Uigurin berichtet über Inhaftierung: „Die Angst ist groß, aber einer muss reden“

Mihrigul Tursun (rechts) in Washington (USA).

Berlin. Wenn Mihrigul Tursun über das Schicksal der Uiguren in China spricht, dann blickt sie immer wieder nach unten. „Die Angst ist groß, aber einer muss reden“, sagt sie. Am Montagmittag hat Tursun ihr Buch „Ort ohne Wiederkehr“, das sie mit der deutschen Journalistin Andrea C. Hoffmann geschrieben hat, der Öffentlichkeit vorgestellt. Trotz ihrer Furcht wirkt die junge Frau entschlossen, die Welt über die Gräueltaten Chinas an der muslimischen Minderheit zu informieren. Über Skype ist sie der Pressekonferenz zugeschaltet.

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Psychische Gewalt und Folter

Sie hat das Unrecht selber erlebt: In dem Erfahrungsbericht auf knapp 300 Seiten schildert die Uigurin, wie sie mehrmals in sogenannten Umerziehungslagern in der chinesischen Provinz Xinjiang inhaftiert worden war. Tursun, die in China geboren wurde, lebte während ihres Studiums in Ägypten. Dort traf sie ihren Mann, mit dem sie Drillinge bekam. 2015 reiste sie zurück nach China, wurde von ihren Kindern getrennt und in das Lager gesperrt. Während ihrer Haft erlebte sie physische und psychische Gewalt und Folter.

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Eines ihrer kleinen Kinder kam zur gleichen Zeit ums Leben. Wie es zum Tod des Jungen kam, ist ungeklärt. Im Laufe der Jahre wurde die Uigurin zwei weitere Male inhaftiert. Später durfte sie mit ihren zwei Kindern wieder nach Ägypten ausreisen. Seit 2018 lebt sie im US-amerikanischem Washington im Exil. Doch selbst in den USA fühlt sie sich nicht sicher, erzählt Tursun. Die Überwachung der chinesischen Regierung gehe über die Grenzen Chinas hinaus.

Mindestens eine Million Inhaftierte

In Xinjiang sind nach Schätzungen von Menschenrechtlern etwa eine Million Angehörige muslimischer Minderheiten inhaftiert. Die Regierung in Peking wirft uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor. Kritiker sprechen von sogenannten Umerziehungslagern, in denen Uiguren mit teils brutalen Mitteln auf die Linie der kommunistischen Partei gebracht werden sollen.

Das Beispiel von Frau Tursun ist eines von Millionen.

Michael Brand, Menschenrechtsexperte der Unionsfraktion

So kommt es Menschenrechtlern zufolge auch zum Einsatz von Zwangssterilisationen und Abtreibungen, um die Geburtenraten der Uiguren zu beschränken. Peking nennt sie Berufsbildungseinrichtungen, die von den Insassen freiwillig besucht würden.

Eigentlich sollte auch der designierte CDU-Chef Friedrich Merz das Buch der Aktivistin präsentieren. Er habe sich jedoch um den Parteitag der CDU, der am Samstag stattfindet, kümmern müssen, heißt es. Anstelle von Merz war der Menschenrechtsexperte der Unionsfraktion, Michael Brand, anwesend.

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In der freien Welt müsse über die Situation der Uiguren gesprochen werden, ließ Merz über seinen Kollegen unter anderem mitteilen. „Das Beispiel von Frau Tursun ist eines von Millionen“, machte auch CDU-Politiker Brand deutlich. Niemand könne bei über einer Million internierter Menschen sagen, man habe davon nicht gewusst.

Die Co-Autorin Hoffmann hat mehrere Jahre als Auslandskorrespondentin für das Magazin Focus gearbeitet. Sie zeigt sich entsetzt über Chinas Methoden: „Wir haben es mit einer High-Tech-Nation zu tun (...), die diese Verbrechen systematisch verübt.“ Dass ein super organisierter Staat dies so kaltschnäuzig durchführe, sei im Moment beispiellos in der Welt. „Das hat mich besonders erschüttert.“

Wie soll der Westen auf die Verfolgung der Uiguren und China reagieren? Für Brand ist klar: „Wir sind drei Wochen vor den Olympischen Spielen, und es gibt überhaupt keinen Grund, bei einem Fest von Frieden und Verständigung sich neben die zu stellen, die Foltern und Töten lassen.“ Auch die Uigurin Tursun wünscht sich eine klare Haltung des Westens gegenüber China. Die Welt und Europa sollten die Olympischen Winterspiele boykottieren, fordert sie.

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