Nach Vormarsch in Ostukraine

Experten: Russland durch hohe Verluste geschwächt

24.06.22: Tschetschenische Soldaten in einem Vorort von Sjewjerodonezk im Separatistengebiet Luhansk. Russland hat die Region im Osten der Ukraine in den vergangenen Wochen fast vollständig erobert, musste dabei jedoch hohe Verluste hinnehmen. Immer wieder greift Moskau daher auf Separatisten und ausländische Truppen zurück.

New York. Nach mehr als vier Monaten Krieg konnte Russland einen Teilsieg verkünden: Die vollständige Kontrolle über Luhansk, eine der beiden Regionen, die den Kern des wichtigen Industriegebiets Donbass im Osten der Ukraine bilden. Der Vormarsch dürfte nun in Richtung Donezk weitergehen.

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Um ihren bisherigen Schwung aufrechtzuerhalten, werden die angreifenden Truppen aber wohl Verstärkung benötigen. „Ja, die Russen haben die Region Luhansk erobert, aber zu welchem Preis?“, fragt der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanow. Einige Einheiten hätten bis zu 50 Prozent ihrer Soldaten verloren.

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Sogar der russische Präsident Wladimir Putin sagte am Montag, die an den Gefechten in Luhansk beteiligten Truppen müssten sich „ein wenig ausruhen und ihre Kampffähigkeit verbessern“. Dies deutet darauf hin, dass sich die von Russland angestrebte Eroberung des gesamten Donbass noch eine Weile hinziehen könnte. Beobachtern zufolge kontrollierten Russland und örtliche Separatisten in den vergangenen Wochen etwa die Hälfte von Donezk. Und in dieser Region hat sich am Verlauf der Fronten seitdem wenig verändert.

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Die Entwicklung im Donbass dürfte für den weiteren Verlauf des Krieges entscheidend sein. Wenn es dem Kreml gelingt, sich dort militärisch durchzusetzen, hätte er wieder ausreichend Kapazitäten, um auch in anderen Teilen der Ukraine Land zu besetzen und bei einem möglichen Friedensschluss die Bedingungen zu diktieren. Wenn es die Ukraine dagegen schafft, die Angreifer noch für längere Zeit im Osten zu binden, könnte sie mithilfe von neuen Waffen später eine Gegenoffensive starten.

Zu Beginn des Krieges waren die Ukrainer den Russen waffentechnisch deutlich unterlegen. Teil der Strategie Kiews ist daher schon lange, die Angreifer hinzuhalten und dabei auszuzehren – in der Hoffnung, dass nach und nach Waffenlieferungen aus dem Westen ankommen, mit denen sich die Kräfteverhältnisse zum eigenen Gunsten verschieben.

Schon jetzt sind einige der von den USA und ihren Verbündeten zur Verfügung gestellten Waffen im Einsatz, darunter schwere Haubitzen und hoch entwickelte Raketensysteme. Weitere Lieferungen sind auf dem Weg. Bislang sind die ukrainischen Truppen aber laut eigenen Angaben weiter klar unterlegen. Aus dem Verteidigungsministerium in Kiew hieß es zuletzt, die Russen würden zehnmal so viel Munition abfeuern wie die eigene Seite.

Russen kommen im Osten langsam aber stetig voran

Nach dem gescheiterten Versuch, mit einem schnellen Vorstoß gleich in den ersten Kriegswochen die Hauptstadt Kiew einzunehmen, zogen sich die Angreifer aus vielen Gebieten im Norden und im Zentrum der Ukraine wieder zurück. Seitdem konzentrieren sich die Gefechte auf den Donbass, wo von Moskau unterstützte Separatisten bereits seit 2014 die Streitkräfte der Ukraine bekämpfen. Die Russen kommen dabei langsam aber stetig voran. Im Laufe der zurückliegenden Wochen konnten sie in mehreren strategisch wichtigen Städten die Kontrolle übernehmen.

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Ukraine: Ganz Donezk unter Beschuss

Die russischen Streitkräfte sind in der ukrainischen Donbass-Region weiter vorgerückt und haben dabei insbesondere die Stadt Donezk ins Visier genommen.

