Gräben in der australischen Gesellschaft

Zwischen Trauer und „erstickender Wut“: Umgang mit Tod der Queen spaltet Australien

Trauer in Australien: Auf dem Opernhaus in Sydney ist ein Porträt der kürzlich verstorbenen Königin Elizabeth II. zu sehen.

Trauer in Australien: Auf dem Opernhaus in Sydney ist ein Porträt der kürzlich verstorbenen Königin Elizabeth II. zu sehen (Archivbild).

Sydney. Tony Stephens* ist für 7000 australische Dollar, umgerechnet fast 4700 Euro, last minute von Sydney nach London geflogen. Direkt vom Flughafen reihte er sich nach 24 Stunden Flug in die lange Schlange der Trauernden ein, die von ihrer Königin Abschied nehmen wollten. Fast 14 Stunden später wurde sein Wunsch erfüllt – er stand vor dem Sarg von Elizabeth II. Die Queen sei „immer da, zuverlässig, sichtbar und vorbildlich“ gewesen, sagte er. „Ich wollte mich verabschieden und mich bedanken.“ Vor einem Fernsehbildschirm wäre dies nicht richtig möglich gewesen. „Deswegen habe ich es persönlich gemacht.“

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Tausende Trauernde: 24 Stunden Wartezeit für Abschied von der Queen

Der Andrang zum Abschied am Sarg von Queen Elizabeth II. reißt nicht ab. Tausende Trauernde harrten entlang der Themse in London über mehrere Kilometer aus.

Eine andere Australierin berichtete, wie sie die gesamte Nacht wach lag, als sie hörte, dass sich der Gesundheitszustand der Königin verschlechtert hatte. Auch sie wäre gern nach London zur Beerdigung geflogen, hätten Zeit und Budget es erlaubt. „Die Queen war das Sinnbild von Würde für mich“, sagte sie. „Sie hat ihr gesamtes Leben dem Dienst verschrieben.“ Eine Dritte berichtete, wie sie die Ereignisse in Großbritannien, die live im australischen Fernsehen übertragen werden, verfolge. Das helfe ihr dabei, ihre Trauer zu bewältigen. Königin Elizabeth II. sei eine Konstante und eine Inspiration dafür gewesen, was es bedeutet, loyal und würdevoll zu sein. „Nicht nur als Staatsoberhaupt, sondern als Frau, die ihre Familie liebte“, sagte sie.

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„Emotionales Erlebnis“

Australiens Premierminister Anthony Albanese ist zur Beerdigung der Königin nach London gereist. Gemeinsam mit Würdenträgern hat er die Beileidswünsche des australischen Volkes an den Sohn der Verstorbenen, König Charles III., überbracht, der nun auch Australiens neues Staatsoberhaupt ist. Seine Mutter hatte die Position zuvor 70 Jahre lang innegehabt. Die meisten Australierinnen und Australier haben nie ein anderes Staatsoberhaupt als die Queen gekannt. Albanese, der selbst als Befürworter einer Republik bekannt ist und extra einen Minister dafür in seinem Kabinett beschäftigt, sprach von einem „sehr emotionalen Erlebnis“. Er merkte den „außerordentlichen Dienst“ der Queen an und brachte seine Bewunderung und seinen Respekt für die Königin zum Ausdruck.

Doch nicht alle bringen der verstorbenen Königin eine derart tiefgreifende Verehrung entgegen. In teilweise starkem Gegensatz dazu stehen die Ansichten mancher Bürgerinnen und Bürger mit nicht britischem Hintergrund. Einen deutschstämmigen Australier verärgert besonders, dass Australien diesen Donnerstag einen außerordentlichen Feiertag ausgerufen hat. Einen Tag zu deklarieren, um die Königin zu betrauern, das mache das Land mal eben so „aus heiterem Himmel“, meinte er. Das Datum des „Invasion Days“ zu ändern, das sei dagegen „zu schwer“. Letzteres ist der Nationalfeiertag, der sogenannte Australia Day, der jährlich am 26. Januar begangen wird. Die Auswahl des Datums wird von den Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern als Affront gesehen, da der Tag die Ankunft der ersten britischen Flotte auf dem Kontinent 1788 und damit die Invasion der Briten in Australien markiert.

