Analyse

Frankreichs Atomkurs: Ein Land ist unfähig umzudenken

Das Atomkraftwerk in Flamanville in der Normandie.

Das Atomkraftwerk in Flamanville in der Normandie.

Paris. Das Ausmaß der Energiekrise in Europa war noch gar nicht absehbar und die Kosten für Strom und Gas, für Benzin und Diesel stiegen erst allmählich, da führte die französische Regierung bereits Mechanismen ein, um die Verbraucherinnen und Verbraucher zu entlasten. Schon seit Herbst letzten Jahres sind die Strom- und Gaspreise gedeckelt, um die Steigerung bei unter 4 Prozent im Vergleich zu 2019 zu halten. Seit April gilt ein Tankrabatt, der zum Jahresende ausläuft.

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Die meisten Französinnen und Franzosen bewerten ihre Regierung zwar beinahe reflexhaft kritisch. Doch wie im ersten Jahr der Coronavirus-Pandemie, als der Staat großzügige Hilfspakete für die Unterstützung von Privathaushalten, Selbstständigen und die besonders betroffenen Branchen schnürte, schützt er sie auch jetzt vor Preisexplosionen. Und sich selbst damit vor der geballten Wut der Bürgerinnen und Bürger.

In Frankreich wächst die Nervosität: Drohen im Winter Blackouts?

Dennoch wächst auch in Frankreich die Nervosität: Drohen in diesem Winter einerseits Blackouts aufgrund von Stromknappheit und andererseits horrende Energierechnungen? Der Übertragungsnetzbetreiber RTE rief alle zur Sparsamkeit auf, um Ausfälle zu verhindern. Nun kündigte Premierministerin Élisabeth Borne eine Deckelung der Strom- und Gaspreise nur noch bei 15 Prozent (im Vergleich zu 2019) ab nächstem Jahr und zur Abfederung Einmalhilfen für zwölf Millionen Haushalte an.

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Zuvor hatte Präsident Emmanuel Macron gewarnt, das Land könne den Energieverbrauch auf Dauer nicht derart umfassend finanzieren. Allein die Verlängerung der Preisbremse kostet nun weitere 11 Milliarden Euro, während die Zinsen für das stark verschuldete Land steigen. Stromrationierungen seien nicht nötig, wenn sich alle verantwortungsvoll verhalten würden, so Macron, der das „Ende des Überflusses“ angekündigt hat. Es sind neue, ungewohnte Worte aus dem Mund des französischen Staatschefs, der wie fast alle seiner Vorgänger stark auf die Nuklearenergie setzte, diese als „historische Chance“ für sein Land bezeichnet hat. Die durch ihre Übermacht, die rund 70 Prozent im französischen Energiemix ausmacht, stets der Ausbau der Erneuerbaren ausgebremst hat. Dabei hätte das Land eigentlich hervorragende Bedingungen dafür.

Auf dem Gelände des Elbehafens in Brunsbüttel soll ein schwimmendes Terminal zum Entladen von LNG gebaut werden.

Nicht nur Flüssiggas: „Wir setzen auf Brunsbüttel als Umschlagsort für grüne Energie“

Energiewende-Staatssekretär Joschka Knuth (29) koordiniert für das Land Schleswig-Holstein den Bau eines schwimmenden LNG-Terminals in Brunsbüttel. Flüssiggas ist bei vielen als Klimakiller verschrien. Im Interview verrät der Grünen-Politiker, warum dieser schwierige Spagat nötig ist und wie er gelingen kann.

Frankreich hat sich angreifbar gemacht

Nun muss es erleben, wie angreifbar es sich mit diesem Kurs gemacht hat. Die Verlängerung der Laufzeiten mehrerer Reaktoren über die eigentlich vorgesehenen 40 Jahre hinaus machte umfassende Wartungsarbeiten notwendig. Weitere Kraftwerke wurden zeitgleich aufgrund von Korrosionsschäden heruntergefahren oder weil im Sommer Flüsse, die Kühlwasser spenden, ausgetrocknet oder überhitzt waren. Bis zu 32 der 56 Reaktoren fielen aus, zuletzt waren es noch 27. Einige von ihnen gehen nicht vor Februar 2023 wieder ans Netz – vorausgesetzt, es kommt nicht zu weiteren Zwischen- oder Störfällen.

Während Deutschland und andere Länder in Europa nun dafür bezahlen, in großem Stil auf russisches Gas gesetzt zu haben, offenbart sich in Frankreich die begrenzte Zuverlässigkeit eines alternden Atomparks. Anders als seit den 70er-Jahren von allen Regierungen behauptet, garantieren diese dem Land nur scheinbar energetische Unabhängigkeit. Dass Frankreich als historischer Exporteur Elektrizität importieren muss, verschärft die aktuelle Energiekrise in Europa.

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Doch ein Umsteuern ist nicht vorgesehen. Eine ehrliche Debatte über die Probleme und Risiken der Nuklearenergie oder der ungeklärten Frage der Entsorgung findet nicht statt. Unfähig, diese zuzulassen und die eigene Strategie infrage zu stellen, hat Macron den Bau von mindestens sechs neuen Europäischen Druckwasserreaktoren (EPR) angekündigt – dabei ist der Prototyp in Flamanville alles andere als ein Vorzeigebeispiel. Statt der geplanten Fertigstellung 2012 öffnet dieser frühestens Ende 2023. Kosten wird der Bau mindestens 19 statt der veranschlagten 3,5 Milliarden Euro. Die Rechnung übernehmen die Steuerzahler, während der Staat die Energiepreise künstlich niedrig hält, damit seine Mär von der billigen Atomkraft glaubwürdig bleibt. Und diese wird immer weiter erzählt, selbst jetzt noch.

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