Nach Einschätzung des ukrainischen Experten Schdanow werden die Russen nun auch in Donezk „die gleiche Verbrannte-Erde-Taktik anwenden und ganze Städte vernichten“. Tatsächlich wurden schon an dem Tag, an dem die letzte größere Stadt in Luhansk erobert wurde, Raketenangriffe auf Städte in der Nachbarregion gemeldet. Der Donezker Gouverneur Pawlo Kyrylenko rief am Dienstag 350 000 Menschen in der Region auf, Donezk zu verlassen, um es militärisch besser verteidigen zu können.

Auch für Russland ist das derzeitige Vorgehen allerdings mit hohen Verlusten verbunden. Moskau hat zwar schon lange keine Angaben zur Zahl der eigenen Opfer mehr gemacht. Nach dem ersten Kriegsmonat hieß es, etwa 1300 Soldaten seien gefallen. Westliche Beobachter gehen jedoch davon aus, dass die wahre Zahl bereits zu diesem Zeitpunkt um ein Vielfaches höher war. Laut Berichten ist die Zahl der einsetzbaren Soldaten so stark zurückgegangen, dass russische Kommandeure auf größere Manöver zur Umzingelung ganzer Gebiete verzichten müssen und deswegen versuchen, die Ukrainer mit schwerem Artilleriefeuer zu einem allmählichen Rückzug zu drängen.

Derweil greifen die russischen Streitkräfte in hohem Maße auf Kämpfer der Separatisten zurück. Und nach westlichen Angaben setzt Moskau inzwischen auch verstärkt auf Dienste von privaten Sicherheitsfirmen. Eine breite Mobilisierung im eigenen Land, die in der russischen Gesellschaft auf großen Widerstand stoßen könnte, scheint Putin weiter zu scheuen.

Experten: Ukraine trotz massiven Verlusten im Vorteil

Einigen westlichen Experten zufolge ist der russische Mangel an einsatzfähigen Soldaten so groß, dass Moskau gezwungen sein könnte, die Offensive noch im Laufe des Sommers zu unterbrechen. Die US-Geheimdienstdirektorin Avril Haines sagte, Putin nehme das langsame Tempo beim Vorstoß im Donbass offenbar in Kauf und setze nun darauf, den ukrainischen Widerstand zu brechen, indem er die besonders kampferprobten Einheiten des Gegners zerschlage.

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Würden diese überwiegend im Osten eingesetzten ukrainischen Einheiten tatsächlich besiegt, könnte Russland im Süden weiter Richtung Westen vorstoßen und die Ukraine womöglich vom Schwarzen Meer abschneiden. Dies wäre für die ukrainische Wirtschaft verheerend. Zugleich ergäbe sich dadurch eine direkte Landverbindung zu dem pro-russischen Separatisten-Gebiet Transnistrien, in dem die russischen Streitkräfte schon jetzt einen Stützpunkt haben.

Dass ein solches Szenario eintritt, ist aber alles andere als sicher. Mit schweren Waffen aus dem Westen wie etwa Mehrfachraketenwerfern werde es der Ukraine gelingen, das Blatt zu wenden, sagt Mykola Sunhurowski vom Rasumkow-Zentrum in Kiew. Die zunehmenden Lieferungen würden es der Ukraine ermöglichen, „eine Gegenoffensive im Süden zu starten und um Cherson und andere Städte zu kämpfen“.

Allerdings hat auch die Ukraine massive Verluste zu beklagen: Bis zu 200 Soldaten pro Tag sollen in den erbitterten Kämpfen der vergangenen Wochen ums Leben gekommen sein. Trotzdem ist die Ukraine nach Einschätzung von Michael Kofman, Militärexperte am US-Institut CNA, langfristig gesehen im Vorteil – zumindest bei anhaltender Unterstützung des Westens. Der Ausgang sei aber weiter ungewiss, betont Kofman. „Es wird wahrscheinlich noch ein langwieriger Krieg.“

RND/AP

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