Klimaaktivisten treffen künftigen Kanzler: „Uns droht die Klimahölle – lässt Sie das kalt, Herr Scholz?“

Die Klimaaktivisten Lea Bonasera und Henning Jeschke (l) treffen Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und geschäftsführender Bundesminister der Finanzen, in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die Klimaaktivisten Lea Bonasera und Henning Jeschke (l) treffen Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und geschäftsführender Bundesminister der Finanzen, in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Berlin. Henning Jeschke und Lea Bonasere haben es geschafft: Die beiden Klimaaktivisten der Initiative „Aufstand der letzten Generation“ erzwangen mit drastischen Mitteln ein Gespräch mit dem wohl künftigen Kanzler, Olaf Scholz (SPD).

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Der 21-jährige Greifswalder Jeschke war im September mit anderen Aktivisten wochenlang im Hungerstreik gewesen. Zuletzt verweigerten er und seine Mitstreiterin, die 24-jährige Doktorandin Lea Bonasera auch das Trinken, bis Scholz in ein öffentliches Gespräch über die Klimakrise einwilligte. Es fand am Freitag im Berliner Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung statt.

Der Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, konnte bei dem Treffen dabei sein. Er sagte: „Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen, als Olaf Scholz das persönliche Gespräch mit Henning Jeschke und Lea Bonasera zugesagt hat. Es ging buchstäblich um Leben und Tod. Ich rechne es Scholz hoch an, dass er diesen Schritt gegangen ist und diese Zusage auch einhält.“

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Schellnhuber fühlte sich persönlich verantwortlich für die jungen Leute. „Sie haben diese radikale Protestform ja nicht zuletzt wegen der wissenschaftlichen Ergebnisse, darunter meine eigenen Forschungen, gewählt. Das ist das ethische Dilemma, das man als Wissenschaftler hat, wenn man gesellschaftlich relevante Ergebnisse produziert.“

Lea Bonasera und Henning Jeschke waren Teilnehmer des "Hungerstreiks der letzten Generation".

Lea Bonasera und Henning Jeschke waren Teilnehmer des "Hungerstreiks der letzten Generation".

Vor dem Gespräch hatten beide Klimaaktivisten von der künftigen Bundesregierung einen radikalen Kurswechsel verlangt. Sie fordern sofortiges Handeln, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit zu begrenzen.

Das Treffen findet an dem Tag statt als die Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow zu Enge gehen soll. Ein denkwürdiges Datum also auch für den Mann, der sich im Wahlkampf selbst zum Klimakanzler ernannte hatte – Olaf Scholz.

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Die drei treffen sich auf einem kleinen Podium vor der Wand der Ebert-Stiftung. Bonasera erinnert zu Beginn Scholz daran, dass die Politik die Mittel habe, Maßnahmen für mehr Klimaschutz auf den Weg zu bringen. Leider passiere das Gegenteil.

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Die Wissenschaft sage, dass das 1,5 Grad gerissen werde. In einer um 2 Grad erwärmten Welt erwarteten die Menschen Hitze, Dürren und Unwetter. „Es geht ums Überleben der Menschheit.“

„Die Lage ist ernst“, bestätigt Scholz die Einschätzung der jungen Frau. „Es müssen Lösungen dafür gefunden werden.“ Er wehrt sich gegen das Argument der jungen Leute, dass alles keinen Sinn mache, was die Politik in Deutschland tue. „Auch bei uns gibt es viele Kollegen, die sehr ernsthaft an das Thema herangehen.“

Zweifel an Scholz

Lea Bonasera bezweifelte, dass Scholz in der Lage sei, Lösungen zu finden. „Doch“, widerspricht er, „ich bin dazu in der Lage.“ Es ginge darum, Klimaschutz und wachsenden Wohlstand unter einen Hut zu bringen.

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Jeschke fragt, ob sich Scholz bewusst sei, dass Milliarden Menschen bei einer Zwei-Grad-Erwärmung an Hunger sterben würden. Er wirft dem Kanzler in spe vor, dass er sich nicht „emotional mit dem Thema verbinden“ könne. Scholz: „Ich möchte sicherstellen, dass niemand Hunger oder Durst leidet.“

Scholz sagt, dass er Politiker geworden sei, um „das zu tun, was zu tun ist“. Er wolle eine bessere Zukunft. Bonasera spricht von Doppelmoral – das eine würde gesagt, das andere würde gemacht. „Klarer Widerspruch“, sagt Scholz. Die Produktion von Strom mit Wind, Wasser oder Sonne müsse verdreifacht werden. Das gehe man jetzt an, um die Emissionen drastisch zu reduzieren.

