Satellitenbilder zeigen Beladung der Kampfbomber

Russland rüstet sich für Großangriff: Wie kann Deutschland der Ukraine am besten helfen?

Ein Mehrfachraketenwerfer des ukrainischen Militärs feuert Raketen auf russische Stellungen an der Frontlinie in der Nähe von Bachmut in der Region Donezk.

Ein Mehrfachraketenwerfer des ukrainischen Militärs feuert Raketen auf russische Stellungen an der Frontlinie in der Nähe von Bachmut in der Region Donezk.

„Wir sollten Russland nicht unterschätzen“, warnt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg an diesem Donnerstag auf der Berliner Sicherheitskonferenz. Während der Winter mit Kälte, Eis und Schnee in der Ukraine Einzug hält, setzt Russland seine Raketen‑ und Drohnenangriffe gegen ukrainische Städte, Zivilisten und die Energieinfrastruktur mit aller Brutalität fort. Eine Kriegspause erwartet in diesem Winter keiner mehr. Im Gegenteil: In diesen Tagen, so Militärexperten, werden die Russen Tausende mobilisierte Reservisten in die Ukraine schicken, direkt an die Front. Weitere Russen sollen die eroberten Gebiete sichern, sodass gut ausgebildete Elitesoldaten frei werden und an der Front kämpfen können.

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Satellitenbilder aus dieser Woche zeigen, dass Russland derzeit rund zwei Dutzend Langstreckenbomber auf dem Militärflughafen Engels‑2 nördlich von Wolgograd für den nächsten Großangriff vorbereitet. Munitions­kisten und Tankwagen sind auf den Fotos zu erkennen, Frachtflugzeuge stehen nahe den Bombern und haben offenbar erst vor Kurzem neue Munition zum Militärstützpunkt gebracht.

Ukraine geht die Munition aus

Während Russland personell und materiell im Vernichtungskrieg gegen die ukrainische Nation aufrüstet, kann sich die Ukraine spätestens seit dem 10. Oktober nicht mehr ausreichend verteidigen. „Der massive Einsatz der gelieferten Waffensysteme vom Westen, wie Himars, hat inzwischen abgenommen und führt nicht mehr zu größeren Erfolgen“, stellt Oberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer klar. „Es gibt große Probleme bei der Munitionsversorgung, da die meisten Raketen bereits verschossen wurden.“ Die anfäng­lichen Erfolge hielten nicht an, der im Sommer eingetretene „Himars-Effekt“ habe nachgelassen. Der durchschlagende Erfolg blieb aus.

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Deutschland muss die militärische Unterstützung für die Ukraine langfristig planen und dabei auch die Reparatur der gelieferten Waffen mit einbeziehen.

Sarah Pagung,

Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP)

Obwohl die Ukraine jetzt so sehr auf Hilfe aus dem Westen angewiesen ist wie wohl nie zuvor ist die Debatte über weitere Waffenlieferungen bereits seit Wochen verstummt. „Deutschland tut bei Weitem nicht alles, was es leisten könnte“, sagt Sarah Pagung von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). „Wenn wir die Ukraine bei ihren Kriegszielen unterstützen wollen und dazu die Rückeroberung ihrer Gebiete gehört, müssen wir auch dafür geeignete Waffen liefern – tun wir aber nicht.“ Quantitativ und qualitativ könne Deutschland die Ukraine militärisch noch viel umfangreicher unterstützen, so Pagung. Doch es fehlt offenbar an politischem Willen.

Ersatzteile, Panzer, Munition

Die Liste der dringend benötigten Waffen wird mit jedem Tag länger. Ersatzteile und Munition für den Gepard-Panzer und die Panzerhaubitze 2000, die der Westen der Ukraine geliefert hat, stehen ganz oben. Doch damit nicht genug. „Kampf- und Schützenpanzer braucht die Ukraine ebenso dringend wie Ketten­fahrzeuge“, sagt Pagung. Denn in den Perioden vor und nach dem Winter, wo es in Teilen der Ukraine sehr schlammig ist, kommt man ohne Kettenfahrzeuge kaum voran. Mit den Panzern könnte die Ukraine dann die jüngsten Rückeroberungen absichern. Deutschland und die Nato-Partner verfügen über zahlreiche Kampf­panzer des Typs Leopard 2 und der Schützenpanzer Marder und Puma. Allein vom Leopard 2 gibt es mehr als 2000 Fahrzeuge in verschiedenen Varianten in den 13 europäischen Armeen.

