„Angriffe gegen mich“: Drosten kritisiert Medien für Interview mit umstrittenem Wissenschaftler

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin.

Hannover. Der Virologe Christian Drosten hat zwei Nachrichtenportale dafür kritisiert, dass sie dem umstrittenen Wissenschaftler Roland Wiesendanger von der Universität Hamburg und seinen Aussagen über die Herkunft des Coronavirus eine Plattform bereiten. „‚Cicero‘ bietet einem Extremcharakter die Bühne und provoziert persönliche Angriffe gegen mich durch suggestive Fragen“, schrieb der 49-Jährige auf Twitter. „Antworten werden im Andeutungs- und Wertungsbereich stehen gelassen, belastbaren Tatsachenbehauptungen ausgewichen. Das ist kein Interview, sondern ein Vorkommnis.“

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Wiesendanger stark in der Kritik

„Extremcharakter“ Wiesendanger sorgte vor rund einem Jahr mit einer Untersuchung für Schlagzeilen, in der er zum Ergebnis kam, dass sowohl Zahl als auch Qualität der Indizien für einen Labor-Unfall am virologischen Institut der Stadt Wuhan als Ursache der Pandemie sprächen. In der Kritik stand nicht zuletzt die Methodik der Arbeit – als Quellen nutzte er beispielsweise auch Youtube-Videos.

Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, legte wenig später in einem weiteren Tweet nach: „Auch auffällig: In der ‚NZZ‘ ist zeitgleich ein bis hin zu Formulierungen inhaltsgleiches Interview erschienen. Betreibt hier jemand eine Kampagne?“

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In den Interviews mit „Cicero“ und der „Neuen Züricher Zeitung“ ging es um eine angeblich gezielte Vertuschungskampagne über die Herkunft des Coronavirus, das sehr wahrscheinlich in einem Labor entstanden sei, wie Wiesendanger auch dort behauptete. Er warf Drosten vor, „wider besseres Wissen“ eine Stellungnahme unterzeichnet zu haben, die einen Laborunfall ausschließe.

Herkunft des Coronavirus ist umstritten

Als Beleg führte er eine Telefonkonferenz vom 1. Februar 2020 an. Unter den Teilnehmern sei Drosten „nachweislich“ gewesen, genau wie der US-Immunologe Anthony Fauci. „In diesem frühen Stadium – die Verbreitung von Sars-CoV-2 galt noch nicht offiziell als Pandemie – unterhielten sich die Experten auch über die mögliche Herkunft des Virus“, sagte Wiesendanger.

Ein Protokoll liege zwar nicht vor, doch „mithilfe des amerikanischen Öffentlichkeitsgesetzes (Freedom of Information Act) ist kürzlich der E-Mail-Verkehr einiger Beteiligter aus den Tagen vor und nach dem virtuellen Meeting bekannt geworden“. Demnach hätten „mehrere Virologen“ seinerzeit „die These eines Laborunfalls in Wuhan“ favorisiert. Offenbar habe einer der Teilnehmer geschrieben, „er sei ‚70:30 oder 60:40‘ für die Laborthese“.

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Die Herkunft des Coronavirus ist umstritten. Als es Ende 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan auftauchte, deutete schon vieles darauf hin, dass die Infektionen auf einem Tiermarkt ihren Ursprung nahmen. Sehr schnell hieß es, der Erreger sei wahrscheinlich von Fledermäusen über ein anderes Tier auf den Menschen übergesprungen. Nach zwei Jahren ist die Herkunft von Sars-CoV-2 aber weiter nicht zweifelsfrei geklärt.

Zwar geht ein Großteil der Wissenschaftler noch immer davon aus, dass das Virus aus der Tierwelt stammt und über Fledermäuse zu den Menschen kam – direkt oder über andere Tiere. Genannt wurden etwa Schuppentiere oder Schleichkatzen. Andere Forscher aber halten inzwischen die sogenannte Laborthese für glaubhaft: Sie vermuten, dass das Virus aus einem chinesischen Labor entwichen ist.

Nicht die erste Drosten-Kritik an Berichterstattung

„Das Labor-Leck-Szenario bekommt große Aufmerksamkeit an Orten wie Twitter“, räumte etwa Stephen Goldstein von der Universität von Utah ein. Allerdings gebe es keinen Beleg dafür, dass das Virus in einem Labor gewesen sei. Zusammen mit 20 weiteren Expertinnen und Experten hatte Goldstein deshalb in einem Artikel im Fachjournal „Cell“ dargelegt, warum er an der Annahme einer Zoonose, also einer aus der Tierwelt auf den Menschen übersprungenen Krankheit, festhält.

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Es ist indes nicht das erste Mal, dass Drosten Kritik an der Berichterstattung zu Corona übt. Bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Fernsehjournalismus im November forderte der bekannte Experte die deutschen Medien zu einer kritischen Reflexion ihrer Arbeit in der Corona-Pandemie auf. „Wir werden noch lange zu knabbern haben an der Aufarbeitung der Pandemie. Eine Nachbesinnung ist nicht nur in der Politik und der Wissenschaft, sondern unbedingt auch im Journalismus nötig“, sagte Drosten damals. „Unsere Realität ist das, was die Medien uns spiegeln.“ Hierin liege eine immense Verantwortung.

Die Journalisten sollten sich zum Beispiel fragen, wie viel Zuspitzung und Personalisierung möglich sei. „Darf es in den Unterhaltungsformen des Journalismus ein ‚Teile und herrsche‘ geben, also das Teilen von Meinungen zur Beherrschung eines Marktanteils?“, fragte Drosten. „In einer Pandemie kostet unverantwortliches Handeln Menschenleben“, mahnte er.

RND/tdi/dpa/AP

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