Wie geht es jetzt weiter?

Halbzeit des 9-Euro-Tickets: fünf Lehren für die Zukunft

Eine Regionalbahn der Deutschen Bahn fährt am Morgen in den Hauptbahnhof Hannover ein.

Eine Regionalbahn der Deutschen Bahn fährt am Morgen in den Hauptbahnhof Hannover ein.

Berlin. Als der Koalitionsausschuss vor einigen Monaten die Einführung des 9-Euro-Tickets verkündete, gab es auf vielen Seiten erst mal Ratlosigkeit und ja, auch Ärger. Die Verkehrsverbünde wurden von der Ankündigung genauso überrascht wie manche Verkehrspolitiker der Ampel. Selbst einige Abgeordnete der Koalitionsfraktionen hatten im Vorfeld nicht an den Erfolg geglaubt. Doch nach den ersten sechs Wochen mit dem Billigangebot zeigt sich: Das Angebot ist ein echter Kassenschlager und viele Menschen wollen es nicht mehr missen. Zeit für eine Zwischenbilanz – und fünf Erkenntnisse mit Blick auf die Zukunft des Nahverkehrs:

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1. Die Menschen wollen den Nahverkehr nutzen

Bis dato haben die Verkehrsverbünde und die Deutsche Bahn mehr als 31 Millionen 9-Euro-Tickets verkauft. Die Menschen haben also Lust auf den Nahverkehr, auch wenn er noch viele Schwachstellen hat. Laut ersten Ergebnissen einer Marktforschung im Auftrag des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gemeinsam mit der Deutschen Bahn wollen sogar 40 Prozent der Nutzer auf Autofahrten verzichten. (Wöchentlich werden 6000 Personen ab 14 Jahren bevölkerungsrepräsentativ online und telefonisch befragt.) Das zeigt: Der Wille zum Umsteigen ist also da.

9-Euro-Ticket für das ganze Jahr?

Nach den ersten 9-Euro-Ticket-Wochenenden mehren sich die Forderungen nach einer Verlängerung oder Entwicklung von langfristigen Angeboten.

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2. Verbundstruktur ist zu kompliziert

In manchen Bundesländern existieren mehr als 15 Verkehrsverbünde mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Geltungsbereichen. Als Konsequenz müssen Pendlerinnen und Pendler mitunter Tickets von zwei Verbünden ziehen, um von A nach B zu kommen. Die bundesweite Gültigkeit des 9-Euro-Tickets kommt bei den Fahrgästen gut an, weil es das Reisen über Ländergrenzen hinweg einfach macht. Mehr bundesländerübergreifende Tickets könnten ein Reformansatz sein.

3. Einfache Ticketbedingungen überzeugen

Es gibt Bahnhöfe in Deutschland, auf denen mehrere Ticketautomaten verschiedener Verkehrsverbünde auf einem Bahngleis stehen. Das ist für viele Reisende zu kompliziert. Das 9-Euro-Ticket ist auch so beliebt, weil die Bedingungen transparent sind: 9 Euro für einen Monat überall in Deutschland. Die Menschen müssen über das nötige Ticket also gar nicht mehr nachdenken, auch wenn sie beispielsweise in einer anderen deutschen Stadt Urlaub machen. Wenn die Tickets in allen Bundesländern ähnliche Namen hätten und die Preise auf dem gleichen Niveau wären, könnte das Problem gelöst werden.

Hohe Nachfrage beim 9-Euro-Ticket – bereits 21 Millionen Fahrkarten verkauft

Im ersten Gültigkeitsmonat des 9-Euro-Tickets sind dem VDV zufolge bundesweit rund 21 Millionen der Sonderfahrkarten verkauft worden.

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4. ÖPNV-Infrastruktur reicht nicht aus

Überfüllte Züge am ersten Feiertagswochenende im Juni haben gezeigt, dass manche Strecken nicht auf einen Anstieg der Fahrgastzahlen vorbereitet waren. Viele Menschen können das 9-Euro-Ticket zudem nicht regelmäßig nutzen, weil der Bus bei ihnen auf dem Land nur einmal am Tag fährt. Der Nahverkehr benötigt also mehr Geld für den Infrastrukturausbau. Der VDV geht davon aus, dass im Jahr 2030 etwa 11 Milliarden Euro zusätzliche Mittel nötig sein werden, um die Kapazitäten gemäß der Klimaziele im Verkehrsbereich zu erweitern. Bis dahin seien etwa 1,5 Milliarden Euro mehr pro Jahr nötig.

5. Erst Reform, dann Billigpreise

Der Fokus bei der Verkehrswende im ÖPNV-Bereich muss beim Ausbau des Netzes liegen, sind sich Verbünde und Fahrgastverbände einig. Sonst wird es langfristig zu Enttäuschungen über mangelnden Komfort bei den Fahrgästen kommen, so die Befürchtung. Sie könnten recht haben: Bereits jetzt gibt es Reisende, die sich darüber beschweren, dass sie ihr Fahrrad aufgrund der überfüllten Züge oftmals nicht mitnehmen können. Fahrgastverbände befürworten deshalb das österreichische Modell: Dort hat man mehrere Jahrzehnte den Nahverkehr ausgebaut und erst dann ein sehr günstiges Jahresticket eingeführt.

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Und wie geht es jetzt weiter?

Nun, im Herbst findet eine weitere Verkehrsministerkonferenz von Bund und Ländern statt. Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) will mit seinen Länderkollegen über die Lehren aus dem 9-Euro-Ticket diskutieren. Gleichzeitig tagt seit einigen Monaten eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zu Reformmöglichkeiten des ÖPNV. Es soll sich auf einen Maßnahmenkatalog geeinigt werden zur Verbesserung des Angebots. Dann will Wissing über eine Erhöhung der Bundesmittel für den Nahverkehr diskutieren.

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Eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets schließen Wissing und Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) aus. Ob es ein Anschlussangebot in anderer Form geben wird, ist aktuell unklar. In einem Entwurf zum geplanten Klimaschutzsofortprogramm wurde ein nicht näher beschriebenes Klimaticket vorgeschlagen. Eine Umsetzung hängt jedoch an der Finanzierung, über die sich Bund und Länder zunächst einig werden müssten.

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Nach dem schweren Zugunglück in Garmisch-Partenkirchen hat die Bergung letzter Zugteile begonnen.

Verkehrsunternehmen fordern 69-Euro-Ticket

Der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) hat indes ein Ticket für 69-Euro vorgeschlagen. Demnach soll man im Herbst für diesen Betrag weiter bundesweit Regional- und Stadtverkehr nutzen können. Das sagte Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Die Kosten schätzt der VDV auf etwa 2 Milliarden Euro pro Jahr. Finanzieren will es Wolff mit einem Sondervermögen, wie es im Falle der Bundewehr beschlossen wurde.

Grünen-Chefin Ricarda Lang hat sich hierfür offen gezeigt. „Über das Modell werden wir in der Koalition beraten, klar ist aber: Es braucht eine Anschlussregelung, die wie vom Bundesverkehrsminister vorgeschlagen möglichst bundeseinheitlich gilt und dabei günstig ist, also auch sozial“, zitiert sie die FAZ.

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