Spätestens wenn die letzten ukrainischen Panzer aus Sowjetbeständen von den Russen zerstört wurden, wird Deutschland wieder über Kampf- und Schützenpanzer diskutieren, ist sich DGAP‑Forschungsdirektor Christian Mölling sicher. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass wir irgendwann diese Panzer liefern werden.“ Eine Verweigerung, sagt er, käme einer Bankrotterklärung gleich.

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Deutschland könnte mehr helfen - wenn der Wille da wäre

Weitere Unterstützung braucht die Ukraine auch im Bereich der Flugabwehr. Für die ukrainischen Streitkräfte wird es immer schwieriger, sich gegen Luftangriffe zur Wehr zu setzen. Es fehlt schlichtweg Munition, und auch der Westen hat für viele der westlichen Waffensysteme keine großen Lagerbestände mehr. Einer der Gründe sind die hohen Kosten: Etwa 700.000 Euro kostet eine einzige Iris-T-Rakete inzwischen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die westlichen Staaten keine großen Munitionsdepots aufgebaut haben. „Die Munitionslage der Ukraine wird mit jedem Tag schwieriger“, sagt Oberst Reisner. Besonders groß sei auch der Mangel an Artilleriemunition. Die ukrainischen Lager sind laut Reisner beinahe komplett leer, und auch der Westen habe kaum noch passende Munition für die sowjetischen Waffensysteme.

Deutschland könnte noch viel mehr tun. Die Briten haben der Ukraine beispielsweise Hubschrauber geliefert, mit denen sie Kriegsschiffe ausschalten kann. „Damit steht die russische Schwarzmeerflotte vor einem neuen Problem“, sagt Mölling und betont, dass auch Deutschland über solche Hubschrauber verfüge, die es an die Ukraine liefern könnte.

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Der Westen könnte seine Strategie ändern

Experten und Expertinnen schütteln angesichts der militärischen Unterstützung für die Ukraine immer häufiger den Kopf. Warum wurden Ersatzteile und Munition für die Ukraine nicht schon früh bei der Industrie bestellt? Expertin Pagung fordert Konsequenzen aus dem sich immer deutlicher abzeichnenden Organisa­tions­desaster. „Deutschland muss die militärische Unterstützung für die Ukraine langfristig planen und dabei auch die Reparatur der gelieferten Waffen mit einbeziehen.“ Es gehe um die Frage, was die Ukraine in zwei, vier und sechs Monaten braucht.

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Um Russland erstmals seit Beginn des Krieg unter Zugzwang zu setzen, könnte der Westen auch seine Strategie ändern. Statt immer bloß auf Moskaus Angriffe zu reagieren, könnte der Westen Russland Ultimaten setzen, schlägt DGAP-Forschungsdirektor Mölling vor. „Wenn Russland weiter ukrainische Großstädte beschießt, liefert die Nato Boden-Boden-Raketen an die Ukraine.“ Damit könnte die Ukraine russische Kommandoposten in der Tiefe zerstören. Um Russlands Sorgen vor einer Invasion auf das eigene Territorium zu entkräften, könne der Westen zum Beispiel nur wenige Schuss pro Tag liefern, erklärt Mölling.

Abseits der militärischen Unterstützung hat der Westen auch noch Spielraum bei den Wirtschafts- und Finanz­sanktionen gegen Russland. „Es ist ein Rätsel, warum die Gazprom-Bank noch nicht sanktioniert wurde, obwohl es quasi keine Gaslieferungen mehr aus Russland gibt“, sagt Pagung. Es sei auch wichtig, die Schlupf­löcher der beschlossenen EU‑Sanktionspakete zu stopfen. So haben die USA bereits einzelne Firmen aus Drittstaaten auf die Sanktionsliste gesetzt, die Russland beim Importieren sanktionierter Produkte helfen. Sie hatten elektronische Bauteile aus der EU gekauft und dann nach Russland weiterverkauft. Daraufhin wurden alle Konten der Unternehmen bei amerikanischen Banken eingefroren und sie durften auch keinen Handel mehr mit US‑Unternehmen betreiben.

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Aufgrund der enormen Marktmacht der USA und der EU hält Pagung solche Sanktionen für sehr wirkungsvoll. „Hier muss die EU nachschärfen“, sagt sie, und beim Schließen solcher Schlupflöcher könne die EU auch leichter einen Konsens unter den EU‑Staaten herstellen als bei anderen Sanktionen.

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