Experte Lindon Pronto im Interview

„Deutschland ist ein bisschen arrogant bei Waldbränden“

Die Feuerwehr löscht Glutnester in Brandenburg.

Hannover. Lindon Pronto ist in den USA aufgewachsen und hat dort zwischen 2007 und 2014 gegen die großen Waldbrände in Kalifornien gekämpft. Seit 2014 ist er in Deutschland, um zu diesem Thema zu forschen und zu beraten. Als Experte am European Forest Institute (EFI) in Bonn ist er immer wieder auch in anderen Ländern zum Thema unterwegs und kennt die dortigen Waldbrände und Bekämpfungsstrategien.

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Herr Pronto, droht Deutschland nach dem Waldbrand in Brandenburg ein extremer Sommer mit viel Feuer?

Damit Waldbrände entstehen, braucht es vier Dinge: Hitze, Brennmaterial, Sauerstoff – und natürlich eine Zündquelle. Ersteres hatten wir jetzt mit der Hitzewelle in Deutschland und Europa, und wahrscheinlich droht das auch immer wieder in diesem Sommer. In die Modelle, mit denen wir die Wahrscheinlichkeit von Waldbränden prognostizieren, geht auch die Trockenheit der Böden ein. Die ist in Brandenburg und den anderen ostdeutschen Gebieten besonders hoch. Aber ganz Deutschland ist eines der Länder, das am schnellsten sein Bodenwasser verliert. Dabei wird es wahr­scheinlicher, mehrere Waldbrände zu erleben, dieses Jahr aber vor allem auch in den kommenden Jahren.

Lindon Pronto forscht am European Forest Institute (EFI) zu Waldbränden.

Lindon Pronto forscht am European Forest Institute (EFI) zu Waldbränden.

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Ist Deutschland vorbereitet auf große Waldbrände?

Bislang haben wir seit den großen Waldbränden wie zum Beispiel 2018 in Brandenburg wenig bei der Umsetzung geändert. Die Vorbereitung beginnt mit der Prävention, das braucht aber viele Jahre. Positiv ist, dass aktuell viele Projekte zu diesem Thema laufen. Insgesamt werden dafür in Deutschland 12 Millionen Euro eingesetzt. Langfristig ist es wichtig, dass wir auf widerstandsfähigere Landschaften hinarbeiten, die extremen Wetterereignissen und Bränden standhalten können. Das heißt also, mehr dürreresistente Baumarten zu verwenden oder mehr Laubbäume zu pflanzen, um einen schattigeren, feuchteren und weniger entflamm­baren Waldboden zu schaffen. Genau dieses Brennmaterial auf der Oberfläche ist meistens das Gefährliche. Mischwälder sind deutlich resilienter gegenüber Waldbränden als beispiels­weise reine Kieferbestände.

Können die Brände rechtzeitig erkannt werden, wenn sie entstehen?

In diesem Bereich ist Deutschland gut aufgestellt. Die Früherkennung kann klassisch von Brandtürmen aus erfolgen, aber vor allem durch Kameras und Früherkennungsflüge. Wenn diese eine Rauchwolke sichten, kann man dann prüfen, ob die Ursache tatsächlich ein Feuer ist. Technisch tut sich da aber auch viel, mittlerweile wird auch mehr mit Sensoren gearbeitet, die an Bäumen angebracht werden können. Deutschland hat aber im Vergleich zu anderen Ländern auch einen Vorteil: Hier ist die Fläche eher dicht besiedelt, wenn ein Feuer ausbricht, ist oft jemand in der Nähe, der das direkt der Feuerwehr melden kann.

Deutschland hat im Vergleich zu den USA oder südeuropäischen Ländern eher wenig Erfahrung mit Waldbränden. Macht sich das auch bei der Expertise bemerkbar?

