Hinrichtung wegen K-Pop: Die Menschenrechtsverbrechen des Kim Jong Un

Kim Jong Un, Machthaber von Nordkorea, spricht bei einer Veranstaltung zur Feier des 76-jährigen Bestehens der Arbeiterpartei des Landes.

Kim Jong Un, Machthaber von Nordkorea, spricht bei einer Veranstaltung zur Feier des 76-jährigen Bestehens der Arbeiterpartei des Landes.

Peking. Die Menschenrechtsverbrechen des nordkoreanischen Regimes werden in den Medien nicht selten ins Groteske überzogen. Doch manche der schier unglaublichen Grausamkeiten sind im Kern wahr: Nach wie vor werden Bürger im Kim-Regime öffentlich gerichtet – und manchmal lediglich, weil diese „illegale“ Videos aus Südkorea geschaut haben.

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Die „Transitional Justice Working Group“ mit Sitz in Seoul versucht wie keine zweite NGO, die staatliche Gewalt der nordkoreanischen Regierung systematisch zu dokumentieren. Ihr geht es darum, gegen das Vergessen anzukämpfen: Sollte es irgendwann einmal zu einer Wiedervereinigung auf der koreanischen Insel kommen, sollen die Verantwortlichen des nordkoreanischen Regimes zur Rechenschaft gezogen werden und die Opfer rechtliche Anerkennung erhalten.

Für ihren aktuellen, Mitte Dezember veröffentlichten Bericht haben die Bürgerrechtler über sechs Jahre lang nahezu 700 nordkoreanische Flüchtlinge systematisch interviewt: Ihnen wurden herkömmliche Satellitenfotos ihrer Heimatstädte vorgelegt, um die wohl übelsten der staatlichen Gräueltaten nachzuvollziehen – öffentliche Hinrichtungen.

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Hinrichtungen zur Abschreckung

Viele der geflüchteten Nordkoreaner, insbesondere entlang der Grenzregionen zu China, in denen Schmuggel, Bestechung und Handel florieren, erzählen in geradezu alltäglichem Ton von Erschießungen. Diese finden meist im Freien statt, etwa auf Flugplätzen oder Feldern am Ortsrand. Oftmals müssen den Hinrichtungen nicht nur die Angehörigen der Verurteilten beiwohnen, sondern auch die gesamte Nachbarschaft – offensichtlich aus Abschreckung. „Selbst als bereits Flüssigkeit aus dem Gehirn des Verurteilten austrat, mussten die Menschen noch in Reih und Glied stehen bleiben und ihm ins Gesicht schauen“, sagt einer der interviewten Nordkoreaner in der Studie.

Allein 23 solcher öffentlichen Exekutionen kann die NGO während der Herrschaft Kim Jong Uns nachweisen. Fast alle haben sie sich in Hyesan ereignet – jenem Grenzort, den die meisten Flüchtlinge bei ihrer Route nach China zunächst passieren. Neben Drogen, Prostitution und Morden wurden in sieben Fällen die Verurteilten wegen eines scheinbar trivialen Strafbestands hingerichtet: das Schauen und Verbreiten südkoreanischer Videos.

Tatsächlich sind Informationen aus dem Ausland eine existenzielle Bedrohung für das Regime in Pjöngjang – und das nicht nur in Form von politischen Flugblättern, sondern oftmals als ganz triviale Seifenopern und K-Pop-Videos. Denn allein das Zeigen vom hochmodernen, wohlhabendem Nachbarland im Süden ist für viele der verarmten Nordkoreaner ein regelrechter Schock. Wie eine Studie des „Database Center for North Korean Human Information“ in Seoul belegt, sollen bei knapp zwei Dritteln aller Nordkoreanern, die sich später in Südkorea niedergelassen haben, Informationen aus dem Ausland mit eine Rolle beim Wunsch zur Flucht gespielt haben.

Nordkorea so brutal wie nie zuvor

Die Menschenrechtsverbrechen der letzten Jahre jenseits von einzelnen Augenzeugenberichten wissenschaftlich festzuhalten ist derzeit so wichtig wie lange nicht mehr: Denn seit der Corona-Pandemie ist das ohnehin abgeschirmte Land vollkommen verschlossen. Unabhängige Informationen dringen kaum mehr an die Außenwelt.

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Noch vor zehn Jahren zeigten sich nicht wenige Beobachter hoffnungsfroh, als Kim Jong Un nach dem überraschenden Tod seines Vaters den nordkoreanischen Diktatorensessel erklommen hatte. Sie verwiesen darauf, dass Kim Junior als Grundschüler im schweizerischen Bern lebte und dort zum Fan der US-amerikanischen Basketballliga NBA avancierte. So jemand würde sicherlich sein Land wirtschaftlich und womöglich auch politisch öffnen, hieß es.

Doch eingetreten ist praktisch das Gegenteil: Innerhalb weniger Jahre hat Kim Jong Un seine Macht durch eine stalinistische Säuberungswelle zementiert, die an Brutalität alles übertraf, was Nordkorea seit Jahrzehnten erlebt hat. 2017 ließ er mutmaßlich auch seinen Halbbruder Kim Jong Nam am Flughafen Kuala Lumpur mit Nervengas vergiften.

„Schwere humanitäre Krise“

Gleichzeitig hält Nordkoreas Machthaber weiterhin an seinem Atom- und Raketenprogramm als Lebensversicherung des Regimes fest – eine Entscheidung, die dem Land eine ökonomische Entwicklung a priori verweigert.

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Wie Nordkorea in weiteren zehn Jahren dastehen wird, fragte erst kürzlich das Fachmedium NK News mehr als 80 der führenden Beobachter des Landes. Das wahrscheinlichste Szenario ist mehr als ernüchternd: Die Bevölkerung werde eine „schwere humanitäre Krise“ und „Nahrungsmittelknappheit“ erleiden, während die politische Elite weiter sein Nuklearprogramm vorantreibt.

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