„Etwa 12.000 bis 14.000 sind gestorben“

Kreml räumt erhebliche Truppenverluste ein: Gehen Putin die Soldaten aus?

Russische Soldaten sitzen in der Stadt Armjansk im Norden der Krim auf einem Militärlastwagen.

Russische Soldaten sitzen in der Stadt Armjansk im Norden der Krim auf einem Militärlastwagen.

Russland hat erstmals „erhebliche“ Truppenverluste in der Ukraine eingeräumt. „Das ist eine große Tragödie für uns“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow überraschend in einem TV-Interview bei „Sky News“. Wie viele Soldaten tatsächlich gestorben oder verwundet sind, sagte Peskow nicht. Russland hatte zuletzt von 1351 getöteten Soldaten gesprochen. Militärexperten rechnen aber mit zehnmal so vielen Toten.

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Die Nato geht von etwa 40.000 russischen Soldaten aus, die getötet oder verwundet wurden. Der britische Militärstratege Lawrence Freedman und der Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) halten diese Größenordnung für realistisch. „Etwa 12.000 bis 14.000 sind gestorben, und ungefähr 25.000 bis 30.000 verletzt und kampfunfähig – das ist sehr viel“, sagte Gressel im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Bei den Kampftruppen sehen wir besonders viele Verluste, zum Beispiel bei den Fallschirmjägern, Motschützen in der Panzertruppe, bei Kampfunterstützungstruppen wie der Artillerie und der Fliegerabwehr.“

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Laut Mark Hertling, Ex-Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, seien besonders an der Frontlinie viele Soldaten gestorben. 30 bis 50 Prozent Verluste müsse Russland an der Front hinnehmen. Die Truppen seien seit sechs Wochen in intensive Kämpfe verwickelt, so Hertling, und das habe physische, mentale und psychologische Spuren bei den Soldaten hinterlassen. „Diese Truppen sind meines Erachtens erledigt.“

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Zuletzt hatten sich die russischen Streitkräfte aus der Region Kiew zurückgezogen und eine Neuorganisierung der Truppen begonnen. Freedman betonte zudem die hohen Verluste bei der Ausrüstung russischer Truppen: „Es ist beispielsweise bekannt, dass 425 Panzer zerstört, beschädigt, aufgegeben oder erbeutet wurden.“ Hertling schätzt die Zahl der kampfunfähigen Panzer sogar auf etwa 700. Laut Gressel seien auch die Waffendepots der Russen in keinem guten Zustand. „Funktionsfähige Panzer sollen ausgeschlachtet worden sein, weil man Ersatzteile brauchte.“ Es gebe Berichte über Korruption und Missmanagement. Aber die russischen Bestände seien trotzdem enorm, und selbst wenn nur noch 10 Prozent einsatzbereit seien, wäre Russland der Ukraine damit weit überlegen. Allein 10.000 Kampfpanzer habe Russland offiziell auf Lager.

Kiew steht derweil vor dem Problem, dass Russland die ukrainische Verteidigungsindustrie durch gezielte Luftangriffe beinahe komplett zerstört hat. Die Ukraine hatte bisher viele Waffen für den Krieg selbst hergestellt, wie den wichtigen Kampfpanzer T-64 und den Mannschaftstransportpanzer BTR-4. Russland hat auch die Werke zur Wartung der Militärfahrzeuge zerschossen. „Der Westen liefert zwar mehr Waffen, aber das gleicht gerade einmal die Verluste der zerstörten ukrainischen Waffenindustrie aus“, so die Einschätzung des Militärexperten Gressel. „Von vielen Waffen verfügt die Ukraine nur noch über Restbestände, langsam geht ihr die Munition aus.“

Wehrpflichtige könnten Lücken stopfen

Dass Russland einen neuen Angriffsversuch auf Kiew unternehmen wird, glaubt Gressel nicht. „Dafür bräuchte Russland viel mehr Soldaten, und inzwischen hat auch die ukrainische Seite mobilgemacht, mehr Truppen rekrutiert und neue Waffen zur Verteidigung erhalten.“ Dagegen hätten Angriffe im Donbass für Russland den Vorteil, dass die Nachschublinien durch die Eisenbahn gut angebunden und Einmarschwege gesichert seien. Das Gelände im Donbass sei einfacher zu beherrschen, so Gressel, als die Region rund um Kiew mit den vielen Feuchtgebieten.

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Für den neuen Angriff braucht Russland allerdings neue Soldaten, sind sich Militärexperten einig. Freedman fürchtet mit Verweis auf die am 1. April eingezogenen Wehrpflichtigen, dass der Kreml viele von ihnen auch in die Ukraine schicken wird. „Aber es ist außerordentlich riskant, unwillige junge Männer ohne Ausbildung in den Kampf zu schicken“, gab er zu bedenken.

Gressel verwies darauf, dass Russland von den ehemaligen Wehrpflichtigen nun 60.000 neue Soldaten rekrutieren konnte. Diese Information stammt zwar von der Ukraine, der Experte hält die Größenordnung aber für plausibel. „Diese neuen Soldaten können in etwa die Verluste im Krieg gegen die Ukraine auffüllen und dort Lücken stopfen, wo es bisher Defizite gab.“ Dies betreffe vor allem die Bereiche Logistik und Instandhaltung. „In wenigen Tagen wird Russland mit diesen neuen Kräften eine große Offensive im Donbass starten“, ist sich der Experte sicher. Vor allem in Charkiw und Cherson sei mit neuen Kämpfen zu rechnen.

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