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Offene Briefe an den Kanzler

Die Angst vor der Atombombe ist berechtigt

Nach der Explosion einer französischen Atombombe im Jahr 1970 schwebt dieser riesige Atompilz über dem Mururoa-Atoll.

Berlin. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, heißt es in einem Klassiker des Liedermachers Reinhard Mey. Er gehört zu den Prominenten aus dem Kulturbetrieb, die in der vergangenen Woche einen von „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer initiierten offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz unterschrieben haben, in dem sie vor der Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine und vor einer Ausweitung des Krieges zum atomaren Konflikt warnen.

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Zweiter offener Brief

Inzwischen gibt es seit Mittwoch einen weiteren offenen Brief an Scholz, in dem eine andere Gruppe Intellektueller um den ehemaligen Grünen-Politiker Ralf Fücks den Bundeskanzler ausdrücklich ermuntern, die Ukraine rasch mit allen verfügbaren Waffen auszustatten, die sie braucht.

In den beiden Briefen prallen zwei Sichtweisen aufeinander: Während die „Schwarzer-Gruppe“ eher auf das Prinzip Hoffnung in Richtung Waffenstillstand und „Kompromiss für beide Seiten“ setzt, hält die „Fücks-Gruppe“ klar dagegen, dass es nicht um einen Verhandlungs­frieden mit einer Unterwerfung der Ukraine gehen kann.

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Hinter dem gesellschaftlichen Diskurs um Waffenlieferungen steht am Ende die Angst vor der Atombombe. Und die ist nicht aus der Luft gegriffen, denn von Kriegsbeginn an hat Kreml­chef Wladimir Putin immer wieder damit gedroht und den Westen vor einer „blitzschnellen“ Vergeltung gewarnt, falls dieser in den Ukraine-Konflikt eingreift. Zuletzt ließ er nach russischen Angaben in Kaliningrad Angriffe mit nuklearwaffenfähigen Iskander-Raketen simulieren, die bis nach Warschau und Berlin fliegen können.

Sorgen um den Altkanzler und Putin-Freund: „Gerd braucht Hilfe“

Gerhard Schröder ist isoliert wie nie. Weggefährten und alte Freunde des früheren Kanzlers sind mittlerweile verzweifelt und sorgen sich zunehmend. Das wahre Drama, sagen sie, sei weniger ein politisches als ein menschliches: „Man spürt ganz genau: Man erreicht ihn nicht mehr.“

Natürlich ist die Angst vor der Atombombe berechtigt. Die „Schwarzer-Gruppe“ argumentiert, die Lieferung großer Mengen schwerer Waffen könnte Deutschland selbst zur Kriegspartei machen und in den Konflikt hineinziehen. Das stimmt, aber ab wann wir faktisch Kriegspartei werden, das bestimmt nicht mehr das Völkerrecht, sondern Putin.

Er hat das Völkerrecht längst hinter sich gelassen und kann nach Gutdünken jeden weiteren Schritt des Westens zum Anlass nehmen, um die nächste Eskalationsstufe zu zünden. Es hat ja formal nicht einmal eine russische Kriegserklärung an die Ukraine gegeben, sondern dort findet nach Putins zynischem Sprachgebrauch lediglich eine „Spezialoperation“ statt.

In der Kontroverse über deutsche Waffenlieferungen geht es im Kern um eine eher defensive oder eine eher offensive Haltung. Es ist bislang nicht zu erkennen, dass Putin eine defensive Haltung in irgendeiner Weise würdigt. Im Gegenteil: Autokraten legen so etwas eher als Schwäche aus und fühlen sich zum nächsten Schritt ermuntert.

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Reaktion der Nato unklar

So richtig es ist, auf Verhandlungen und Kompromisse zu drängen, die für die Ukrainer akzeptabel sind, so richtig ist es auch, Putin gegenüber klare Kante zu zeigen. Es muss die Gewissheit bleiben, dass der, der auf den roten Knopf drückt, am Ende via Gegenschlag selbst mit in die Luft fliegt.

Mit Blick auf die Nato dürfte Putin das einkalkulieren. Aber was geschieht, wenn er einen sogenannten taktischen, also einen begrenzten Atomschlag gegen die Ukraine anwendet, um diese zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen? Bislang ist nichts darüber bekannt, ob sich die Nato-Mitglieder für einen solchen Fall auf eine militärische Reaktion geeinigt haben.

Alle Ängste, alle Sorgen, bleiben über den Wolken verborgen, heißt es bei Reinhard Mey. Und was groß und wichtig erscheint, ist plötzlich nichtig und klein, geht es weiter. Leider ist das mit der Atombombe nicht so. Die Angst vor ihr macht jede andere Sorge, wie etwa die vor Wohlstandsverlust, nichtig und klein. Aber wir dürfen aus Angst vor dem Tod auch nicht Selbstmord begehen.

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