Warnungen vor dem Armageddon

Ist der Ukraine-Krieg die Kuba-Krise unserer Tage?

Ein Flugzeug der US-Navy überfliegt im November 1962 zur Überwachung den sowjetischen Frachter „Anasoy“ vor Kuba.

Ein Flugzeug der US-Navy überfliegt im November 1962 zur Überwachung den sowjetischen Frachter „Anasoy“ vor Kuba.

Berlin. Ausgerechnet das einzige DDR-Kreuzfahrtschiff hätte 1962 den ersten und womöglich letzten Atomkrieg der Welt auslösen können.

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Die „MS Völkerfreundschaft“ durchbrach am 27. Oktober – ein Samstag – mit 500 Urlaubern an Bord die Seeblockade Kubas durch die US-Amerikaner. Die später euphemistisch als Quarantäne bezeichnete Militäroperation sollte Moskau zum Abzug seiner heimlich stationierten Truppen und Atomraketen von der Insel zwingen.

Nur das persönliche Eingreifen von John F. Kennedy verhinderte, dass US-amerikanische Kampfschiffe den Kreuzfahrer aufbrachten. Die „Völkerfreundschaft“ erreichte unversehrt den Hafen von Havanna.

Schwarzer Samstag

DDR-Urlauberschiff „MS Völkerfreundschaft“

DDR-Urlauberschiff „MS Völkerfreundschaft“

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Dieser Tag vor 60 Jahren sollte als „Schwarzer Samstag“ in die Geschichte der ohnehin schon düsteren Historie der Kuba-Krise eingehen, weil weitere Vorfälle auf See, zu Lande und in der Luft der Funke zur Eskalation hätten sein können. Der kalte Krieg zwischen Ost und West fand jedenfalls in der zweiten Oktoberhälfte 1962 – vom 14. bis 28. Oktober – in der Karibik seinen vorläufigen Höhepunkt.

Der Kubakrise vorausgegangen war die Berlinkrise, in der Moskau am Viermächtestatus der Stadt rüttelte. Bereits hier drohte Kennedy unverhohlen mit dem Äußersten. Zuvor hatten die USA – top secret – Mittelstreckenraketen in der Türkei stationiert. Mögliches Ziel: die UdSSR.

Biden warnt vor Armageddon

Die Welt steuerte 1962 auf ein nukleares Inferno zu – und erfuhr erst im letzten Augenblick davon. So nah wie damals kam die Welt einer möglichen atomaren Vernichtung nach Meinung vieler Experten und Expertinnen nie wieder.

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Räumgeräte im Hafen von Havanna nach Entspannung der Krise. Die stationierten Raketen sollten wieder zurück.

Räumgeräte im Hafen von Havanna nach Entspannung der Krise. Die stationierten Raketen sollten wieder zurück.

Geschichte wiederholt sich nicht? Das sieht US-Präsident Joe Biden etwas anders. Er hält die Gefahr eines Atomkriegs angesichts jüngster Drohungen aus dem Kreml für so groß wie seit der Kubakrise von 1962 nicht mehr.

Der russische Staatschef Wladimir Putin, so Biden am 6. Oktober 2022, scherze nicht, wenn er von einem Einsatz taktischer Nuklearwaffen oder biologischer oder chemischer Waffen rede. „Mit der Aussicht auf ein Armageddon sind wir seit Kennedy und der Kubakrise nicht mehr konfrontiert gewesen.“

Kubakrise

 

Konfrontation auf allen Seiten

Die Kuba-Krise, deren heiße Phase vom 14. Oktober bis zum 28. Oktober 1962 dauerte, hatte ihre Vorgeschichte im Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion seit Anfang der 1950er-Jahre. Beide Seiten drohten zuvor mehrfach mit dem Einsatz nuklearer Waffen. Die USA stationierten heimlich entsprechende Raketen in der Türkei. Die Sowjetunion, die zuvor hart, aber erfolglos am Viermächtestatus Berlins gerüttelt hatte, begann mit der Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba. Daraufhin zogen die USA eine 500-Meilen-Bannmeile um die Karibikinsel. Hardliner auf beiden Seiten drängten zum Einsatz von Atomwaffen in diesem Konflikt. Doch US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow einigten sich friedlich – und zogen ihre Raketen ab. Die Sowjets öffentlich, die US-Amerikaner aus der Türkei geheim. Beide Staatsoberhäupter verkündeten daheim, im Konflikt gesiegt zu haben. Und keiner widersprach dem anderen.

