Interview mit Markus Lanz

Joachim Gauck: „Nicht vor den Gewissenlosen kapitulieren“

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck (Archivbild)

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck (Archivbild)

Berlin. Nur noch diese Woche - dann steht für Markus Lanz die Sommerpause an. In seiner vorletzten Sendung vor dem Ferienstart begrüßte der Moderator am Mittwochabend noch einen Gast, dessen Wort gewichtig genug ist, um auf weitere Diskussionsteilnehmer zu verzichten: Mit dem einstigen Bundespräsidenten Joachim Gauck bestritt Lanz den etwa 70-minütigen Talk alleine. Das bedeutete das Ausbleiben von sonst oft hitzigen Diskussionen im ZDF-Studio und zeigte stattdessen einen reflektierten Politiker mit gehaltvollen Botschaften.

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Eine klare Meinung vertrat der 82-Jährige etwa zu den Unterzeichnern offener Briefe, die die Ukraine zum Waffenstillstand im Krieg gegen Russland bewegen wollten. „Pazifismus ist ehrenvoll, führt aber nicht zum Guten. Er zementiert nur die Dominanz der Bösen, der Unmenschlichen und der Verbrecher“, führte Gauck aus. Ob er selbst als ehemaliger Pfarrer zur Waffe greifen würde, wollte Gastgeber Lanz wissen. Gauck entgegnete: „Ich würde mir wünschen, es nicht tun zu müssen, aber in einem solchen Fall würde ich es tun.“ Man dürfe „nicht vor den Gewissenlosen kapitulieren“.

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„Periode des Wunschdenkens“

In Deutschland sei ein Umdenken gefragt. Das Land müsse laut Gauck „als Gesellschaft wieder neu lernen, dass Freiheit verteidigt werden muss“. Politisch sei der Kurswechsel anhand höherer Verteidigungsausgaben bereits spürbar. Ursache dafür sei, dass „autoritäre Mächte und Diktaturen“ die gewohnte „werte- und regelbasierte Ordnung“ samt des Völkerrechts auf die Probe stellen würden - etwa Russland und China. Dort herrsche eine „organisierte Ohnmacht der Vielen und eine Übermacht der Wenigen“, beschrieb Gauck.

Selbst den erfahrenen Politiker Joachim Gauck habe es überrascht, dass Russlands Machthaber Wladimir Putin „so dumm“ sei, einen Krieg anzufangen. Der Angriffskrieg stelle eine Zäsur dar. Zuvor habe sich Deutschland in Bezug auf Russland in einer „Periode des Wunschdenkens“ befunden, attestierte Joachim Gauck.

Trotz des drohenden schweren Winters verströmte der Ex-Bundespräsident Zuversicht: „Eine Wohlstandslücke kann man überleben. In diesem Land leben Menschen, die wissen, was wirkliche Armut ist, die Trümmer erlebt haben. Wir können auch mal die Zähne zusammenbeißen, in einer Phase, wo vielleicht die schönsten Träume nicht verwirklicht werden können oder man nur einmal statt zweimal im Jahr in den Urlaub fährt.“ Überdies stelle sich die Moralfrage, denn, so Gauck: „Wer wollen wir sein? Die mit stumpfer Wahrnehmung und kaltem Herzen? Oder die, die mit einem überfallenen Opfer solidarisch sind?“

„Das werde ich Olaf Scholz nicht vergessen“

Zum Handeln der Bundesregierung vertrat Joachim Gauck eine differenzierte Meinung. Zwar sei in den vergangenen Monaten viel unternommen worden, aber: „Wenn ich mich in die Schuhe der Opfer einer blutigen Aggression stelle und wenn ich das geringe Maß unserer aktiven Hilfe sehe, dann ist es das, was mir zu wenig ist.“ Es müsse noch etwas geschehen, forderte Gauck.

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Der zuletzt oft gescholtene Bundeskanzler Olaf Scholz erhielt dagegen Rückendeckung. Dessen Rede im Bundestag, in der der SPD-Mann eine Zeitenwende beschwor, habe Gauck „mit Stolz erfüllt“. Der 82-Jährige fügte an: „Das werde ich ihm nicht vergessen, dass er diese Kraft gehabt hat.“ Überrascht habe ihn zudem das Umdenken in der Bevölkerung: „Dass Deutschland akzeptiert, dass wir uns verteidigen müssen, das ist ja neu.“ Bei der Jugend sei zu beobachten, dass „schnelles Weglaufen eine unmoderne Haltung“ sei. „Ich hoffe, dass das so bleibt“, sagte Gauck.

RND/Teleschau

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