Heizen ohne Putins Hilfe

Nächste Antwort Biogas? Wie ein Landwirt sein Dorf von Putin unabhängig machte

Landwirt Rainer Bonnhoff vor seiner Biogasanlage. Mit dieser versorgt er sein Heimatdorf mit Wärme.

Elmshorn. „Tiefenentspannt“. Mit diesem Wort beschreibt Rainer Bonnhoff die aktuelle Stimmung in seinem Heimatdorf in Schleswig-Holstein. Und auf den ersten Blick wirkt der Ort auch tatsächlich so: Nur rund 3000 Menschen leben in der beschaulichen Gemeinde bei Elmshorn, entlang einer Hauptstraße liegen ein großer Rosenzuchtbetrieb, ein Tante-Emma-Laden und mehrere kleine Wohngebiete mit gut gepflegten Vorgärten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es ist aber gar nicht die nordische Beschaulichkeit, die bei den Einwohnerinnen und Einwohnern für Gelassenheit sorgt – sondern der Blick auf die Gaspreise.

Ein Großteil der Gemeinde Klein Offenseth-Sparrieshoop lebt bereits seit vielen Jahren völlig unabhängig vom russischen Gas. Die aktuellen Diskussionen um Preissteigerungen oder mögliche Importstopps gehen an der Bevölkerung derzeit praktisch vorbei. „Die sind hier alle tiefenentspannt“, sagt Bonnhoff im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Und der Grund dafür ist Bonnhoff selbst.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein Dorf heizt selbst

Das Stichwort heißt Nahwärme. Bereits im Jahr 2006 errichtete der Landwirt auf seinem Hof eine Biogasanlage. 16 Jahre später versorgt er dutzende private Haushalte in seinem Heimatdorf, das Gemeindezentrum, die Feuerwehr, die Schule, die Sporthalle und ganz nebenbei auch noch die größte Rosenbaumschule Europas mit Wärme. Die Preise dafür waren schon vor dem Ukraine-Krieg günstiger als Erdgas – und sie sind in diesen Zeiten vor allem eins: stabil.

Erst gerade hat Bonnhoff im Ort einen weiteren Kilometer neues Netz legen lassen, 40 weitere Wohneinheiten wurden angeschlossen, darunter ein sozialer Wohnungsbau. In Kürze soll direkt gegenüber ein neuer großer Supermarkt entstehen – auch er soll dann mit Wärme aus Bonnhoffs Biogasanlage beliefert werden. Sollte es tatsächlich zu einem Importstopp von russischem Gas kommen, ist die Versorgung in Klein Offenseth-Sparrieshoop sichergestellt: „Ich kann immer liefern“, sagt Bonnhoff.

Beschaulicher geht es kaum: Die Kirche im kleinen Ort Klein Offenseth-Sparrieshoop in Schleswig-Holstein. Viele Gebäude werden hier mit Wärme aus der Biogasanlage beheizt.

Beschaulicher geht es kaum: Die Kirche im kleinen Ort Klein Offenseth-Sparrieshoop in Schleswig-Holstein. Viele Gebäude werden hier mit Wärme aus der Biogasanlage beheizt.

Zwar sei längst noch nicht jeder Hausbesitzer und jede Hausbesitzerin im Ort an die Anlage angeschlossen, erklärt der Landwirt. „Sollte es aber Hart auf Hart kommen, könnte das gesamte Dorf völlig autark heizen.“ Der Wechsel von Gas auf Nahwärme ist technisch nicht sonderlich kompliziert. Bis zu 8000 Haushalte könne Bonnhoff theoretisch mit seiner Anlage versorgen – da seien die rund 1000 Haushalte im Ort „ein Witz“.

Die meisten Biogasanlagen liefern Strom

Das, was im Dorf Klein Offenseth-Sparrieshoop passiert, wäre – zumindest in der Theorie – auch auf Deutschland hochgerechnet möglich. Biogasanlagen sind nicht nur in der Lage, Wärme über Leitungen in die nähere Umgebung zu transportieren – sie könnten auch Gas direkt ins deutsche Erdgasnetz einspeisen. Tatsächlich wird das allerdings nur selten gemacht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die knapp 10.000 Biogasanlagen in Deutschland speisen vor allem Strom ins Netz ein, auch Rainer Bonnhoff tut das. Nur rund 200 Betreiber und Betreiberinnen beteiligen sich an der Gaseinspeisung. In Deutschland lag der Biogasanteil im Netz im Jahr 2021 gerade mal bei einem Prozent.

