„Anforderungen sind gesunken“

Trend zur Eins vor dem Komma: Abiturienten schneiden schon wieder gut ab

War die Abitur-Prüfung im Fach Mathematik in diesem Jahr in Niedersachsen zu schwer?

Trend zur Eins vor dem Komma: die Abiturnoten in diesem Jahr.

Berlin. Die Abiturdurchschnitte rücken bundesweit auch in diesem Jahr nah an die Marke von 2,0 heran. Darauf deuten die ersten Ergebnisse der Bundesländer hin. Damit setzt sich ein langjähriger Trend hin zu besseren Gymnasialabschlüssen fort.

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Neun Bundesländer haben bislang Auskunft über die diesjährigen Abiturergebnisse gegeben. In Bayern (Durchschnitt 2,15), Berlin (2,2), Brandenburg (2,1), Mecklenburg-Vorpommern (2,2) und Sachsen-Anhalt (2,22) schnitten die Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr jeweils etwas besser ab als die im Jahr zuvor. In Bremen ist der Schnitt mit 2,32 gegenüber dem Vorjahr unverändert, ebenso in Niedersachsen (2,38). In Hamburg und Schleswig-Holstein waren die Schülerinnen und Schüler mit 2,28 und 2,42 jeweils nur knapp schlechter als ihre Vorgänger (2,27 und 2,4).

Wie stark sich der Notendurchschnitt insgesamt verbessert hat, zeigt der Vergleich mit den Resultaten von vor fünf Jahren. Damals war 2,18 der beste Durchschnitt bundesweit. Erzielt hatten ihn die Abiturientinnen und Abiturienten in Thüringen, die seitdem im Bundesvergleich immer vorne lagen. In den meisten Bundesländern war der Schnitt 2017 allerdings mit Werten zwischen 2,3 und 2,6 deutlich schlechter.

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Gleichzeitig ist der Anteil der Einser-Abiturzeugnisse seit 2017 deutlich gestiegen. In diesem Jahr erzielten beispielsweise 36,4 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten in Brandenburg einen Einserschnitt, in Sachsen-Anhalt waren es 33,3 Prozent. Schon im vergangenen Jahr stand bundesweit auf rund einem Drittel der Abiturzeugnisse eine Eins vor dem Komma. 2017 waren es noch rund ein Viertel aller Abschlüsse.

Lehrerpräsident Meidinger: „Anforderungen sind gesunken“

Doch sind bessere Noten Ausdruck von besserer Bildung? Aus Sicht des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Heinz Peter Meidinger ist das nicht der Fall. „Statt nämlich mehr Geld und Ressourcen in schulische Förderung und echte Leistungssteigerung zu investieren, werden die Leistungsanforderungen abgesenkt“, sagte Meidinger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die letztliche Folge ist eine schleichende, aber scheinbar unaufhaltsame Entwertung der Abschlüsse.“

Gründe für die immer besser werdenden Noten gibt es aus Meidingers Sicht viele. So sei es inzwischen leichter möglich, schwierige Fächer zu umgehen und die mündliche Leistung werde stärker gewichtet. Auch kämen gute Noten durch einen Wettbewerb zwischen den Bundesländern zustande.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, kritisiert die immer besser werdenden Abiturnoten.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, kritisiert die immer besser werdenden Abiturnoten.

„Die Politik feiert dann immer bessere Ergebnisse, sinkende Sitzenbleiberquoten und die Flut an Einserabituren als Ergebnis ihrer tollen Bildungspolitik, was natürlich Quatsch und letztendlich ein Selbstbetrug ist“, so Meidinger. Wenn das Leistungsniveau tatsächlich gestiegen sei, müssten auch die Ergebnisse bei der Pisa-Studie besser werden. Das sei jedoch nicht der Fall.

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Abschlüsse verbessern sich während Pandemie sprunghaft

Auffällig ist, dass sich die Noten im Jahr 2021 im Vergleich zu 2020 besonders verbessert haben. In vielen Bundesländern sank der Schnitt um ein Zehntel, in Niedersachsen waren die Abiturientinnen und Abiturienten 2021 sogar um 0,29 besser als im Vorjahr. Meidinger sieht den Grund vor allem in den pandemiebedingten Prüfungserleichterungen. Es sei zu einer „Überkompensation der tatsächlichen Nachteile“ gekommen, kritisierte der Lehrerpräsident.

„Die von der Bildungspolitik gern bemühte Formulierung, diese Jahrgänge hätten trotz Corona so tolle Ergebnisse erreicht, ist natürlich unrichtig, richtig muss es heißen: Diese Spitzenergebnisse wurden wegen Corona erreicht!“, sagte der Lehrerpräsident. Die Abschlüsse der Corona-Jahrgänge seien kaum mit denen der vorherigen Jahrgänge vergleichbar, ungleiche Voraussetzungen bei der Zulassung an Universitäten seien die Folge.

Ist noch etwas von der Entschleunigung der Pandemie geblieben?

Wenn Sie täglich eine Stunde mehr zur Verfügung hätten, wofür würden Sie diese verwenden? Zeit­forschende haben untersucht, wie Menschen in der Pandemie ihren Umgang mit der Zeit verändert haben – mit überraschenden Ergebnissen.

GEW sieht Probleme nicht beim Abitur

Anders als Lehrerpräsident Meidinger hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nichts gegen die guten Abiturnoten einzuwenden. „Es zeigt, dass das Abitur keine exklusive Angelegenheit für wenige ist, sondern bei guter Unterstützung und Förderung in der Schule – und zu Pandemiezeiten auch zu Hause – erreichbar ist“, sagt Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstandsmitglied für den Bereich Schule, dem RND.

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Die GEW verweist stattdessen auf eine andere Baustelle. „Sorgen sollten wir uns jetzt nicht um gute Noten im Abitur machen. Sorgen bereiten mir Schülerinnen und Schüler aus schwierigen Verhältnissen, mit weit weniger guten Lernmöglichkeiten zu Hause. Sie wurden während der Pandemie noch stärker abgehängt“, so Schulze.

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