Putin droht

Tatsächlich macht Putin wiederholt Andeutungen, wie mächtig Russlands gewaltiges Nukleararsenal ist. Der russische Präsident sagte Ende September, als er Pläne für eine Teilmobilmachung für den Angriffskrieg gegen die Ukraine verkündete: „Ich möchte Sie daran erinnern, dass unser Land verschiedene Mittel der Zerstörung hat (...). Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht wird, werden wir zum Schutz Russlands und unseres Volkes unbedingt alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen“, sagte er damals. „Das ist kein Bluff.“

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Russlands Präsident Wladimir Putin.

Russlands Präsident Wladimir Putin.

Biden meint, man müsse Putins Drohung ernst nehmen. Er warnt, nicht zuletzt wegen der in der Kuba-Krise gesammelten Erfahrungen wie dem Vorfall mit der „Völkerfreundschaft“. Der Einsatz einer taktischen Kernwaffe könne schnell außer Kontrolle geraten und globale Zerstörung bringen. Er sehe kein Szenario, in dem man einfach eine solche Waffe nutzen und „nicht im Armageddon“, also einer nuklearen Entscheidungsschlacht, landen würde.

12.705 Atomsprengköpfe

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri geht davon aus, dass die Atomwaffenarsenale in der Welt als Folge derzeitiger Spannungen schon bald wieder größer werden. Trotz einer leichten Verringerung der Gesamtzahl nuklearer Sprengköpfe auf weltweit schätzungsweise 12.705 rechnen die Friedensforscher in ihrem im vergangenen Juni veröffentlichten Jahresbericht damit, dass diese Zahl im Laufe des kommenden Jahrzehnts vermutlich wieder wachsen wird. Es gebe klare Anzeichen dafür, dass der kontinuierliche Rückgang seit dem Kalten Krieg beendet sei, warnen die Experten.

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1962 besaßen die USA 27.297 Nuklearwaffen, die Sowjetunion 3322. Im Jahr 1978 begann sich das Verhältnis umzukehren, die US-Amerikaner rüsteten ab, die Sowjets auf. Im Moment befinden sich nach Recherchen von SIPRI 90 Prozent aller Atomwaffen auf der Erde in den Beständen der USA (5428) und Russlands (5977).

Waffen werden modernisiert

In beiden Ländern, so die Wissenschaftler, laufen kostspielige Programme, um die Atomsprengköpfe, Trägersysteme und Produktionsstätten auszutauschen und zu modernisieren. Gleiches gilt übrigens für die weiteren Atomwaffenstaaten – Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea.

Wie dicht die Weltgemeinschaft vor nuklearen Auseinandersetzungen und einem „Armageddon“ stehen, versuchen Forschende seit 1947 regelmäßig in einer Atomkriegsuhr (Doomsday Clock) verständlich darzustellen. Je niedriger die verbleibende Anzahl der Minuten bis Mitternacht aufgrund veränderter Weltlagen ausfällt, umso wahrscheinlicher erscheint der Ausbruch eines Nuklearkrieges. Sie beziehen sich dabei auf die Redewendung „Es ist fünf (Minuten) vor zwölf“.

Die Uhr startete 1947 mit der wissenschaftlichen Risikoeinschätzung von sieben Minuten vor Mitternacht. Gegenwärtig wird die symbolische Zeit bis zu einem möglichen Weltuntergang mit 100 Sekunden angegeben.

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Endzeituhr versagte in Kuba-Krise

Allerdings: Die Uhr versagte ausgerechnet in der Kuba-Krise, da das entsprechende Bulletin der Atomic Scientists erst unmittelbar nach Entschärfung der politischen Krise erschien.

US-Präsident Kennedy bei der Bekanntgabe der Blockade Kubas am 22. Oktober 1962.

US-Präsident Kennedy bei der Bekanntgabe der Blockade Kubas am 22. Oktober 1962.

Wie sieht die Situation also heute aus?

Der 79-Jährige britische Historiker Ian Kershaw sagte im „Stern“: „Ich hatte seit 1962, seit der Kuba-Krise, nie wieder Angst vor einem Atomkrieg – bis jetzt.“

Der Direktor des US-amerikanischen National Security Archives, Tom Blanton, glaubt, dass sich die Entscheider im Weißen Haus bei der Ukraine-Politik an Lektionen der „neuen Geschichtsschreibung“ orientierten – also an der Gefahrenabwehr durch Kompromisse.

