Angeklagter gesteht Tat in Idar-Oberstein

„Als er wie erwartet reagierte, schoss ich ihm mitten ins Gesicht“

Der 50-jährige Angeklagte im Gerichtssaal.

Bad Kreuznach. Der Angeklagte im Prozess um den tödlichen Schuss an einer Tankstelle in Idar-Oberstein gesteht, sein Opfer gezielt provoziert zu haben, um den 20-Jährigen erschießen zu können. Er fühlte sich durch den angeblichen Befehlston, mit dem der junge Mann ihn zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes aufgefordert habe, gedemütigt. Die Corona-Maßnahmen hätten ihn an einen „totalitären Staat“ erinnert und seien schuld am Selbstmord seines Vaters gewesen.

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Tränenüberströmt halten sich Mutter und Freundin auf dem Flur vor Saal 7 des Landgerichts Bad Kreuznach aneinander fest. Was sie soeben hören mussten, hat schon neutrale Prozessbeobachter fassungslos zurückgelassen. Für die Angehörigen des Opfers jedoch müssen die Worte, mit denen Mario N. soeben den tödlichen Schuss auf ihren Sohn und Partner zugegeben hat, kaum zu verkraften gewesen sein.

Angeklagter haderte mit den Corona-Maßnahmen

Mit dem von seinem Anwalt verlesenen Geständnis ist am Freitag der Prozess gegen einen 50 Jahre alten Angeklagten fortgesetzt worden, der im August vergangenen Jahres den Mitarbeiter einer Tankstelle im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein mit einem gezielten Schuss ins Gesicht getötet haben soll. Das mutmaßliche Motiv: Der 20 Jahre alte Alexander W. hatte den Angeklagten gebeten, in der Tankstelle der geltenden Maskenpflicht nachzukommen. Dadurch habe sich N. seiner Einlassung zufolge „wie ein Idiot“ und „von oben herab behandelt“ gefühlt. Zudem habe ihn der „Befehlston“, mit dem ihn sein späteres Opfer angeblich angesprochen habe, gestört.

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Tankstellenmord in Idar-Oberstein: Prozess beginnt

Der Angeklagte soll den Mitarbeiter einer Tankstelle erschossen haben, nachdem dieser den Kunden mehrfach auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte.

Er habe schon seit Langem mit den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus gehadert, liest Rechtsanwalt Alexander Klein die Worte seines Mandanten vor. Nicht nur, dass N., bis zur Tat selbstständiger Softwareentwickler, seit Pandemiebeginn Umsatzeinbußen habe hinnehmen müssen. Auch seien Restaurantbesuche und Ausflüge, die er zuvor regelmäßig mit seiner Lebensgefährtin unternommen habe, ausgefallen oder nicht mehr so schön gewesen.

Angeklagter: „Maßnahmen waren schuld am Tod meines Vaters“

2020 habe zudem sein Vater versucht, die Mutter des Angeklagten zu erschießen und anschließend Selbstmord begangen. „Die Corona-Maßnahmen waren schuld am Tod meines Vaters“, lässt N. verlauten. Der an Krebs erkrankte Mann habe deswegen nicht zu einem Arzt gekonnt. Zudem habe sich die Familie, die 1977 aus der DDR ausreisen durfte, wegen der Maßnahmen an einen „totalitären Staat“ erinnert gefühlt. Besonders gestört habe den 50-Jährigen jedoch die Maskenpflicht. „Ich bin Asthmatiker und habe von Geburt an eine verengte Luftröhre“, lässt er über seinen Anwalt mitteilen. Beim Einkaufen habe er die Maske zwar dennoch aufgesetzt, weil er nicht wollte, dass Supermarktmitarbeiter seinetwegen Ärger bekommen. „Ich musste mich aber immer beeilen, um Panikanfälle zu vermeiden“, heißt es weiter.

