Shimao und Evergrande

Nächster Immobilienriese vor Insolvenz: Chinas Baubranche kommt nicht aus der Krise

Die chinesische Immobilienbranche mit einem Volumen von 10 Billionen Yuan (1,5 Billionen US-Dollar) und einer Vielzahl von Teilsektoren in der gesamten Lieferkette ist eine wichtige Stütze der Wirtschaft.

Shanghai. Nun ist der nächste Immobilienriese gefallen: Shimao, bekannt für seine exklusiven Wohnanlagen und noblen Hotelobjekte, hat am Sonntag eine Zahlungsfrist für Anleihen in Höhe von über einer Milliarde Dollar verstreichen lassen. Vor der Hongkonger Börse rechtfertigte sich der Bauträger mit „Marktunsicherheiten“ und „schwierigen Betriebs- und Finanzierungs­bedingungen“.

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Immerhin zwei Gläubiger sollen sich bislang bereiterklärt haben, dem Shanghaier Konzern Shimao eine Atempause zu verschaffen und bestehende Fristen zu verlängern.

Seit nunmehr zwei Jahren schlängelt sich Chinas aufgeheizter Immobiliensektor von einer Krise zur nächsten, bislang ohne Hoffnung auf nachhaltige Entspannung. Insbesondere die Tragödie rund um den mittlerweile zahlungsunfähigen Marktführer Evergrande, der mit über 300 Milliarden Dollar als am höchsten verschuldetes Unternehmen der Welt Bekanntheit erlangte, sorgte weltweit für Schlagzeilen.

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Seither ist die mediale Aufmerksamkeit zwar abgeebbt, doch das Problem ist keineswegs verschwunden: Etliche weitere Immobilien­unternehmen mussten seither das Handtuch werfen, und sie werden wohl längst nicht die letzten sein.

Ernteerträge als Ratenzahlungen

Insbesondere die flächendeckenden Lockdowns in der ersten Jahreshälfte 2022 haben dazu geführt, dass vor allem in den wohlhabenden Ostküsten­metropolen Eigenheimkäufe nahezu vollständig zum Erliegen gekommen sind. Und ohnehin ist die Bevölkerung im dritten Jahr der Null-Covid-Strategie zutiefst verunsichert und zehrt von ihrem Ersparten.

Die Baubranche bekommt dies überproportional zu spüren: Laut Medienberichten sind etwa kleinere Immobilien­entwickler in den Provinzen dazu übergegangen, dass sie von ihren Kundinnen und Kunden auch landwirtschaftliche Ernteerträge als Ratenzahlungen akzeptieren, falls diese nicht liquide sind.

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Die Probleme liegen tiefer

Doch die Pandemie ist nur ein Beschleuniger von strukturellen Problemen, die wesentlich weiter zurückreichen. Chinas Immobilienbranche, die laut Schätzungen indirekt bis zu einem Drittel der nationalen Wirtschaftsleistung ausmacht, hat seit den Neunzigerjahren einen anhaltenden Boom erfahren. Die weltweit größte Bevölkerung zog in Massen von ländlichen Gegenden in die großen Städte, wo jedes Jahr mehrere Millionen von bitterer Armut in die Mittelschicht aufstiegen.

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Firmen wie Evergrande, Fantasia und Shimao bauten dafür die passenden Wohnungen: riesige Apartmentsiedlungen, die sich entlang der ausfransenden Metropolen wie Dominosteine bis zum Horizont aneinanderreihen.

Evergrande erlangte als mit über 300 Milliarden Dollar als am höchsten verschuldetes Unternehmen der Welt Bekanntheit.

Evergrande erlangte als mit über 300 Milliarden Dollar als am höchsten verschuldetes Unternehmen der Welt Bekanntheit.

Doch die Goldgräber­stimmung führte zu immer mehr Gier und Größenwahn. Kredite wurden leichtfertig ausgegeben, das System konnte irgendwann nur mehr unter wachsenden Schulden aufrechterhalten werden. Der Markt war irgendwann derart aufgeheizt, dass nicht wenige Fachleute vor einer platzenden Blase warnten.

Staatschef griff 2020 schon ein

Verstärkt wurde die Entwicklung auch von den riesigen Summen an Privaterspartem, das die chinesische Mittelschicht in Eigenheimen parkte – oft aus Mangel an alternativen Investitions­möglichkeiten. Riesige Geisterstädte aus leer stehenden Zweitwohnungen und Bürogebäuden waren die Folge. Die Preise für Neubauten stiegen in die Höhe, während die Kaufkraft der Bevölkerung längst nicht mehr mithalten konnte.

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2020 schritt Chinas Staatschef Xi Jinping schließlich mit neuen „roten Linien“ für die Immobilien­unternehmen ein. Die Regierung verschärfte die gesetzlichen Anforderungen zur Kreditvergabe deutlich. Doch es dauerte nur wenige Wochen, ehe die ersten Bauträger zu straucheln begannen – und Zahlungsfristen verstreichen ließen. Dies verunsicherte die Banken und nicht zuletzt besorgte Anlegerinnen und Anleger zunehmend. Schließlich konnten auch sie sich nicht mehr blind darauf verlassen, dass notfalls der Staat als finanzieller Retter einspringen würde.

Chinas Präsident Xi Jinping verließ vergangene Woche erstmals seit Beginn der Pandemie wieder seine "No-Covid-Bastion" und besuchte zuerst Hongkong.

Chinas Präsident Xi Jinping verließ vergangene Woche erstmals seit Beginn der Pandemie wieder seine "No-Covid-Bastion" und besuchte zuerst Hongkong.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Zumindest mit einigen Hilfsmaßnahmen möchte Peking die Baubranche unterstützen, damit sie wieder auf die Beine kommt. Im letzten halben Jahr hat die chinesische Zentralbank etwa die Kreditbeschränkungen wieder gelockert und die Hypothekenzinsen gesenkt. Doch dass die Krise ganz ohne schmerzliche Reformen nicht gelöst werden kann, zeigt die aktuelle Zahlungsunfähigkeit von Shimao, das unter den größten Immobilienentwicklern des Landes immer auf Platz 14 steht.

Der 2001 vom Milliardär Hui Wing Mau gegründete Konzern hat unter anderem Wolkenkratzer in Shanghai errichtet und betreibt in sämtlichen Ostküstenmetropolen riesige Luxuswohnanlagen. Doch schon länger ist der Konzern angeschlagen, der Schuldenberg hat sich laut Schätzungen von Bloomberg auf über 10 Milliarden Dollar angehäuft. Die in Hongkong gehandelte Shimao-Aktien sind im letzten Jahr um 75 Prozent abgestürzt, ehe der Handel Ende März 2022 suspendiert wurde.

Vorbild Schweden: Können Häuser aus Bäumen unsere Wohnungsnot lindern?

400.000 Wohnungen sollen in Deutschland in den nächsten Jahren jährlich gebaut werden. Doch heute schon ist der Bausektor für 40 Prozent des CO₂-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich. Im Trend sind deshalb Häuser, die ganz oder in Teilen aus Holz bestehen. Ist das ein massentaugliches Modell für die Zukunft?

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Mit der sich nun etwas entspannenden Corona-Lage in China lässt sich zumindest ein Hoffnungsschimmer für die Immobilienbranche ausmachen. Eigenheimverkäufe haben in den führenden Metropolen im Juni um bis zu einem Drittel wieder angezogen. Anders hingegen sieht es in den Provinzen aus: Dort sind die Immobilienpreise im Jahresvergleich um teilweise über 40 Prozent eingebrochen.

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