Hamburger Sturmflut 1962: Zeitzeugen erinnern sich an Schrecken und Abenteuer

Vom Wasser eingeschlossene Bewohner des Stadtteils Wilhelmsburg werden mit Booten in Sicherheit gebracht.

Hamburg. Gurgelgeräusche wecken Jürgen Karsch in der Nacht zum 17. Februar 1962 in Hamburg-Wilhelmsburg. Der Achtjährige will zu seinen Eltern gehen – doch als er die Füße aus dem Bett setzt, denkt er: „Äh, was ist das denn?“ Gut fünf Zentimeter hoch habe damals vor 60 Jahren auf dem Boden der Parterre-Wohnung Wasser gestanden, erinnert sich Karsch, der damals im Mehrfamilienhaus am Stübenplatz 1 wohnte. Er habe seinen Vater geweckt. Der habe sofort reagiert: „Raus! Raus! Raus!“ Das Wasser habe schon die Hälfte der Fenster von außen bedeckt, durch die Ritzen drang es in die Wohnung ein.

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Die Familie rannte das Treppenhaus hoch. Gerade als seine Mutter auf dem ersten Treppenabsatz angekommen war, habe die Haustür krachend nachgegeben. Innerhalb von Sekunden sei das Wasser hereingeströmt und die Wohnungstür zugeschlagen. 1,20 Meter hoch habe es in der Wohnung gestanden, bis zu 2,20 Meter auf dem Stübenplatz. Die Familie flüchtete sich in den vierten Stock. Mindestens 14 Tage hätten sie bei einer Nachbarsfamilie gewohnt, sagt Karsch.

Eine Frau wird mit einem Schlauchboot in Sicherheit gebracht.

Eine Frau wird mit einem Schlauchboot in Sicherheit gebracht.

Wilhelmsburg war der Brennpunkt der Flutkatastrophe. 200 der 315 Hamburger Opfer starben hier. Wie zuvor an anderen Stellen brach am Spreehafen der Deich. Die Flut überschwemmte eine Kleingartenkolonie, in der zahlreiche Ausgebombte des Zweiten Weltkriegs in Behelfsbauten lebten. Der Stadtteil, eine tiefliegende Insel zwischen den Elbarmen, lief wie eine Badewanne voll. Am Spreehafendeich erinnert heute eine beschädigte Tafel an die Katastrophe.

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Der achtjährige Jürgen Karsch verbrachte die Tage damals am Fenster im vierten Stock und verfolgte das für ihn spannende Geschehen auf dem Stübenplatz. Riesige Hubschrauber, aus denen Hilfsgüter abgeseilt wurden, hätten in der Luft gestanden. Zahlreiche Sturmboote seien durch die Straßen gefahren. Liebend gern wäre er wie die älteren Nachbarsjungen mit einem Schlauchboot durch die Gegend gepaddelt, erzählt Karsch. Die große Tragödie, die die Flut für Hunderte Wilhelmsburger bedeutete, sei ihm als Kind nicht bewusst geworden. Als Wochen später die Schule wieder anfing, seien jedoch zwei oder drei Klassenkameraden verschwunden gewesen.

Hamburger Deiche an rund 60 Stellen zerstört

Die Sturmflut kam nicht aus heiterem Himmel, aber für viele Menschen ohne Vorwarnung. Bereits am 16. Februar 1962 war das Wasser über die Kaimauern geschwappt und hatte Straßen am Hafenrand überschwemmt. In der Nacht drückte der Orkan „Vincinette“ das Wasser der Nordsee in die Mündungen von Weser und Elbe. Mit der Rekordhöhe von 5,70 Meter über Normal Null (NN) zerstörte die Flut die Hamburger Deiche an rund 60 Stellen. Innerhalb kurzer Zeit stand ein Sechstel der Stadt unter Wasser.

Strom-, Telefon- und Gasnetze fielen aus. Die Hamburger Rettungskräfte waren überfordert. Bürgermeister Paul Nevermann (SPD) befand sich auf einer Kur in Österreich. Der erst zwei Monate zuvor ernannte Polizeisenator Helmut Schmidt (SPD) war gegen Mitternacht mit dem Auto aus Berlin gekommen – und hatte sich schlafen gelegt. Am Morgen weckte ihn Regierungsdirektor Werner Eilers, wie das „Hamburger Abendblatt“ in seinem aktuellen Sonderheft „Die Flut“ berichtet. Schmidt eilte in die Polizeizentrale und gründete einen Notstandsstab. Dank seiner guten Kontakte zur Bundeswehr und zur Nato trafen umgehend Soldaten mit Hubschraubern ein.