Zwar entschuldigt sich N. zu Beginn der Einlassung bei den Angehörigen seines Opfers und gibt an, die Tat zu bereuen. Doch die Art seines Geständnisses und sein erneut gelassen, eloquent und souverän wirkendes Auftreten vor Gericht machen es schwer, ihm uneingeschränkt zu glauben. Es scheint, als suche N. vor allem nach Rechtfertigungen für sein Handeln. Zunächst seien ihm während der Pandemie die Einnahmen weggebrochen. 2018 habe er noch mehr als 100.000 Euro Erlös erwirtschaftet, 2020 seien es nur 19.000 Euro gewesen. Daraufhin habe er sich im Internet auf die Suche nach der „Wahrheit“ über Corona gemacht – und dort offenbar ähnlich Denkende getroffen, die seine Ansichten von Unterdrückung und einem totalitären Staat teilten.

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Was folgte, war ein Hochschaukeln und Hineinsteigern in krude Theorien und Hass. N. fühlte sich in seiner Sicht bestätigt, die Corona-Maßnahmen seien nichts als Gängelei. Auch habe er gelesen, dass ein bayerischer Politiker Personen ins Gefängnis stecken wolle, die sich der Maske verweigerten. Selbst „normale Bürger“ hätten auf Einhaltung der Regeln bestanden, „und wer sich nicht daran hielt, wurde wie ein Verbrecher behandelt“, lässt N. verlesen. Weil er mit alldem nicht einverstanden gewesen sei, habe er trotz finanzieller Probleme den Auftrag ausgeschlagen, an der Erweiterung der Corona-Warn-App des Bundes mitzuarbeiten.

Die Aufforderung seines späteren Opfers, Mundschutz zu tragen, habe ihm schließlich den Rest gegeben, zumal er dem jungen Mann noch gesagt habe, dass er „tierische Probleme mit der Maske“ hat. „Ich dachte mir, wenn er bloß nicht in diesem Befehlston und so von oben herab mit mir gesprochen hätte, dann wäre es nicht so weit gekommen“, heißt es zum Schluss des Geständnisses.

Blumen und Kerzen vor der Tankstelle, in der ein junger Kassierer am 18. September 2021 erschossen wurde.

Blumen und Kerzen vor der Tankstelle, in der ein junger Kassierer am 18. September 2021 erschossen wurde.

Am Tatabend habe N. bereits sieben bis acht Dosen Bier getrunken, als es zum ersten Aufeinandertreffen mit Alexander W. kam. Nachdem er der Tankstelle verwiesen worden war, habe er zu Hause weitergetrunken und wütende Videobotschaften an seinen in den USA lebenden Schwager gesendet, mit dem er sich schon öfter über die Corona-Maßnahmen in Deutschland unterhalten habe. Der Schwager habe jedoch nicht reagiert, „ansonsten hätte er mich vielleicht abhalten können, noch mal das Haus zu verlassen“. Schließlich sei N. ins Schlafzimmer gegangen und habe einen Revolver geholt, den ihm sein Vater einst gegeben hatte. Zwar habe er damit eigenen Angaben zufolge noch nie zuvor geschossen, grundsätzlich aber habe er schießen können: „Mein Schwager hat mich in den USA oft zum Schießstand mitgenommen.“

Angeklagter: „Ich bereue die Tat zutiefst“

Dann fallen die Worte, bei denen die Mutter des getöteten Alexander W. ihre Tränen nicht mehr zurückhalten kann: „Gefangen in seinen Gedanken“ sei N. dann zur Tankstelle zurückgefahren, um W. „zu provozieren und, falls er reagiert wie beabsichtigt, sofort zu erschießen“. Kurz darauf setzte er seinen Plan ohne zu zögern um: „Als er wie erwartet reagierte, schoss ich ihm mitten ins Gesicht.“ Danach sei der Angeklagte nach Hause gefahren und habe sich ins Bett gelegt. Erst am nächsten Morgen sei ihm klar geworden, was er getan habe. „Ich bin erschrocken, in welchen Zustand mich meine mangelnde Akzeptanz der Corona-Maßnahmen gebracht hat“, lässt N. verlauten. Nüchtern hätte er niemals so gehandelt. „Ich bereue die Tat zutiefst.“

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Am Freitag wandte sich auch die Mutter des getöteten 20-Jährigen sichtlich erschüttert an den Angeklagten: „Ich kann Ihnen nicht verzeihen“, sagte sie – das könne er nicht von ihr erwarten.

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