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Nukleare Diplomatie

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete Putins nukleare Rhetorik als gefährlich und rücksichtslos. „Deshalb haben wir Russland deutlich zu verstehen gegeben, dass ein Atomkrieg nicht zu gewinnen ist und niemals geführt werden darf.“

Biden: „Armageddon“ so nah wie seit Kuba-Krise nicht mehr

US-Präsident Biden sieht die Gefahr einer atomaren Konfrontation mit katastrophalen Folgen nach Drohungen aus dem Kreml so groß wie seit 60 Jahren nicht mehr.

Der Historiker und Kennedy-Experte Andreas Etges von der Ludwig-Maximilian-Universität München (LMU) hält das Spektrum gegenseitiger Bedrohungen von heute durchaus vergleichbar mit dem Anfang der 1960er-Jahre. „Sowohl Putin auf der einen Seite sowie Biden und der Westen auf der anderen bedienen die Klaviatur der nuklearen Diplomatie. Dabei geht es um glaubwürdige Abschreckung vor dem Einsatz von Atomwaffen.“

Der Hamburger Amerikanist Bernd Greiner, der 2010 das Buch „Die Kuba-Krise. Die Welt an der Schwelle zum Atomkrieg“ (Beck) veröffentlichte, sagt, die Ambivalenz ist Teil des Spiels mit dem Feuer. Er weist jedoch auf einen entscheidenden Unterschied zu 1962 hin. „Damals“, so der Historiker, „war die Welt anders verfasst, nämlich bipolar. Heute ist sie multipolar – wir haben sehr viel mehr Akteure, und das macht die Situation unübersichtlich und gefährlich.“

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Krieg entfaltet eigene Dynamik

Beide Wissenschaftler betonen darüber hinaus, dass mit Russland nun eine der Konfliktparteien kriegsführende Partei ist, was 1962 nicht so war. „Und Krieg“, so Greiner, „entfaltet immer eine eigene und unvorhersagbare Dynamik.“ Die Befehlsstrukturen seien mit Risiken behaftet, was schnell Eskalationen auslösen könne.

1962 zum Beispiel ist am selben Tag, als die „Völkerfreundschaft“ den Blockadering der US-Amerikaner durchbrach, von den sowjetischen Truppen auf Kuba ein US-Spionageflugzeug abgeschossen und der Pilot dabei getötet worden. Chruschtschow war verärgert über seine Truppen, Kennedy unterband eine Reaktion der US-Army persönlich. „Es hätte knallen können“, so Etges. US-Verteidigungsminister Robert McNamara gab später zu Protokoll, man habe „eine Menge Glück“ gehabt.

Etges sagt, 1962 agierten Politiker wie Kennedy und Chruschtschow zunächst ziemlich irrational, begannen aber zu denken als die Lage zunehmend riskant wurde. „Entscheidend aber war, und das sollte die Lehre im jetzigen Konflikt sein: die Staatschefs sind in der ganzen Zeit im Gespräch geblieben“, so der Münchner Historiker.

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Gegen eine Atommacht gewinnt man keinen Krieg.

Professor Bernd Greiner

Historiker und Amerika-Experte

Bernd Greiner kann dies heute nicht erkennen. „Damals hat Kennedy gesagt, mit Maximalforderungen käme man nicht weiter, der Preis einer weiteren Eskalation sei zu hoch. Auch Chruschtschow hatte unabhängig davon eine entsprechende Erklärung vorbereitet.“

Vertrauen in Zusagen

So endete die Kuba-Krise nicht durch einen Vertrag, sondern durch Vertrauen in die Zusagen des anderen. Die Sowjetunion zog Truppen und Angriffswaffen ab, die USA holten ihre Raketen heimlich aus der Türkei zurück. Und beide Staatsmänner überließen dem jeweils anderen seine Interpretation des Ergebnisses. Etges: „Putin hat über seine Staatmedien ebenfalls die Definitionsmacht, einen wie auch immer gearteten Kompromiss als Erfolg zu verkaufen.“

Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy bei einem Treffen in Wien 1961.

Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy bei einem Treffen in Wien 1961.

Kennedys und Chruschtschows Fähigkeit, ein paar Gänge zurückzuschalten, wäre ein Fingerzeig für heute, findet Greiner. „Wer nicht will, dass die Ukraine noch etliche Monate weiter mit Krieg überzogen wird und viele Menschen sterben, der sollte Verhandlungen suchen und annehmbare Angebote machen.“

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Der Wissenschaftler hält es für Unsinn, die Rückholung der Krim zur Bedingung zu machen. Darauf könne Putin nicht eingehen. „Auf Sieg zu setzen, das ist der falsche Weg und billiges Gerede. Gegen eine Atommacht gewinnt man keinen Krieg.“

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