Eine Kluft hat sich aufgetan

Die Reaktion vieler indigener Australierinnen und Australier auf den Tod der britischen Monarchin ist deswegen ebenfalls eher von negativen Gefühlen geprägt. „Ich bin sicher, dass ich unter den indigenen Völkern nicht der Einzige bin, der mit einer Vielzahl an Emotionen ringt“, schrieb der indigene Journalist Stan Grant in einem Meinungsstück auf der Website des staatlichen australischen Senders ABC. Unter diesen Emotionen sei vor allem Wut. Eine „erstickende Wut über das Leid und die Ungerechtigkeit, die mein Volk erleiden muss“. Grant beschrieb, wie er sich in den vergangenen Tagen als Außenseiter unter Kollegen und Freunden gefühlt habe – so, als ob da plötzlich „eine Kluft zwischen uns sei“. „Ich habe beobachtet, wie andere Schwarz getragen und über dieses historische Ereignis berichtet haben“, meinte er. Die Trauer sei geradezu „rituell“ und er habe erkannt, dass er dies nicht tun könne.

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Die Wunden der vergangenen zweieinhalb Jahrhunderte sitzen nach wie vor tief. Ein Großteil der Kolonialgeschichte, die mit unfassbarem Leid für die Aborigines gespickt ist, ist bisher nicht aufgearbeitet. Eine Untersuchung des „Guardian“ im Jahr 2019 zählte innerhalb von 140 Jahren 270 Massaker, die die Briten an der indigenen Bevölkerung verübt haben. Diese seien „Teil eines staatlich sanktionierten und organisierten Versuchs“ gewesen, „die Aborigines auszurotten“, schrieben die Journalisten.

Republikbefürworter hoffen auf ihre Chance

Während viele vor allem britischstämmige Australierinnen und Australier die Trauer in Großbritannien zutiefst mitfühlen, ein Bild von Queen Elizabeth II. auf die berühmte Oper in Sydney „gebeamt“ wird und ein Platz ihr zu Ehren umbenannt wird, planen die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner, auf die Straße zu gehen. So haben die „Warriors of the Aboriginal Resistance“, die auf Facebook über 60.000 Followers haben, für den extra deklarierten Feiertag am Donnerstag zum Protest gegen das Unrecht der Kolonialisierung aufgerufen. Ihren Post ziert eine Zeichnung der Queen mit durchgestrichenen Augen und den Worten „Schafft die Monarchie ab“.

Menschen stehen stundenlang Schlange für den Abschied von der Queen

Seit Mittwochnachmittag können die Menschen in Großbritannien Abschied von der gestorbenen Königin Elizabeth II. nehmen.

Letzteres wäre in Australien kein einfacher Prozess: Um eine Republik zu werden mit einem gewählten Präsidenten als Staatsoberhaupt, müsste das Land ein Referendum abhalten. Ein erster Volksentscheid dazu im Jahr 1999 scheiterte und auch aktuelle Umfragen zeigen, dass bisher nach wie vor nur 40 Prozent der Australierinnen und Australier die Nabelschnur nach London kappen wollen. Republikbefürwortende hoffen jedoch, dass nur ausreichend Zeit ins Land gehen müsse. „Die Mehrheit bewahrt wohl eine angemessene Zeit lang ein höfliches und würdevolles Schweigen, bevor dann doch hoffentlich angemessene Anpassungen eines verfassungsrechtlichen Anachronismus vorgenommen werden“, so die Meinung eines Australiers, der pro Republik ist.

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* Name auf Wunsch von der Redaktion geändert

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