Kommentar zu Putins jüngster Rede

Russische Gefallene: Zweitverwendung im Propagandakrieg

Wandte sich am Donnerstag mit einer Rede an das russische Volk: Wladimir Putin.

Er ist über Nacht zum weltweiten Außenseiter geworden, doch das scheint Wladimir Putin recht kaltzulassen. Wenn es allerdings einen Punkt an dem von Russlands Präsidenten willkürlich gegen die Ukraine vom Zaun gebrochenen Krieg gibt, der auch ihn etwas beunruhigen dürfte, dann ist das die Frage: Wie erkläre ich dem eigenen Volk die toten Ehemänner, Söhne und Enkel, die dieser Waffengang gegen das Brudervolk erfordert?

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Es ist ein Thema, das die russische Armee und ihren obersten Befehlshaber Putin zunächst zu überfordern schien. Während die Ukraine ihre Todesopfer vom ersten Tag des Krieges an bezifferte, brauchte die russische Seite für das bloße Eingeständnis, dass sie überhaupt Gefallene zu beklagen habe, knapp vier Kriegstage.

Erst am vergangenen Sonntag räumte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, ein, dass es in der russischen Armee Getötete und Verletzte gebe. Zahlen nannte der Generalmajor da noch nicht.

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Die Toten lassen sich nicht wegschweigen

Doch die Toten lassen sich auf Dauer nicht wegschweigen. Denn irgendwann werden die Familien Fragen nach dem Verbleib ihrer Angehörigen stellen, wenn sie von diesen nichts mehr hören.

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Das weiß auch die russische Staatsführung: Am Mittwoch nannte das Verteidigungs­ministerium nun erstmals konkrete Opferzahlen, die es mit 498 Toten und 1597 Verletzten bezifferte. Das dürften geschönte Werte sein, aber das Thema ist nun immerhin offiziell in der Welt.

Wladimir Putin griff die Vorlage unmittelbar auf: Bei einer Arbeitssitzung des Sicherheitsrates hielt er am Donnerstag eine einleitende Rede, die wieder voll mit Schlagworten wie „Denazi­fizierung“ „Entmilitarisierung“ und „Neonazis“ war, die sich allerdings vorrangig den russischen Kriegsopfern zuwandte. Dass es ehrliches Mitgefühl war, das den russischen Präsidenten dabei antrieb, darf allerdings sehr stark bezweifelt werden. Denn dafür instrumen­talisierte er auch dieses sensible Thema viel zu sehr, um mit altbekannten Falsch­behauptungen, den Schwarzen Peter dem ukrainischen Feind zuzuschieben.

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Zu Tode kamen die russischen Soldaten aus Putins Sicht nämlich nicht etwa, weil sie in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg ein anderes Land überfallen haben, sondern weil das angeblich faschistische Regime in Kiew seinen Kampf mit den Mitteln von Terroristen führt.

Die ukrainische Soldateska missbrauche die Zivilbevölkerung als Schutzschild, hinter dem sie sich verstecke: „Nur die Faschisten haben so gekämpft und die Zivilbevölkerung so unmenschlich behandelt“, wetterte Putin, „als die sowjetischen Truppen mit ihnen kämpften – auch bei der Befreiung des ukrainischen Territoriums … Unsere Soldaten und Offiziere bemühen sich jetzt, Verluste unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden, und leider erleiden sie dabei selbst Verluste.“

Putins Aussagen machen aus Tätern Opfer

Wer die Fernsehbilder von den Wohnhäusern, Verwaltungsgebäuden und Schulen gesehen hat, in die in Kiew, Charkiw und Tschernihiw russische Raketen einschlugen, muss solche Aussagen als Hohn empfinden. So macht man aus Tätern Opfer.

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Für die Angehörigen gefallener russischer Soldaten – den schwersten Opfern, von denen offensichtlich viele vorher noch nicht einmal darüber aufgeklärt worden waren, dass sie in einen Krieg ziehen, kündigte Putin finanzielle Entschädigungen an. Wer besonders heroisch zu Tode kam, dem zollte der Präsident in seiner Rede mit besonders viel Pathos Tribut: „Ich habe ein Dekret unterzeichnet, um Oberleutnant Nurmagomed Engelsowitsch Gadschima­gomedow den Titel ‚Held Russlands‘ zu verleihen – leider posthum“, sagte der Kremlchef. „Nachdem er bereits schwer verwundet war, kämpfte er bis zum letzten Schuss und zündete dann eine Granate, um sich selbst mit den Angreifern in die Luft zu sprengen. Er tat das, weil er wusste, mit wem er es zu tun hatte – mit Neonazis, die Gefangene verhöhnen und brutal töten.“

Man kann solche Aussagen als bewusste Irreführung bezeichnen, treffender ist es, von blankem Zynismus zu sprechen.

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