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Ja, auf jeden Fall, Deutschland hat Nachholbedarf. Ich muss ehrlich sagen, im Vergleich zu vielen andere Ländern ist Deutschland ein bisschen arrogant bei Waldbränden. Man wähnt sich mit seinen Hubschraubern, Tanklöschfahrzeugen und der Anzahl von Einsatzkräften gut aufgestellt. Immer wieder wird betont, dass man alles im Griff hat. Aus meiner Sicht werden meistens die Brände hierzulande nicht durch Kompetenz und Effizienz gelöscht, sondern eher durch Wetterumschwünge, die die Löscharbeiten begünstigen – wie jetzt wieder in Branden­burg. Es fehlt an Ausbildung und Fachkompetenz der Bodenkräfte. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, aber wir müssen auch ehrlich darüber sprechen können. Wenn das Feuer aus ist, wird wenig darüber nachgedacht, was man hätte anders machen müssen.

Feuer in Brandenburg verschlimmern sich

Winde mit Geschwindigkeiten von rund 45 km/h hatten am Samstag dazu geführt, dass sich die Feuer erneut weiter entfachten.

Wo sehen Sie denn Handlungsbedarf?

In erster Linie ist die Ausbildung wichtig. Spezielle Schulungen zum Thema Waldbrand­bekämpfung gibt es in Deutschland fast nicht. Als weiteren Ansatz­punkt kann man das Feuer für die eigenen Zwecke einsetzen. Feuer wird ja oft verteufelt, aber letztendlich hat es auch seine Rolle im Ökosystem. Es kann das vorhandene Brennmaterial so regulieren, dass die ganz großen Waldbrände gar nicht entstehen können oder sich weniger schädlich auswirken. Konkret heißt das, dass präventiv zum Beispiel das Bodenmaterial in einem Wald kontrolliert abgebrannt wird – wie man das mit vielen Heideflächen in Deutschland macht. Dann wird der Boden freier, sodass ein unbeabsichtigtes Feuer sich weniger stark ausbreiteten kann.

Und wenn der Waldbrand schon in vollem Gange ist?

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Auch dann kann man mit dem sogenannten taktischen Feuer arbeiten und kontrolliert Schneisen in den Wald schlagen, sodass das Feuer, wenn es dort ankommt, gar kein Brennmaterial findet. Das ist im Ausland eine gängige Vorgehensweise, die sicher und effektiv ist. Das ist etwas ganz anderes, als einfach am Straßenrand zu stehen und mit Wasser auf den Brand zu halten.

Warum wird in Deutschland diese Taktik nicht eingesetzt?

Das ist eine heikle politische Diskussion. Denn dann müsste die Feuerwehr selbst Feuer legen, das ist bis jetzt nicht gewollt und ist in den Vorschriften für Feuerwehren daher auch nicht enthalten. Unter bestimmten Umständen kann aber der zuständige Förster in Zusammen­arbeit mit der Feuerwehr das Feuer legen, das ist in einigen Bundesländern erlaubt. Bei dem Waldbrand in Brandenburg wurde das jetzt offenbar erstmals eingesetzt, so lässt sich das Feuer dann auch gezielter von den Flächen fernhalten, auf denen wohl noch alte Munition liegt. Für die Zukunft wäre es natürlich gut, wenn Förstern und Feuerwehrleuten diese Taktik in gemeinsamen Schulungen beigebracht wird.

Auch im Ausland hat die Waldbrandsaison begonnen, kürzlich wurden Feuer in Spanien und auf der griechischen Insel Euböa gemeldet. Funktioniert mittlerweile die europäische Zusammenarbeit bei der Brandbekämpfung?

Ich befürchte, dass wir möglicherweise in diesem Sommer in eine schwierige Situation kommen werden, mit vielen Bränden in Europa. Zum Glück ist die Zusammenarbeit zwischen den Ländern besser geworden. Es ist jetzt einfach die neue Realität, dass wir für solche Einsätze regelmäßig Ressourcen zur Verfügung stellen müssen. Deutschland bereitet zwar vor, eigene Leute in Waldbrandgebiete zu schicken, die sind aber für solche Einsätze bis jetzt wenig oder sogar gar nicht gezielt ausgebildet. Ich hoffe, wir werden weiterhin daraus lernen und länderübergreifend die Zusammenarbeit verstärken, um unsere Einsatzkräfte auf einen guten Stand zu bringen.

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