Wie im Film „Good Bye, Lenin!“

33 Tage nichts vom Krieg mitbekommen: Wie einer 93-Jährigen in Kiew alles verheimlicht wurde

Die Geschichte einer Seniorin aus der Ukraine erinnert stark an den deutschen Film „Good Bye, Lenin!“.

Die Geschichte einer Seniorin aus der Ukraine erinnert stark an den deutschen Film „Good Bye, Lenin!“.

Diese Geschichte erinnert ein wenig an den Film „Good Bye, Lenin!“. In der Tragikomödie verheimlicht ein Sohn seiner Mutter, nachdem sie aus dem Koma aufwacht, mit viel Kreativität den Zusammensturz der DDR. Der 93-jährigen Olena Luhowa aus Kiew ist so etwas wirklich passiert. Ihre Schwiegertochter Nadja Loschkina hat ihr über einen Monat verheimlicht, dass sich die Ukraine im Krieg befindet. Der „Spiegel“ berichtet zuerst darüber.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Als am 24. Februar russische Truppen ihren Angriffskrieg in der Ukraine begannen, bekam die alte Frau nichts mit. Luhowa ist schwerhörig und fast blind. Sie schlief tief, als die ersten Bomben in Kiew einschlugen. Am nächsten Morgen war die Stadt in Aufruhr. Viele Menschen flohen Richtung Westen. Nadja Loschkina dachte ebenfalls darüber nach, mit ihrer Schwiegermutter zu fliehen. Sie kam aber schnell zu dem Schluss, dass dies mit der gebrechlichen Frau nicht möglich sei. Außerdem bemerkte sie: Die 93-Jährige hatte noch gar nicht mitbekommen, was los ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Ihr Zustand war ohnehin nicht gut“

Loschkina beschloss, ihre Schwiegermutter in dem Glauben zu lassen, alles sei wie immer. Solange es ging, wollte sie den Krieg vor ihr geheim halten. „Ihr Zustand war ohnehin nicht gut“, sagt Nadja Loschkina gegenüber dem „Spiegel“. Sie wollte ihr Herz nicht zusätzlich gefährden. Daher behauptete sie, Radio sowie Fernseher seien kaputt und nahm beides aus ihrem Zimmer. Dem kompletten Umfeld machte sie klar: Man dürfe mit der alten Frau über alles reden – aber auf keinen Fall über den Krieg.

Loschkina selbst berichtete ihrer Schwiegermutter Luhowa zwar von der Nachrichtenlage, ließ aber konsequent den Krieg aus. So erzählte sie, Wolodymyr Selenskyj habe mit seinem Rivalen Petro Poroschenko Frieden geschlossen. Dass der ukrainische Präsident den Disput mit seinem Vorgänger nur beigelegt hatte, weil Russlands Angriff den Fortbestand des ganzen Landes gefährdete, erwähnte Loschkina nicht.

Sie begann auch, die Fenster mit Klebeband zu versehen, um das Zimmer der Schwiegermutter bei Explosionen vor Glassplittern zu schützen. „Ich habe ihr gesagt, dass die Fenster alt seien und herausfallen könnten“, so Loschkina.

Hohe Verluste in der Ostukraine: Selenskyj äußert sich zur Lage an der Front

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Tagesverluste der eigenen Truppen an der Front in der Ostukraine auf 50 bis 100 Soldaten beziffert.

Loschkina wollte bis zum Sieg durchhalten

Die Taktik geht lange auf. Am 16. März postete Loschkina ein Bild mit ihrer Schwiegermutter auf Facebook. Sie wisse immer noch nichts vom Krieg, doch schaffe sie es, sich davor zu verstecken, schreibt Loschkina. „Ständig eilt sie zum Receiver und Fernseher. Aber ich sage, dass die Ersatzteile aus dem Ausland lange dauern.“ Sie hoffe, bis zum Sieg durchzuhalten. Die alte Frau solle alles erst im Nachhinein erfahren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Eine Freundin hatte sich verplappert

Doch 13 Tage später war alles aufgeflogen. Am 29. März kam Loschkina ins Zimmer ihrer Schwiegermutter und wurde böse angefaucht: „Ich weiß alles.“ Es hatte sich jemand verplappert. Eine Freundin hatte am Telefon doch etwas zum Krieg gesagt.

Luhowa forderte sofort ihr Radio zurück. Seitdem verfolge sie wieder stundenlang die Nachrichten, heißt es im Bericht des „Spiegel“. „Es war eine Sünde, mir nichts von diesem Krieg zu erzählen“, meint sie. Seit sie Bescheid wisse, schläft Luhowa nicht mehr gut. Die Schwiegertochter gibt ihr Baldrian.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Wenn Russland gewinnt, dann wird es hier wieder wie im Jahr 1937“

Die alte Frau, die bereits die grausame Zeit unter Stalin und Hitler erlebt hat, meint: „Wenn Russland gewinnt, dann wird es hier wieder wie im Jahr 1937.“ Damals ließ Josef Stalin Hunderttausende zu Feinden erklären und töten. Unter ihnen war auch Luhowas Vater.

RND/sf

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen