„Lustig, wenn es nicht so tragisch wäre“

Selenskyj-Interview: „Haben Paradeuniformen in russischen Konvois gefunden“ – Russland stoppt Veröffentlichung

Wolodymyr Selenskyj.

Moskau. „Das ist nicht nur ein Krieg. Alles ist viel schlimmer.“ Mit diesem Titel veröffentlichte das russische Medienportal Meduza am Sonntagabend ein Interview mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj - entgegen den Vorgaben der russischen Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor. Es ist das erste Interview, das Selenskyj russischen Medienvertretern seit Beginn des Krieges in der Ukraine gegeben hat. Darin spricht Selenskyj über die Beziehungen zwischen Russen und Ukrainern, die Geschehnisse im Krieg und die westlichen Sanktionen gegenüber Russland.

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Auch zu den russischen Kriegszielen und äußerte sich der ukrainische Präsident:

Wissen Sie, dass wir die Ausgehuniformen des (russischen, Anm. d. Red.) Militärs gefunden haben? Es ist sehr lustig, wie sie sich vorbereitet haben. Lustig, wenn es nicht so tragisch wäre.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

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Die russische Armee hätte eine „Parade auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew am dritten oder vierten Tag des Krieges“ geplant, so Selenskyj. Aus westlichen Kreisen heißt es häufig, Russlands Präsident Wladimir Putin habe die Invasion in die Ukraine unterschätzt – besonders den Widerstand der Ukrainer und die geeinten Sanktionen des Westens. Nun stocken die russischen Vormärsche in weiten Teilen der Ukraine, die Streitkräfte kämpfen mit Versorgungsproblemen und es werden Verluste in Höhe von 16.000 Soldaten gemeldet.

Selenskyj warf Russland außerdem vor, die Friedensverhandlungen nun absichtlich zu Verzögern. Gleichzeitig forderte er erneut einen Abzug russischer Truppen von ukrainischem Territorium. Erst dann könne es Sicherheitsgarantien für die Ukraine geben, die wiederum Grundlage für den von Moskau geforderten Nato-Verzicht der Ukraine seien, sagte der ukrainische Staatschef. Selenskyj erneuerte außerdem seine Ankündigung, dass über einen möglichen neutralen Status der Ukraine letztendlich nur die ukrainischen Bürger per Referendum entscheiden könnten.

Das Interview des ukrainisches Präsidenten sorgt bei der russischen Medienaufsicht für besonders großen Unmut. Die Behörde Roskomnadsor will die Veröffentlichung eines Interviews mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verhindern. „Roskomnadsor benachrichtigt russische Medien über die Notwendigkeit, von der Veröffentlichung des Interviews abzusehen“, teilte die Behörde am Sonntag in Moskau mit. Roskomnadsor kündigte zudem eine Überprüfung aller Medien an, die das Selenskyj-Interview führten, um „das Ausmaß der Verantwortung und Reaktionsmaßnahmen“ zu bestimmen. Russlands Generalstaatsanwaltschaft kündigte zudem eine „rechtliche Bewertung des Inhalts der veröffentlichten Äußerungen“ an.

Zunehmende Repressionen gegen Medien und Journalisten

Besonders das Portal Meduza könnte nun mit härteren Repressionen rechnen. Geführt wurde das Interview zwar von mehreren Medienvertretern, darunter ein Reporter der bekannten Moskauer Tageszeitung „Kommersant“ und Vertreter der Medien Meduza und Doschd, deren Seiten in Russland allerdings ohnehin bereits blockiert sind. Das Portal Meduza veröffentlichte das rund anderthalbstündige Interview jedoch trotz der Warnung der Medienaufsicht am Sonntagabend auf seiner Seite, die etwa über alternative Internetverbindungen und aus dem Ausland weiter zu erreichen ist.

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Der Chefredakteur des ebenfalls bereits geschlossenen Radiosenders Echo Moskwy, Alexej Wenediktow, kritisierte auf Telegram, dass die russische Medienaufsicht nicht einmal Gründe für ihr Vorgehen nannte. Selenskyj sei immerhin der legitime Präsident der Ukraine - das habe auch der Kreml stets bekräftigt, schrieb Wenediktow.

Journalisten und Aktivisten beklagen seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine am 24. Februar verstärkte Repressionen, denen kritische Medien ausgesetzt sind. Ein neues Mediengesetz sieht etwa bis zu 15 Jahre Haft für angebliche Falschnachrichten über Russlands Streitkräfte vor.

Die Medienaufsicht veröffentlichte ihre jüngste Warnung auch auf Telegram. Dort hat sie ein Z in ihrem ansonsten kyrillisch geschriebenen Namen gegen den lateinischen Buchstaben ausgetauscht und führt den Kanal nun unter der Bezeichnung RoskomnadZor. Das Z ist ein von Befürwortern des Kriegs genutztes Symbol und steht für „Za Pobedu“ - „Für den Sieg“.

RND/hyd/dpa

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