„Es entstehen Todeszonen“

Jeschke fällt Scholz ins Wort, es ginge doch nicht um Terrawatt, sondern um die Gefährdung von Menschen weltweit. „Es werden Todeszonen entstehen, wenn wir nicht den Kipp-Punkt in drei bis vier Jahren verhindern.“

Die Klimaaktivisten Lea Bonasera (M) und Henning Jeschke (l) treffen Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und geschäftsführender Bundesminister der Finanzen, in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die Klimaaktivisten Lea Bonasera (M) und Henning Jeschke (l) treffen Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und geschäftsführender Bundesminister der Finanzen, in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Scholz sagt: „Sie verweigern sich der Zukunft und machen keine Vorschläge. Weil wir auf Erneuerbare setzen, müssen jetzt die Investitionen dafür auf den Weg gebracht werden. Bis dahin müssen wir allerdings zum Beispiel Gas einsetzen. Dazu stehe ich auch.“

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Jeschke wirft ihm vor, sich einem drastischen Sofortprogramm zu verweigern. „Während das Haus brennt, können wir nicht mit Wasserpistolen hantieren.“ Es wird zu spät sein, wenn die Politik weiter auf Langfristlösungen setze. „Das Macht den Menschen etwas vor.“

Politik ringt um Lösungen

Scholz erklärt, es ging jetzt um den größten industriellen Umstrukturierungsprozess. „Wir wollen dafür alle Möglichkeiten nutzen, um schneller zu werden. Ganz konkrete Dinge, die demokratisch abgestimmt werden müssen.“ Scholz sagt, die Linie verlaufe nicht zwischen „Ihnen und mir“, sondern „uns und denen, die den Klimawandel leugnen“. Der SPD-Politiker wirft den jungen Leuten vor, nicht anzuerkennen, dass die Politik um Lösungen ringt.

Man müsse sich über die Handlungsoptionen verständigen, bittet Scholz. Ohne Industrie könnten nicht Milliarden Menschen auf der Erde leben. Darum gilt es Technologien zu entwickeln, die dieses Leben ermöglichten.

Die Klimaaktivisten Lea Bonasera (M) und Henning Jeschke (l) treffen Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und geschäftsführender Bundesminister der Finanzen, in der Friedrich-Ebert-Stiftung

Die Klimaaktivisten Lea Bonasera (M) und Henning Jeschke (l) treffen Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und geschäftsführender Bundesminister der Finanzen, in der Friedrich-Ebert-Stiftung

„Uns droht die Klimahölle“, so Jeschke. Er wird laut. „Die Hungerkrise wird nach Europa schwappen. Lässt sie das kalt?“ Niemand hier hätte einen Plan, der die Menschen aus der Katastrophe führe. „Es geht nicht um Hoffnung, es geht ums Handeln, Herr Scholz. Ansonsten wird die Politik von der Realität überrollt. Wie soll ich das später meiner Tochter, wenn ich eine bekomme, erklären?“

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„Ich habe auch Emotionen“

Scholz sagt, er habe auch Emotionen. Er habe jedoch auch Pläne, die er gern mit den jungen Leuten besprechen wolle. Bonasera antwortet, man müsse sofort ein Gesetz auf den Weg bringen, die das Wegwerfen von Essen verhindert. Außerdem müsse umgehend die Agrarwende eingeleitet werden. „Unser Recht auf Leben werden wir durchsetzen.“

Jeschke: „Wenn jetzt nicht bis Ende des Jahres etwas passiert, werden wir Deutschland zum Stillstand bringen.“ Scholz sagt: „Seien Sie sicher, dass die neue Koalition gute Maßnahmen ergreift.“

Klimaforscher Schellnhuber sitzt im Publikum. Kann Scholz Klimakanzler? „Olaf Scholz kann ein Klimakanzler werden, die neue Regierung kann eine Klimaregierung werden“, sagt er dem RND. „Da habe ich Hoffnung. Ich kenne Olaf Scholz schon lange, Ressourcensicherheit und Umweltschutz liegen ihm am Herzen.“

Schellnhuber sagt aber auch: „Die SPD beginnt erst jetzt zu begreifen, dass soziale Gerechtigkeit auch über Generationen hinweg gedacht werden muss.“

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