich außerhalb der Stadt in Verteidigungsstellungen zu verschanzen, anstatt selbst weiter anzugreifen. Teilweise sollen sie zuletzt sogar zurückgedrängt worden sein.

Russland setzt darauf, dass Selenskyj aufgibt

Kurz vor Beginn des Kriegs am 24. Februar waren einige US-Experten davon ausgegangen, dass Russland Kiew sehr schnell – womöglich innerhalb von wenigen Tagen – einnehmen könnte und die ukrainischen Streitkräfte sich nach einigen Wochen geschlagen geben müssten. Dass zunächst nur ein kleiner Teil der geschätzt mehr als 150.000 russischen Soldaten, die an der Grenze stationiert worden waren, losgeschickt wurde, spricht dafür, dass auch Putin mit einem schnellen Sieg gerechnet hatte.

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Der Wechsel zu einer Belagerungstaktik mit Luftangriffen aus der Ferne gründet nach Einschätzung von Stephen Biddle, Professor für internationale Beziehungen an der Columbia University, auf der Hoffnung Putins, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj irgendwann aufgeben werde, um das Sterben und die Zerstörung zu beenden.

„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dieser Plan aufgeht“, schreibt Biddle in einem E-Mail-Austausch mit der Nachrichtenagentur AP. Durch das „Abschlachten von unschuldigen Zivilpersonen und die Zerstörung ihrer Häuser und Wohnviertel“ werde der Widerstand und die Entschlossenheit der Ukrainer eher gestärkt.

Wird Putin Nuklearwaffen einsetzen?

Nach Angaben des Pentagon-Sprechers John Kirby sind ukrainische Einheiten in einigen Gebieten bereits zu Gegenangriffen übergegangen. An der grundsätzlichen Überlegenheit Russlands ändert dies allerdings nichts.

Laut Philip Breedlove, einem früheren General der US-Luftwaffe, der heute für das Middle East Institute in Washington arbeitet, wird die Ukraine deswegen wohl keinen echten militärischen Sieg erreichen können. Der Ausgang des Krieges werde eher davon abhängen, welche Zugeständnisse Selenskyj in einer Verhandlungslösung zu akzeptieren bereit sei, sagt er. Aus Sicht der Ukraine könne es auch als ein Sieg gelten, wenn Russland so weit unter Druck gerate, dass es einem Abkommen zustimme und sich zurückziehe.

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Denkbar ist allerdings auch ein ganz anderes Szenario: Dass Putin den Krieg noch weiter eskalieren lässt – ob in voller Absicht oder aufgrund von Fehleinschätzungen. In vielen Teilen Europas ist die Sorge jedenfalls groß, dass er in der Ukraine chemische oder gar nukleare Waffen einsetzen oder seinen Angriff auf benachbarte Nato-Staaten ausweiten könnte. Der bulgarische Ministerpräsident Kiril Petkow betonte kürzlich, dass kein Land in Europa mehr „in der Illusion leben“ könne, dass es sicher sei.

RND/AP

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