Das könnte sich ändern, wenn man denn wollte: Der Fachverband Biogas im bayerischen Freising beispielsweise erklärt, die Biogasproduktion könne innerhalb von fünf bis zehn Jahren verdoppelt werden. Damit ließe sich die Hälfte der Gasimporte aus Russland ersetzen. Allerdings müssten viele Biogasanlagen dafür zunächst umgerüstet werden – es brauche also ein klares Signal aus der Politik.

Strom, Gas und Energie werden teurer: So kann man im Alltag Geld sparen

Grundsätzlich hilft gegen die steigenden Energiepreise, seine Ausgaben zu kalkulieren und einen Überblick über die Fixkosten zu haben.

Viele Steine in den Weg gelegt

Auf dem Hof von Rainer Bonnhoff sind viele Voraussetzungen dafür bereits geschaffen. Die Produktion von Strom und Wärme läuft hier hochprofessionell: Sechs feste Mitarbeitende sind für die Anlage auf dem Hof angestellt, Bonnhoff bildet auch aus. Das Personal ist auch nötig, denn die Anlage muss ständig kontrolliert werden. Bonnhoff zeigt einen Raum mit mehreren Computerbildschirmen, über den Zufuhr und Rührvorgang der Anlage gesteuert werden. Zudem hätten alle Mitarbeitenden eine App auf ihrem Handy, die im Zweifel auch Warnungen verschickt. Wenn die Werte nicht stimmen, muss gegengesteuert werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dass es hier heute so professionell zu geht, ist vor allem Bonnhoffs Hartnäckigkeit zu verdanken – denn Biogasanlagenbetreiber mussten in den vergangenen Jahren buchstäblich gegen Windmühlen kämpfen. Im Gegensatz zu anderen regenerativen Energien wird das Thema Biogas in der Politik eher stiefmütterlich behandelt.

Allein 2020 und 2021 wurden in Deutschland mehr als 200 solcher Anlagen stillgelegt – für viele Landwirte und Landwirtinnen lohnt sich ein Betrieb schlichtweg nicht mehr. Eine nachhaltige Strategie fehlt bis heute, die Gesetze und Vorgaben wurden über die Jahre immer mal wieder geändert – häufig zum Leidwesen der Betreiberinnen und Betreiber.

Das Problem mit dem Umweltschutz

Die Zögerlichkeit in der Politik hat auch damit zu tun, wie die Anlagen funktionieren. Insbesondere beim Umweltschutz haben die kleinen Kraftwerke auf den Höfen der Landwirte einen schlechten Ruf – und viele Kritikerinnen und Kritiker.

Die Anlagen werden neben Gülle oder Mist auch mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben, allen voran mit Mais. Im Innern übernehmen dann Bakterien die weitere Arbeit – beim Gärprozess entsteht Methan, dass dann wiederum zum Heizen oder zur Stromerzeugung genutzt werden kann.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das klimaschädliche Methan ist nicht das Problem – es geht schließlich direkt ins Kraftwerk. Vielmehr stößt der notwendige Maisanbau immer wieder auf Kritik.

Greenpeace: „Keine Alternative zum Erdgas“

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace beispielsweise bezeichnet Biogas als „keine Alternative zum Erdgas“. „Der Anbau von Energiepflanzen verdrängt die Nahrungsmittelproduktion und jeder weitere Druck auf natürliche Ökosysteme gefährdet die Artenvielfalt. Allenfalls Biogas aus Reststoffen ist ökologisch vertretbar – aber davon gibt es nur geringe Mengen“, heißt es weiter.

Die Biogasanlage von Rainer Bonnhoff produziert zuverlässig Wärme.

Die Biogasanlage von Rainer Bonnhoff produziert zuverlässig Wärme.

