Wegen Krieg und Energiekrise

Präsident des Zentralrats der Juden rechnet mit Zunahme von Antisemitismus im Herbst

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, rechnet damit, dass die deutschen Juden im Herbst ins Visier von „Querdenkern“ und Corona-Leugnern geraten, wenn es im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine und die dadurch entstehende Energiekrise zu Protesten kommen sollte. „Sie haben im Zusammenhang mit Corona derzeit keine nennenswerte Plattform“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Aber dafür gibt es den Ukraine-Krieg und, was mir noch viel mehr Sorgen macht, die Energiekrise. Wenn es im Winter kalt wird, wird diese Szene angreifen und, wie ich befürchte, Erfolg haben. Wenn es Probleme gibt, wird das Minderheiten angelastet. Da sind Juden immer dabei.“ Man müsse „diese Szene im Herbst im Blick behalten“ und „wachsam bleiben“.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

In der jüdischen Gemeinde sorge der Krieg in der Ukraine hingegen wider Erwarten nicht für Konflikte. „Wir haben zwar zahlreiche Mitglieder sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland, die nach 1990 gekommen sind“, sagte Schuster. „Das sind von den insgesamt rund 92.000 Menschen jeweils ungefähr 35.000. Ich hatte ein bisschen Sorge, dass sich dieser Konflikt in die Gemeinden fortpflanzt. Das ist aber nicht geschehen.“ Auch die Menschen aus Russland hätten „klar erkannt, was los ist. Es gibt in den Gemeinden eine große Einigkeit pro Ukraine.“

Empörung über documenta-Skandal

Schuster hat sich angesichts des Antisemitismusskandals bei der documenta in Kassel zudem nachhaltig enttäuscht gezeigt. Bei der weltweit beachteten Ausstellung waren trotz Warnungen im Vorfeld eindeutig antisemitische Kunstwerke ausgestellt und später teilweise wieder entfernt worden.

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„Wir haben bereits im Frühjahr im Hinblick auf das Künstlerkollektiv ‚Ruangrupa‘, das die documenta kuratiert, die Sorge geäußert, dass es zu israelbezogenem Antisemitismus kommen könnte. Und ich bin immer noch enttäuscht, dass wir daraufhin nicht die Unterstützung bekommen haben, mit der wir gerechnet hatten“, sagte er dem RND und bezog dabei die Kulturstaatsministerin Claudia Roth ein. „Bei meinem ersten Gespräch mit Frau Roth, die ich aus bayerischen Zusammenhängen seit Langem kenne, habe ich sehr deutlich auf unsere Sorge hingewiesen – und zwar im Februar bei einem Gespräch im Kanzleramt. Ich habe ihr dann nach zwei Monaten, im April, noch einmal geschrieben. Der Tenor des Briefs lautete: Da muss etwas getan werden. Sonst steht uns ein GAU ins Haus.“

Trist und fast wie ein Friedhof: Das Areal, in dem das inzwischen abgehängte Wimmelbild der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi sowie Hunderte von bunten Pappfiguren gezeigt wurden. Die Documenta ließ das hausgroße Gemälde erst verhüllen, dann nach Protesten abnehmen.

Nächster Skandal? Die documenta feiert palästinensischen „Befreiungskampf“

Droht da der nächste Ärger für die documenta? Im offiziellen Filmprogramm werden kritiklos palästinensischer Befreiungskampf und „antiimperialistische Solidarität“ gefeiert. Eine Bestandsaufnahme.

Roth habe bei einem erneuten Gespräch im Mai „gesagt, ihr sei zugesichert worden, dass es dazu nicht kommen werde“. Dennoch seien eindeutig antisemitische Bilder aufgetaucht. „Das hat meine kühnsten Albträume übertroffen“, sagte Schuster. Vielleicht sei sie „zu blauäugig“ gewesen und „hintergangen worden“. Allerdings hätten auch die hessische Kunstministerin Angela Dorn, die ebenfalls den Grünen angehört, und Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) die Warnungen zunächst entweder „abgetan“ oder „überhaupt nichts verstanden“ und der Stadt damit „letztlich einen Bärendienst erwiesen“.

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Was ihn am meisten erschrecke und erschüttere, sei, dass Bilder nun wieder ausgestellt würden mit der Begründung, sie seien juristisch nicht angreifbar, so der Zentralratspräsident. „Denn es hat doch kein Mensch gesagt, dass dieser Antisemitismus strafrechtlich relevant ist. Aber Antisemitismus beginnt eben deutlich unter dieser Grenze.“

Auch wenn diese documenta keinen Ruhmesplatz in der Geschichte einnehmen wird, hoffe ich, dass hier und im gesamten Kulturbetrieb verstanden wird: Antisemitismus darf keinen Platz haben.

Josef Schuster,

Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Der 68-Jährige betonte: „Auch wenn diese documenta keinen Ruhmesplatz in der Geschichte einnehmen wird, hoffe ich, dass hier und im gesamten Kulturbetrieb verstanden wird: Antisemitismus darf keinen Platz haben. Ich hoffe, dass man bei der Auswahl der nächsten Kuratoren für 2027 etwas lernt.“

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