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In drei Stufen zur Destabilisierung der EU

Putins Drehbuch: Weizenkrise, Hungerkrise, Flüchtlingskrise

Kann er das, was da wächst, zur Waffe machen? Wladimir Putin und der Weizen.

Getreidesilos sind groß, und sie können nicht weglaufen. So ist jetzt auch für mittelmäßige Schützen der russischen Artillerie mal jeder Schuss ein Treffer.

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Landauf, landab zerstören Wladimir Putins Truppen derzeit die landwirtschaftliche Infrastruktur der Ukraine – der viel zitierten Kornkammer Europas.

Vorzugsweise werden „grain elevators“ ins Visier genommen, sogenannte Getreideheber, die zum Be- und Entladen von Lastwagen, Zügen oder Schiffen dienen. Die russische Armee findet sie vielerorts auf dem Land, in der Nähe größerer Agrarbetriebe, aber auch an Bahnhöfen und Häfen.

Russische Granaten treffen einen Getreideheber in Dnipro: Diese Bilder zeigte der amerikanische Fernsehsender CBS seinen Zuschauerinnen und Zuschauern am Wochenende.

Russische Granaten treffen einen Getreideheber in Dnipro: Diese Bilder zeigte der amerikanische Fernsehsender CBS seinen Zuschauerinnen und Zuschauern am Wochenende.

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Viele dieser Einrichtungen waren auf dem neuesten Stand der Technik. Im ostukrainischen Rubischne etwa betrieb die Firma Golden Agro eine Hightechanlage zur maschinellen Sortierung von Weizen, mit Expressanalysen, Getreidetrocknern, Separatoren und automatischen Waagen. In diesem Fall investierte die russische Armee in einen besonders aufwendigen Raketenangriff: Vom gesamten Komplex, erst im Jahr 2020 eröffnet, blieben danach nur rauchende Krater.

Russland macht aus Weizenfeldern Minenfelder

Mitunter schießen die Russen aber auch einfach nur Bauernhöfe und Scheunen in Brand und legen Minen in Weizenfelder.

Ukrainische Bauern und Bäuerinnen leben derzeit gefährlich, auch in Regionen, die nur zeitweilig von Russen besetzt waren. Bei Butscha etwa geriet ein Landwirt dieser Tage mit seinem Traktor in eine Sprengfalle, er überlebte. Minenräumer sind derzeit überall im Land unterwegs, mit Hunden und Drohnen suchen sie auf den Feldern nach Sprengsätzen.

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Die Welt wird nun abermals Zeuge eines monströsen Völkerrechtsbruchs durch Russland. Zwar treten die Attacken auf den Agrarsektor zurück hinter das Entsetzen angesichts von willkürlichen Erschießungen wehrloser Zivilistinnen und Zivilisten und der wahllosen Bombardierung von Wohnhäusern. Die Addition der Gräueltaten darf aber nicht zu Unschärfen bei der Gesamtbetrachtung führen.

Ein Kriegsverbrechen wird zum Kriegsziel

Die Zerstörung von Lebensmitteln und von landwirtschaftlichen Geräten ist ein Kriegsverbrechen. Verboten wurden solche Handlungen schon 1949, in der Genfer Konvention zum Schutz der Zivilbevölkerung.

Für Putin indessen ist das Kriegsverbrechen das Kriegsziel: Die Ukraine, bis eben noch einer der größten Weizenproduzenten der Erde, soll niemandem mehr Weizen liefern können. Deshalb lässt er nicht nur ukrainische Silos zerschießen und ukrainische Felder verminen, er blockiert auch die ukrainischen Häfen in Mariupol und Odessa.

„Putin plant einen Kornkrieg“, warnte Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock schon Mitte Mai, beim G7-Außenministertreffen in Weißenhäuser Strand an der Ostsee.

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Annalena Baerbock am 14. Mai bei der Abschlusspressekonferenz des G7-Außenministertreffens in Weißenhaus.

Annalena Baerbock am 14. Mai bei der Abschlusspressekonferenz des G7-Außenministertreffens in Weißenhaus.

Damals runzelten viele Normalbürger und ‑bürgerinnen die Stirn. Kornkrieg? Was soll das sein? Auch Experten waren sich da anfangs nicht ganz einig. Wollte Russland, das in diesem Jahr eine Rekordweizenernte erwartet, sich einfach einen Marktvorteil verschaffen?

Inzwischen werden Putins Pläne immer klarer erkennbar – und lassen westliche Strategen frösteln. Offensichtlich will Putin nicht nur der Ukraine schaden. Es geht um etwas anderes, sehr viel Größeres.

In drei Stufen zur Destabilisierung der EU

Das Szenario lässt sich als Drei-Stufen-Plan darstellen:

  1. In einer ersten Phase setzt Putin auf dramatische weltweite Preissteigerungen für Weizen. Dieser Prozess ist bereits im Gang. Vor einem Jahr lag der Weizenpreis bei 210 Euro pro Tonne. Gleich in den ersten Tagen nach Russlands Einmarsch in der Ukraine schoss er auf über 400, derzeit liegt er bei 422 Euro pro Tonne.
  2. Mit Blick auf die USA und die EU hofft Putin auf eine zunehmende Ukraine-Müdigkeit („ukraine fatigue“), einen wachsenden Unmut der Bürger und Bürgerinnen in der westlichen Welt nicht ihm gegenüber, sondern gegenüber den Preissteigerungen und den jeweiligen eigenen Regierungen. Russland wird in seiner weltweiten Propaganda dem Westen die Schuld an der Weizenkrise geben. China exerziert diese orwellianische Verdrehung der Tatsachen bereits vor. Pekings Staatszeitung „Global Times“ schreibt, der Westen habe in seiner „gierigen und bösen Natur“ die Weizenkrise selbst herbeigeführt: durch seine Waffenlieferungen an die Ukraine.
  3. In den ärmsten Ländern der Welt wird sich die Weizenkrise viel dramatischer niederschlagen als in der EU und in den USA. Im Nahen Osten und in Afrika drohen Hungersnöte, Unruhen, zunehmende Hoffnungslosigkeit – und neue Flüchtlingsströme. Das Mittelmeer dürfte zum Schauplatz neuer Dramen werden, wie im Jahr 2015. Damals waren Millionen Syrerinnen und Syrer vor den erbarmungslosen Bombardierungen durch Putins Luftwaffe geflohen. Diesmal könnten, obwohl Putin nur indirekt den Anstoß gibt, noch viel mehr Menschen vor Verzweiflung die Flucht wagen.
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Machtgewinn durch Massenelend

Für Putin war schon das Massenelend des Jahres 2015 politisch von Vorteil, es festigte seine Position als starker Mann und ließ die EU schwach erscheinen. Während der damaligen Flüchtlingswelle wuchs quer durch Europa die Angst vieler Menschen vor Verarmung – die sich dann in Fremdenhass und Nationalismus niederschlug. Nationalistische Kräfte wie die AfD in Deutschland und Le Pen in Frankreich wurden stärker. Im Jahr 2016 ergab sich in Großbritannien sogar eine Mehrheit für den Brexit – das war Putins größter historischer Triumph, nur noch übertroffen durch die im gleichen Jahr von ihm geförderte Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten.

Sein eigenes Land sieht Putin auch in der Szenerie einer Nahrungsmittelkrise am längeren Hebel. Russland, größter Weizenexporteur der Welt, könnte künftig, Methode Gazprom, das Wohlverhalten einzelner Länder Moskau gegenüber mit preisgünstigen Lieferungen belohnen.

Viele Menschen weisen spontan den Gedanken von sich, Putin könne tatsächlich derartig zynische Pläne hegen. Auch ist die Vorstellung schwer erträglich, dass im Kreml ein Machthaber sitzt, der sich anmaßend gebärdet wie der klassische – halb geniale und halb verrückte – Ganove im James-Bond-Film, der kichernd nach der Weltherrschaft greift.

Scholz zapft bislang nur Softeis

Putin-Kenner aber warnen davor, nun schon wieder, wie vor dem Einmarsch in die Ukraine, den Machtwillen des Mannes im Kreml zu unterschätzen.

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„Putin versucht gezielt, Hungerkrisen im Nahen Osten und in Nordafrika zu erzeugen“, warnte der frühere deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, in einem am Wochenende erschienenen „Tagesspiegel“-Interview. „Mit neuen Flüchtlingsströmen will er Europa destabilisieren und politischen Druck aufbauen, damit westliche Staaten ihre harte Haltung gegen Russland aufgeben.“

Düstere Warnungen vor Putins Plänen: Deutschlands früherer Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch (2015).

Düstere Warnungen vor Putins Plänen: Deutschlands früherer Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch (2015).

Der britische „Telegraph“ drückte es noch härter aus: „Putin versucht, die Welt durch Aushungern zu unterwerfen.“ Und der „Independent“ schreibt: „Entweder bricht der Westen Russlands Weizenblockade – oder die Welt wird hungern.“

Deutschlands Kanzler Olaf Scholz, in diesem Jahr Gastgeber der G7-Runde, wird nicht umhinkommen, das Thema zu bearbeiten. Ende Juni, beim Gipfel auf Schloss Elmau, dürfte die Weizenkrise das Topthema sein. Bislang aber zapft Scholz nur Softeis. Nach seinem jüngsten Telefongespräch mit Putin erklärte Scholz, er habe „auf die Verantwortung Russlands für die globale Lebensmittellage hingewiesen“.

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Das Absurde ist: Es ist genug Weizen da

Allein mit einem Weichzeichner wird das Problem nicht aus der Welt zu schaffen sein. Dringend nötig ist eine druckvolle weltweite Initiative mit dem Ziel, dass Russland die Blockade der ukrainischen Häfen aufgibt.

Sollte dies nicht klappen, wäre die Zahl der Betroffenen gigantisch. In 45 Staaten der Erde deckt derzeit die Ukraine mindestens ein Drittel des Bedarfs an Weizen. Sollten die Lieferungen blockiert bleiben, drohen Preiserhöhungen, die viele Familien binnen kurzer Zeit Richtung Hunger führen werden. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen sieht aktuell 276 Millionen Menschen in diese Unsicherheit rutschen.

Das Absurde ist: Es ist genug Weizen da. In der Ukraine stecken derzeit 25 Millionen Tonnen fest. Allein in Odessa warten 57 bereits gefüllte Schiffe abfahrbereit im Hafen. So stellt sich jetzt eine Frage, bei der es um weit mehr geht als die Ukraine.

Es geht, leider, um die Zukunft auf diesem Planeten. Lässt die Weltgemeinschaft eine unnötige globale Hungerkrise zu wegen der Machtgelüste eines einzelnen Herrn in Moskau?

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