Die Deutsche Umwelthilfe geht noch einen Schritt weiter. Allein in Deutschland würden derzeit 782.000 Hektar für den Anbau von Raps, Getreide und anderen Pflanzen für Biokraftstoffe genutzt, so die Kritik. Das seien fast 5 Prozent der Agrarfläche. Stattdessen solle man diese Fläche lieber für Lebensmittel oder effizientere erneuerbare Energie wie Fotovoltaik oder Windenergie nutzen, wird DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch in einer Mitteilung zitiert.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Umweltverbände favorisieren daher zum Heizen eher Wärmepumpen oder Solarthermieanlagen in Häusern, statt Gasanschlüsse. Greenpeace fordert gar ein Verbot von Gasheizungen ab 2024.

Alternativen zum Mais sind verboten

Ganz von der Hand zu weisen sind die Vorwürfe nicht. Tatsächlich nahm die Anbaufläche für Mais zwischen 2008 und 2012, der Zeit des Booms der Biogasanlagen, um 23 Prozent zu. Dies verschärfte auch das Nitratproblem. 2014 reagierte die Politik auf die Kritik mit einer umstrittenen Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Darin wurden die Auflagen und Bedingungen für große Anlagen verschärft – und zahlreiche Anreize für den Betrieb einer solchen genommen.

Rainer Bonnhoff sieht die Argumente gegen die Biogasanlage dennoch kritisch. Zum einen würden Landwirte und Landwirtinnen für den Maisanbau auch Ausgleichsflächen schaffen, betont er. Zum anderen mache die Politik den Betreibern und Betreiberinnen das Leben unnötig schwer. „Ich würde gerne auch andere Stoffe in die Biogasanlage einbringen, das ist jedoch ohne Weiteres so nicht erlaubt.“

Bonnhoff redet hier von sogenannten Nachprodukten. Im Nachbarort von Klein Offenseth-Sparrieshoop beispielsweise produziert eine Firma Produkte aus Hafer. Die Schalen beispielsweise könnte Bonnhoff auch in seiner Biogasanlage verwenden – darf es aber nicht. Er müsste die Anlage zunächst als Abfallanlage zertifizieren lassen, was allerdings einen jahrelangen und kostenintensiven Genehmigungsprozess bedeuten würde, dessen positiver Ausgang keineswegs sicher ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Andere Länder sind weiter

Stattdessen würden die zahlreiche Abfallprodukte aus der Landwirtschaft einfach so weggeworfen, bemängelt Bonnhoff, obwohl man sie auch einfach für Biogasanlagen verwenden könne. Die Politik könne das Problem einfach mit einer Gesetzesänderung beheben. „Andere Länder sind da deutlich offener“, betont Bonnhoff. Als Beispiel nennt der Landwirt etwa Italien.

Aber auch nicht weit von Schleswig-Holstein, nämlich im Nachbarland Dänemark, spielen Biogasanlagen eine deutlich größere Rolle als hierzulande. Hier ist das Konzept ein etwas anderes: Statt vieler kleiner Betriebe setzt das Land auf Großunternehmen, die Gülle und Mist von den Bauern oder Lebensmittelabfälle einsammeln und daraus wiederum Gas produzieren.

2021 hatte Biogas einen Anteil von 25 Prozent an der dänischen Gasversorgung. Die Technologie hat sich im Nachbarland über Jahre hinweg etabliert. Bis 2034 will das Land seinen gesamten Gasbedarf durch Biogas decken.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Landwirt wünscht sich ein Signal von Habeck

In der deutschen Politik hingegen ist laut Bonnhoff derzeit noch kein Umdenken festzustellen – und das obwohl Biogasanlagen auch ohne den Ukraine-Krieg viele Vorteile mitbrächten, etwa bei der Sicherstellung der Stromversorgung. „Wir können immer Energie produzieren, egal bei welchem Wetter“, sagt der Landwirt. Eine Abhängigkeit von Wind und Sonne beispielsweise gebe es nicht.

Natürlich könne nicht ganz Deutschland künftig mit Energie und Wärme aus Biogasanlagen versorgt werden, sagt Rainer Bonnhofff. „Das wäre vermessen, das zu fordern.“ Vielmehr sei die Mischung wichtig.

Vom jetzigen Wirtschaftsminister Robert Habeck wünscht sich Bonnhoff daher eine klare Aussage zur Zukunft der Anlagen. Denn in einem ist sich der Landwirt ganz sicher: „Ohne uns Biogasanlagenbetreiber ist die Energiewende gar nicht realisierbar.“

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.