Kiew über Brüssel verärgert

Über 100.000 tote Verteidiger: Hat sich von der Leyen versprochen oder geirrt?

Gedenken an verstorbene ukrainische Soldaten auf dem Friedhof in Charkiw im Osten der des Landes.

Gedenken an verstorbene ukrainische Soldaten auf dem Friedhof in Charkiw im Osten der des Landes.

Kiew. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sorgt mit einer beim Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlichten und inzwischen gelöschten Ansprache für Aufregung. Dabei sprach sie von mehr als 100.000 getöteten ukrainischen Soldaten.

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Kiew reagierte prombt: Präsidentensprecher Serhij Nykyforow betonte gegenüber dem ukrainischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dass nur der Oberkommandierende der Streitkräfte, der Verteidigungsminister oder der Präsident belastbare Zahlen über die Verluste veröffentlichen können. Das klang nach Ärger, aber nicht nach einem Dementi.

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Präsident Wolodymyr Selenskyj werde offizielle Daten publik machen, „wenn der richtige Moment“ gekommen ist, da das eine sensible Information sei. Kiew habe bereits in Brüssel angefragt, woher EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihre Informationen habe, fügte Nykyforow hinzu.

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Klar ist, dass diese Botschaft Nykyforows vor allem der eigenen Bevölkerung galt. Denn würde diese Zahl realistisch die derzeitigen Verluste der Ukraine beschreiben, müsste sich die Ukraine der Frage stellen, wie lange sich dieser verlustreiche Verteidigungskampf noch fortsetzen lässt.

Kein Strom, kein Wasser und keine Heizung in Cherson – „aber auch keine Russen“

Die Lage in der Stadt im Süden der Ukraine ist extrem schwierig. Aber die Menschen zeigen sich dennoch sehr erleichtert.

Vor dem Krieg bestand die ukrainische Armee aus 250.000 aktiven Soldaten. Die Verlustzahlen würden bedeuten, dass die Armee des osteuropäischen Landes bereits 40 Prozent seiner Friedensstärke verloren hat. Zu den 250.000 aktiven Soldaten wurden damals etwa eine Million Reservisten gezählt, von denen viele eingezogen wurden. Gegen Russland kämpfen zudem Freiwillige aus dem Ausland, deren Zahl sich nicht konkret er­mitteln lässt. Auch aus dem Inland ha­ben sich viele Zivilisten freiwillig der ortsgebundenen Territorialverteidigung zur Verfügung gestellt.

Bei einer Rede in New York schätzte der US-General Mark Milley Mitte November die Zahl der im Krieg insgesamt getöteten oder verwundeten Soldaten auf rund 200.000. Mit Blick auf Russland sagte der ranghöchste militärische Berater von US-Präsident Joe Biden: „Wir haben es mit weit über 100.000 getöteten oder verwundeten russischen Soldaten zu tun.“ Dasselbe gelte wahrscheinlich auch für die ukrainische Seite. Er sprach zugleich von 40.000 getöteten Zivilisten.

Wird von Kiew kritisiert: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Wird von Kiew kritisiert: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Bei einer Gesamtbevölkerungszahl von rund 43 Millionen Menschen wird es der Ukraine schwerer fallen, die fehlenden Verteidiger zu kompensieren. In Russland leben mehr als drei Mal so viele Menschen wie in der Ukraine – 143,3 Millionen.

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Zum Vergleich: Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979 kostete binnen zehn Jahren 115.000 sowjetischen, 55.000 afghanischen und über 200.000 Mudschahedin das Leben. Im Vietnamkrieg starben insgesamt 58.200 US-Soldaten, 250.000 Südvietnamesen und über eine Million Menschen aus Nordvietnam – binnen 20 Jahren zwischen1955 und 1975.

Ein ukrainischer Armeesprecher wollte am Mittwoch keine konkreten Angaben machen. „Wir können diese Ziffer nicht bestätigen und betonen, dass die Verluste der ukrainischen Armee dienstliche Informationen sind, die unter die Geheimhaltung fallen“, sagte Bohdan Senyk dem Onlineportal Ukrajinska Prawda. Gleichzeitig sagte er, dass Kiew es begrüße, wenn die durch von der Leyen gemachten Angaben dabei helfen würden, die für den Krieg Verantwortlichen in Russland vor Gericht zu stellen.

Aufzeichnung der Rede entfernt.

Auf die Kritik aus Kiew an von der Leyens Zahlen reagierte Brüssel umgehend: Eine Aufzeichnung der Rede wurde noch am Mittwoch vom offiziellen Twitter-Account der EU-Kommissionspräsidentin entfernt. Der Tweet war nicht mehr abrufbar. Stattdessen wurde ein neues, zwölf Sekunden kürzeres Video veröffentlicht, aus dem die Aussage zur Zahl getöteter ukrainischer Soldaten und Zivilisten herausgeschnitten ist.

Bleibt die Frage, ob der Kommissionspräsidentin eine Zahl, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war herausgerutscht ist oder ob sie da eine Phantasiezahl genannt hat.

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RND/dpa/stu

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