Autodächer ragen aus den Fluten im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg.

Autodächer ragen aus den Fluten im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg.

Das Grundgesetz erlaubte diesen Einsatz des Militärs im Inland nicht. „Ich hab' mich um die Gesetze nicht gekümmert. Ich hab' auch nicht erst die Juristen gefragt, ob ich das darf“, sagte Schmidt später, wie aus einer Tonaufzeichnung hervorgeht, die die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung in einer Twitter-Chronik verbreitete. Schmidts Krisenmanagement in der Flutkatastrophe gilt in Hamburg bis heute als legendär.

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Der Senator war sich der Flutgefahr durchaus bewusst gewesen. Wochen vor der Katastrophe habe er in einem Brief an einen SPD-Bundestagsabgeordneten die unzureichende Vorbereitung Hamburgs erläutert, erklärte der Sprecher der Stiftung, Ulfert Kaphengst. Er habe ein Planspiel als Katastrophenschutzübung vorgeschlagen und die Bildung einer Innenbehörde angeregt. Am 14. Februar 1962 hatte der Senat daraufhin die Errichtung einer solchen Behörde beschlossen. In der Nacht zum 17. Februar unterstanden Polizei, Feuerwehr und andere Hilfsorganisationen aber noch verschiedenen Behörden.

Freiwilliger Helfer: „Berge von totem Vieh“

Ein Ort, von dem aus die Militärhubschrauber zu Rettungs- und Versorgungsflügen starteten, war der Jenischpark in Othmarschen. Klaus-Peter Leiste half damals, die Maschinen zu beladen und Hilfsgüter zu verteilen. Als Mitglied der Blankeneser Jugendrotkreuz-Gruppe habe er das freiwillig gemacht, sagt der heute 76-Jährige. Am 17. Februar 1962 sei er das erste Mal in seinem Leben geflogen. Aus der Luft blickte er auf das Katastrophengebiet südlich der Elbe. „Ich habe mit Schrecken gesehen, dass nur noch die Häuser als Inseln aus dem Wasser herausragten“, sagt Leiste.

Der Hubschrauber landete auf einem Deich. Er und die anderen Helfer hätten Wolldecken, Mineralwasser, Kartoffeln, Spirituskocher und andere Hilfsgüter verteilt. Die Anwohner hätten die Sachen mit Booten abgeholt. „Die waren so dankbar, manche haben einen umarmt.“ Die ländlich geprägten Stadtteile Cranz und Neuenfelde waren anders betroffen als Wilhelmsburg: „Was mich unheimlich fertig gemacht hat, war das tote Vieh, Berge von totem Vieh“, sagt Leiste. Die Erfahrung als jugendlicher Katastrophenhelfer habe ihn für sein ganzes Leben geprägt. Als Navigator sei er später zur Wasserschutzpolizei gegangen. Stets habe er sich ehrenamtlich engagiert.

An einem Mahnmal in Wilhelmsburg gedenken die Hamburger jedes Jahr der Katastrophe. In diesem Jahr soll Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) am 16. Februar das Wort ergreifen. Abgesehen von dem in die Jahre gekommenen Denkmal gibt es nur wenige Hinweise auf die Flut von 1962. Eine Dauerausstellung soll mit Unterstützung des Senats im Museum Elbinsel Wilhelmsburg entstehen. Es soll nach Angaben der Finanzbehörde im Jahr 2025 eröffnet werden.

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Seit 1962 sind die Hamburger Deiche immer wieder erhöht und verstärkt worden. Die Warnungen vor dem Klimawandel lassen das Thema nicht in Vergessenheit geraten. Der Klimaforscher Mojib Latif glaubt allerdings nicht, dass die Flut von 1962 schon vom Klimawandel beeinflusst war. „Der überwiegende Teil der globalen Erwärmung hat sich erst nach 1980 ereignet, konsistent mit dem Anstieg der Treibhausgase“, sagte Latif. Sorge bereitet dem neuen Präsidenten der Hamburger Akademie der Wissenschaften der Meeresspiegelanstieg: „Er könnte bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa einen Meter steigen, danach noch um viel mehr.“

RND/dpa

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